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Die Euthanasiegesellschaft

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In bestimmten Fällen werden Ärzte in Holland künftig ihre Patienten gezielt töten dürfen: Das Haager Parlament hat einem entsprechenden Gesetzentwurf der amtierenden Regierungskoalition aus Christ- und Sozialdemokraten zugestimmt. Eine Wende in der europäischen Gesetzgebung?

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In bestimmten Fällen werden Ärzte in Holland künftig ihre Patienten gezielt töten dürfen: Das Haager Parlament hat einem entsprechenden Gesetzentwurf der amtierenden Regierungskoalition aus Christ- und Sozialdemokraten zugestimmt. Eine Wende in der europäischen Gesetzgebung?

In Holland wird also Sterbehilfe - welch harmlose Umschreibung für einen schrecklichen Vorgang - legalisiert. Seit Jahren wird Druck gemacht, um das zu erreichen: Seit 1980 zirkuliert eine „Gebrauchsanleitung für verantwortungsvolle Euthanasie” im Lande. 50 Prozent der Krankenschwestern und Pfleger hätten, einem von ihnen veröffentlichten „Schwarzbuch” zufolge an Tötungen mitgewirkt. Im Vorjahr deckte eine Untersuchungskommission auf, daß zwei Prozent aller Todesfälle in Holland auf Euthanasie zurückzuführen seien. Wieder einmal wird der Ruf nach „Entkriminalisierung” laut.

Das Gesetz leistet ihm Folge. Was sieht es vor? Zunächst, daß „Euthanasie” grundsätzlich verboten ist. Nur unter bestimmten Bedingungen werde auf Strafe verzichtet: Der Patient - mit unerträglichen Schmerzen, aber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte - muß wiederholt darum bitten. Dann darf der Arzt handeln, muß aber vorher Kollegen und die Familie des Patienten konsultieren sowie die geplante Sterbehilfe melden.

Eigentlich müßten wir alle zutiefst erschrecken. Da geht es nämlich an das Fundament unserer Existenz. Jeder von uns kann in diese Situation kommen. Ja, um uns hier in Österreich geht es! Denn die Euthanasie-Kampagne läuft weltweit: in Australien (dort sind angeblich 62 Prozent der Ärzte für eine solche Regelung), in Großbritannien, in Deutschland, in den USA (1991 wurde die Legalisierung der Sterbehilfe in Kalifornien und Washington nur mit knapper Mehrheit abgelehnt), in Frankreich (da sah ein Gesetzesentwurf im Senat die Tötung behinderter Neugeborener vor). Vor allem aber: 1991 hat ein Unterausschuß des Europa-Parlaments die Legalisierung der Sterbehilfe empfohlen. Und wir streben doch in die EG, nicht wahr?

Ein „Hiitfertürl”

Der weitere Verlauf der Dinge läßt sich absehen. Weichgeklopft von den Medien wird sich die öffentliche Meinung langsam mit dem Undenkbaren anfreunden - wie bei der Abtreibung auch.

Wie ähnlich die Dinge laufen, zeigt schon die Formulierung des holländischen Gesetzentwurfes. Er erinnert fatal an unsere Fristenregelung: Das heuchlerische Verbot am Anfang - und dann das „Hintertürl” der Straflosigkeit in bestimmten Fällen, das de facto alle Barrieren wegräumt und das Bewußtsein für Gut und Böse bei der großen Mehrheit total ruiniert. Wir haben es, wie gesagt, in der Abtreibungsfrage miterlebt.

Daß das leichtfertige Reden über Euthanasie uns nicht alle in helle Empörung versetzt, ist nur vordergründig überraschend. Auch das hängt mit der Abtreibungsfrage zusammen. Unsere Gesellschaft hat sich an den Gedanken gewöhnt, daß man über das Leben eines anderen verfügen darf. Das Tabu, Leben unter allen Umständen zu schützen, ist ja längst gefallen. Was jetzt in Holland geschieht, ist nur die konsequente Fortsetzung des einmal beschrittenen Weges. Ihm werden weitere Schritte folgen.

