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Die ethische Dimension

Die Firmengeschichte ist nicht alltäglich: 1953 gründeten einige junge Wissenschaftler in Wien ein Unternehmen, um Wirkstoffe aus menschlichem Plasma zu gewinnen und weiterzuver-arbeiten. Aus dieser Initiative hat sich eine weltweit tätige Gesellschaft mit rund 2.700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von weit mehr als 3 Mrd. S entwickelt: die IMMUNO AG

Der wirtschaftliche Aufstieg ist eng mit den Erfolgen in Forschung, Entwicklung und Produktion verbunden: Meilensteine sind die Mitentwicklung eines Impfstoffes gegen Kinderlähmung, die Entwicklung von Faktorenkonzentraten, um Blutern ein annähernd normales Leben zu ermöglichen, die Produktion des Impfstoffes gegen den von Zecken übertragenen Erreger einer Gehirnentzündung und die Entwicklung eines Gewebeklebers zur Unterstützung der chirurgischen Naht. In der Forschung nach einem Impfstoff gegen die Immunschwächekrankheit AIDS liegt IMMUNO, soweit sich heute absehen läßt, international im Spitzenfeld.

Dies alles löst nicht nur Anerkennung aus. Kritiker stoßen sich an Tierversuchen und an der gentechnologischen Forschung. Gilt das Sprichwort "Viel Feind - viel Ehr" auch umgekehrt?

Tatsächlich wird bei IMMUNO wissenschaftliche Arbeit und ökonomisches Handeln auch von humanistischen Überlegungen geleitet - ein Umstand, von dem kritische Gruppen in einer Epoche allgemeiner Skepsis gegenüber der Wissenschaft und der industriellen Produktion schwer überzeugt werden können.

Für Prof. Rudolf Weiler, Vorstand des Institutes für Ethik und Sozialwissenschaften an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, gehört das Recht auf Leben und auf

Leidensminimierung zur menschlichen Identität. "So ist es sittlich und als Auftrag an die Gesellschaft zu verstehen, Leiden zu lindern oder zu beseitigen", folgert er

Dieser Auftrag zur Linderung von Leiden "legitimiert auch die Inkaufnahme von Schmerz im Tierversuch zum Dienst am Menschen".

Für viele Tiermodelle gibt es nach heutigem Stand des Wissens noch keinen Ersatz. Zum Beispiel macht dieÄhnlichkeitvon Blut und Immunsystem des Schimpansen zu jenem des Menschen diesen Primaten zum einzigen Modell für die Entwicklung und vorklinische Erprobung von Impfstoffen gegen Hepatitis- und AIDS-Infek-tionen.

Trotz deutlicher Erfolge bei der Entwicklung von Ersatzmethoden für Tierversuche nehmen die Einwände von Tierversuchsgegnern an Schärfe zu. Von Tierrechtsorganisationen wird immer wieder behauptet, der Mensch - selbst ein "Irrtum der Evolution" -maße sich das Recht an, über andere Arten zu herrschen.

Die Frage nach dem Verbleib der Ethik stellt sich zwangsläufig, wenn etwa Peter Singer, einer der "Päpste" der Tierrechtsbewegung, behauptet, daß Hunde oder Schweine ethisch höher zu bewerten seien, als ein behindertes Kind. Oder wenn in den USA vorgeschlagen wird, statt Tierexperimenten Versuche mit zum Tode verurteilten Verbrechern durchzuführen.

Professor Luigi lammarone - er lehrt Metaphysik und katholische Glaubenslehre an der päpstlichen theologischen Fakultät von St. Bonaventure - bezeichnet solche Vorstellungen als "absurd" und "abwegig". In einem Interview, das im Vorjahr in der deutschen Zeitschrift "Fusion" veröffentlicht wurde, betont er, daß das Dasein des Menschen" niemals dem Tun und der Existenz von Lebewesen untergeordnet" werden könne, die "auf einer niedrigeren Stufe stehen als er."

Hepatitis B ist eine Geißel der Menschheit: Jede Minute sterben zwei Menschen an dieser heimtückischen Form einer Leberentzündung. Würde man die Weltbevölkerung durchimpfen, bestünde wahrscheinlich Hoffnung, diese Krankheit einmal ebenso wie die Pocken auszurotten.

