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Die Gefangennahme

Janko Ferk ist 22 Jahre alt, Kärntner, eine Hoffnung der österreichischen Literatur. Sein erster Roman, „Der verurteilte Kläger", dem wir diese Leseprobe entnehmen, erscheint im Herbst im PaulZsolnay-Verlag, Wien. Sicher ist Ferks Herkunft aus der slowenischen Minderheit Kärntens ein Schlüssel zum Verständnis des Werkes. Die Holzschnitte unserer Beilage schuf der Wahl-Kärntner Werner Berg. Wir entnehmen sie dem Buch „ Werner Berg" vom Kristian Sotriffer mit Holzschnitt- Werkkatalog 1929 -1972, erschienen in der Edition Tusch, Wien.

„Sehen wir uns morgen im Theater?“ fragte der durchschnittliche Mann verheißungsvoll eine junge Dame, die an seiner Seite die Freitreppe des Schauspielhauses herunterkam.

„Eine glänzende Frage, die vordergründig als solche erscheint, aber nur den geschlechtlichen Vorgang als Selbstzweck zur besonderen Grundlage hat. Es wird mir ein ziemlich schweres sein, dieses wortklauberische Fragezeichen zu beantworten, obwohl Sie wissen, daß ich gerne ins Theater gehe. Lassen wir uns überraschen, vielmehr: lassen Sie sich überraschen!“ zungte sie ihm gekonnt hin.

Der Bann ihrer Worte zog ihn auf die Straße, wo ihn die kalten Häscher erblickten. Gewaltvoll umschlossen sie seinen anzugbetuchten Körper mit der rohen Kraft der nackten Arme. Er ergab sich widerstandslos dieser Macht; sie hob ihn vom Boden weg; ihm war es, als schwebe er schwerelos über die Straße; und: er wußte nicht wohin.

Die Menschenmenge, die ihn umgeben hatte, und die Theaterbesucherin scherten sich nicht weiter um ihn. Alle zerliefen sich. Er war nur ein Fremder mit ihrer Leidenschaft, dem Theater. Was kümmert sie der Fremde, den hier niemand kannte?

„Sie sind verhaftet!“ flötete ihm der rechte der beiden Träger ins Ohr. Mit einem fragenden Gesichtsausdruck lehnte er seine linke Wange an den

Kopf des linken Trägers, der ihm eine weitere Erklärung schuldig blieb.

Er war verhaftet und kannte den Grund nicht. Seine hervorragende Rechtskenntnis half überhaupt nicht. Er war einfach verhaftet worden. An ein Verbrechen konnte er sich nicht entsinnen. Deshalb dachte er scharf nach und verharrte in seiner witzigen Stellung. Sein Kopf war seitlich geneigt, die Hände eine umschlungene Einheit mit fremden Armen, der Rumpf fürchterlich zusammengepreßt, die Füße über dem Boden zum Körper gezogen. Die plötzliche Folgerung seiner Frage und seiner Gefühle ließ ihn ängstlich werden. Er war leer und fühlte sich in einen Abgrund stürzen. Doch fiel er nicht, scharf abwärts, sondern flog der Nase nach. Mit ihm wurde verfahren wie mit einem Landstreicher, Unrechtler oder eben Verhafteten.

Sollte er nicht ruhig bleiben, versprachen sie ihm, bekäme er einen Schlag ins Genick. Es war eine „gute“ Drohung, da nur von der möglichen Ausführung, nicht aber von der tatsächlichen Durchführung die Rede war.

Schließlich gelangten sie auf eine viereckige Fläche, die offensichtlich ein Richtplatz war. Alle vier (gleich langen) Seiten waren mit Tötungsbehelfen gesäumt. Eine Seite beherbergte einen Galgen, die andere einen breiten Bal ken, an den der Verurteilte geschnallt wurde, um erschossen zu werden. Gegenüber dem Galgen stand ein Köpfungsgerät und entgegengesetzt dem Erschießungsbalken war ein tiefer Teich, in den man Nichtschwimmer warf, angelegt. Täter, die erwürgt werden sollten, stellten sie in die Mitte des Richtplatzes, den Menschenblut überschwemmte; der Blutabfluß war seit kurzer Zeit verstopft, da das Blut in ihm geronnen war.

Als der dickere der beiden Vollstrek- ker seine Arbeitsstätte erblickte, jaulte er vergnügt in die Ruhe der Nacht.

Hört ihr die Stille?” waren die ersten Worte des mittleren Mannes, nachdem er den ganzen Weg lang beharrlich geschwiegen hatte.

Keiner antwortete, auch nicht der Widerhall, nur der zweite stieß einen schrillen Pfiff aus.

Ein „Unschuldiger“ sollte sterben, um das Urteil, das arbeitslose Rechtsfaller holzten, zu erfüllen.

Endlich begann dem „Unschuldigen“ das eigene Schicksal zudämmern, er sollte ermordet werden, gerichtet...

Andere zum Tode Verurteilte haderten höchstzeitigjetzt. In ihrer Verzweiflung würden sie sinnlose Worte sagen, die aus ihrem Innersten sich herausgekämpft hätten und doch die Wahrheit bloßstellten.