Die Tötung auf Verlangen ist die „Einstiegsdroge in die Euthanasiegesellschaft”, steht im „Kinsauer Manifest” (1991), das sich kritisch mit der Sterbehilfe auseinandersetzt. Was das heißt? Daß die Menschen immer stärker unter Druck geraten werden, ihr Lebensende selbst zu bestimmen oder es sich verordnen zu lassen. Man kann sich das leicht ausrechnen: Einen Schwerkranken zu pflegen, ist ja tatsächlich eine große Belastung. Wie leicht kann da der Leidende das Gefühl bekommen, sein Weiterleben sei für sein Umgebung eigentlich unzumutbar? Wird da nicht so mancher, eigentlich nicht vorhandene Sterbewunsch nur aus schlechtem Gewissen entstehen?

Pfleglinge geraten unter Druck

Und: Wie vielen Pfleglingen wird man nahelegen, doch endlich von ihrem Recht, ihr Leben zu beenden, „freien” Gebrauch zu machen? Bei der Abtreibung erleben wir ja längst ähnliches: Mütter, die gegen ihren Willen unter dem Druck der Eltern, des Mannes oder „Freundes” ihr Kind töten lassen. Wieviele Rufe nach der „erlösenden” Spritze werden unter massivem Druck der Umgebung geäußert werden? Machen wir uns nichts vor: Ein Kind auszutragen, um es zur Adoption freizugeben, ist kaum belastender als die Pflege eines schwer leidenden Menschen rund um die Uhr.

Ich könnte jetzt viele sehr gute Argumente gegen die Euthanasie ins Treffen führen. Gegen Unmenschlichkeit Stellung zu nehmen, ist nicht schwer. Aber es wird kaum etwas bringen. Auch das hat die Abtreibungsdebatte gezeigt: Alle Argumente für die Freigabe der Tötung Ungeborener wurden widerlegt. Und dennoch hat sich ein Recht auf Abtreibung im Bewußtsein der Öffentlichkeit (auch bei ehemaligen Gegnern) etabliert.

Es geht nämlich nicht um vernünftige Argumentation, sondern um die Konfrontation von Lebensentwürfen. Das Recht, über Tod und Leben zu entscheiden, ist nur die äußerste Konsequenz des Menschenbildes unserer Zeit: In allen Fragen entscheidet das Nützlichkeitskalkül des autonomen Menschen, der sich seine Ziele selbst setzt.

„Wer sagt, man dürfe die eigene Mutter töten, hat nicht Argumente, sondern Zurechtweisung verdient”, hat Aristoteles gesagt. Über die Grundfragen des Lebens läßt sich nicht rational argumentieren. Tabus achtet oder verwirft man. Worüber sollen wir denn noch diskutieren? Über das Töten der Kinder und der Eltern, über das Heiraten Homosexueller, über die Verwertung von Ungeborenen für Pharmaprodukte und wissenschaftliche Versuche...? All das ist ohnedies schon „cool” zerredet worden. Wer sich empört, dem wird unpassende Emotionalität vorgeworfen.

Aber was soll uns überhaupt aufregen, wenn nicht die Frage nach der Verfügung über unser Leben? Geschieht nicht in Holland jetzt auf lässige, demokratische Art dasselbe wie im Dritten Reich? Die Kategorie „unwertes Leben” wird in der Rechtsordnung etabliert, menschliches Dasein, das sich nicht zu leben lohnt. Ich fürchte nur: Aus der Geschichte lernt nur, wer dazu bereit ist.

So bleibt als einzige echte Alternative zu dieser Inhumanität, das überzeugend weiterzusagen, was Jesus Christus verkündet hat: Der Mensch braucht sich nicht zum Titanen aufspielen und damit ruinieren, weil ja Gott für ihn sorgen will. Nur der tief verwurzelte Glaube daran, daß unser Leben ein Geschenk Gottes ist, kann uns retten.

Wer Augen hat zum Sehen, wird es erkennen: Es ist gut, wenn wir über unser Leben ebensowenig grenzenlos verfügen wie über die anderen Geschenke Gottes: die Tiere, die Wälder, die Meere, die Fruchtbarkeit des Bodens... Die Umweltproblematik lehrt uns, daß unser Nützlichkeitsdenken gepaart mit der Hybris, über alles verfügen zu können, uns in den Untergang führt.

Holland macht einen weiteren - wahrscheinlich entscheidenden - Schritt auf Huxleys „Schöne, neue Welt” der perfekten Unmenschlichkeit zu.

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