Bisher ist es jedoch noch nicht gelungen, einen Impfstoff herzustellen, der auch Menschen mit geschwächter Immunabwehr gegen Hepatitis B schützt. Hier hilft nur die Gentechnologie. IMMUNO hat das Oberflächen-Protein des Viruses gentechnisch hergestellt und daraus einen Impfstoff entwickelt, der sich gegenwärtig in der klinischen Erprobung befindet.

Die Forderung nach Verzicht auf die Anwendung gentechnologischer Verfahren - manchmal sogar mit der Forderung nach einem Forschungsverbot auf die Spitze getrieben - wird immer wieder mit ethischen Überlegungen begründet. Und mit dem Hinweis auf möglichen Mißbrauch. "Der befürchtete Mißbrauch macht gerechten Gebrauch nicht unmöglich", kontert der oberösterreichische protestantische Theologe Prof. Dr. Karl Erwin Schiller und nennt Versuche, Forschung im Bereich der Gentechnologie einzuschränken oder zu unterbinden "einen Schildbürgerstreich übelster Art". Die Gentechnologie biete die "Chance zur Enträtselung des Menschseins" und aus ethischer Sicht sei eine somatische Gentherapie in der Absicht, eine sonst nicht heilbare Krankheit zu beseitigen,"genauso akzeptabel wie ein chirurgischer Eingriff".

Zu Sachlichkeit bei der Abwägung von Chancen und Risken der Gentechnologie mahnt der katholische Linzer Moraltheologe Prof. Dr. Alfons Riedl: "Nichts, was der Mensch tut, hat nicht auch Nachteile. Wir haben die Verantwortung, Chancen, die uns gegeben sind, wahrzunehmen". Verantwortlich seien wir nicht nur für das Tun, sondern auch für das Unterlassen. Jedoch müßten wir "unsere ganze Vernunft zur Abschätzung von Risken und Gefahren aufbieten".

Vor bestimmten Krankheitserregern - Viren und Bakterien - kann man sich durch Impfung schützen. Diese Immunisierung ist eine Art "Training für den Ernstfall": Der Organismus entwickelt die zur Abwehr eines bestimmten Erregers erforderlichen Antikörper als Waffen, die dann im Falle eines Angriffs sofort verfügbar sind und eine Infektion verhindern oder zumindest deren Verlauf abschwächen können.

Noch vor 50 Jahren hätte niemand am Nutzen einer Impfung gezweifelt. Zu deutlich waren die Folgen von Kinderlähmung und Pocken, zu hoch die

Sterbeziffern bei Diphtherie oder Tetanus.

Seit Mitte der siebziger Jahre stellt IMMUNO den Impfstoff gegen eine von Zecken übertragene Form der Gehirnentzündung-die Frühsommer-Meningo-Encephalitis (FSME) her. Das gesundheitspolitische Ziel, möglichst die gesamte Bevölkerung durch-zuimpfen, hat bewirkt, daß in Österreich als einzigem europäischen Land die Zahl der FSME-Erkrankungen stark zurückgegangen ist: 1979 wurden in österreichischen Spitälern noch mehr als 700 Behandlungsfälle der "Zeckenkrankheit" registriert; 1990 waren es nur noch 88. Die im Vorjahr von Impfgegnern losgetretene Kampagne blieb nicht ohne Folgen: Allein bis zur zweiten Novemberhälfte 1991 sind bereits wieder 128 FSME-Fälle registriert worden.

Keine wirksame Impfung ist - ebenso wie keine wirksame Medikation -zur Gänze frei von Nebenwirkungen. Vorklinische und klinische Prüfungen können eine möglichst große, aber keine absolute Sicherheit bieten. Als Folge der Masern-Impfung ist nach einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO damit zu rechnen, daß eines von einer Million geimpfter Kinder an einer Gehirnentzündung erkrankt.

Stellt man das Risiko dem Nutzen gegenüber, so scheint es rational nicht erklärbar, daß die Argumente der Impfgegner eine abnehmende Impf-bereitschaft auslösen können. Es hat den Anschein, als mache heute ein noch so unwahrscheinliches Risiko einen noch so augenfälligen Nutzen unakzeptabeL Eine mögliche Erklärung hiefür liefert das Charakteristikum des menschlichen Denkens, die Folgen einer Handlung - auch die negativen - höher zu bewerten, als jene einer Unterlassung.

Diese Information wurde von der IMMUNO AG, 1221 Wien, Industriestraße 67, Kommunikation & Information extern, finanziert.

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