„Ich verachte euch, die ihr für die Todesstrafe seid - und die ihr sie scheuklapprig ausführt. Schämt euch eurer ekligen Aufgabe! Speit euch gegenseitig ins Gesicht! Ich stimme nicht für sie! Die Todesstrafe ist nicht das Heilmittel, daseuer Leben gesund macht, M e n- sehen. Mit dem Ermorden der Schuldigen bekämpft ihr nicht die Schuld. Fort mit den Henkern!“ sagte er jetzt.

Dieser Verhaftete ließ kein Wort mehr über seine Lippen, gebannt schaute er den Schergen zu.

Sie zogen ihre Schuhe aus und stiegen in Stiefel, die an einer Seite des Richtplatzes standen und die noch derber anzusehen waren. Die Fußbekleidung war ein paar Fingerbreit hoch mit Blut beschmiert. - Wahrscheinlich würden sie ihn in die Mitte des Vierecks ziehen, sicherlich zogen sie sich deshalb Stiefel über die Füße.

Als sie fertig waren, legten sie dem stillen Mann Handfesseln an, die sich augenblicklich ins Fleisch schnitten. Blut rieselte die Handrücken hinunter. - „Bluttropfen reizert kein Erbarmen; überhaupt nicht dort, wo es nicht ist.“

Die Töter mit gerichtlichem Befehl entkleideten ihn. Die Kleidung stand ihnen zu. Er hatte schöne Schuhe. Sie glänzten schwarz in die Nacht. Strümpfe, die noch nicht rochen. Eine neue Hose. Eine frische Unterhose. Ein gebügeltes und gestärktes Hemd. Eine samtene Masche. Einen dunklen Rock. Handschuhe und einen Mantel. Einen Hut. - Den Hut trug bereits der früher barhäuptig gewesene Henker.

Das hastige Ausziehen des Mantels, Rockes und Hemdes war mit Sch wierig- keiten verbunden, da dem zu Entkleidenden die Hände gebunden waren. Die Häscher lösten ihm kurzfristig einen Teil der Fessel und rissen die Ärmel von den Gliedmaßen. Er verspürte stichigen Schmerz. Darauf banden sie ihn wieder wie einen Ochsen, dem keiner traute. Dazu wurde er noch an einem Pflock angeleint. Dann stand er da: mit dem unabdingbaren und einfach dazugehörenden Lendenfetzen, den ihm die Würger inzwischen mit gespreizten Fingern um die Hüften geschwungen hatten. Er war ihr Gefangener; sie durften mit ihm machen, was sie wollten: sie durften mit ihm nach Belieben verfahren.

Am Stamm angebunden, hörte er den Lebensräubern beim Um-die-Klei- der-Streiten zu. Sie konnten sie lange nicht einigen, deshalb würfelten sie um die einzelnen Stoffgegenstäpde.

Neu eingekleidet - (nicht immer waren die Verurteilten gut angezogen, er war eine angenehme Einzelerscheinung) - schritten sie zur Bestrafung, die sie Satz für Satz berücksichtigend ausführen wollten.

Sie hieben und schlugen so lange auf ihn ein, bis ihre Glieder versagten. Er war bewußtlos geschlagen. Einige Kübel Wasser hoben ihn auf die Beine.

Die Schläger sahen ihn wie einen lästigen Fremdkörper an. Seine Haut war an verschiedenen Stellen aufgeplatzt. Irrtümlicherweise hatten sie ihn auch gezwickt, ihm ins Gesicht gespuckt und seinen Körper gesteinigt. Sie schlugen ihn zusammen, wie so „herrlich“ gesagt wird. Die Wirkungsstärke der Schläge war ihm schmerzlich unangenehm.

Als sie ihn nach dem letzten Wunsch fragten, war er sicher, daß es hier wirklich um das Sterben ging und es sich nicht um irgendeinen schlechten Witz (seiner Freunde) handelte. Er hatte keinen bestimmten.

Er äußerte eine Art Verlangen nach ; schlaflosen A Ipträumen in der Morgendämmerung, was er aber verwarf, als er das zusammenhanglose Verführen dreier Schauspielerinnen verlangte, als er noch einmal! einen faulen Schweinekadaver anstarren wollte, schlugen sie ihm das letzte Recht verständnislos ab.

Die Wunschverlangenverständnislosen wollten ihn aber nicht so sterben lassen, deshalb kneteten sie seinen ganzen Körper.

Nach dem Körperwalken wurde der Ausdruck ihrer Fremdheit noch stärker. Trotz der Sauberkeit und Ordnung der neuen Kleider sah er sie als lästig. Die Kleider paßten ihnen nicht richtig. Sie stotterten an ihren Körpern. Ihre Schlaghände waren in besserer Verfas sung. Angsteinjagend fuhren sie ihm roh und rücksichtslos vor die Nase und bremsten dort. Vom Schock ein wenig erholt, schreckten sie ihn zurück in die Angst - das wiederholten sie, bis er zitternd und gepeinigt vor ihnen (!) auf die Knie fiel. Als sie aufhörten, ihn zu lust- schmerzen, leckte er ihnen verzweifelt dankbar die Unterschenkel.

Seine heimliche Sehnsucht nach dem erlösenden Tod - mit langen Augenwimpern, die ihm einen ernsthaften und anständigen Blick gaben - war die Not des Niedergeschlagenen. Traurig aufgekratzt sah er in der Ferne Irrlichter; er glaubte, das Sterben blitzte ihm verheißungsvoll zu.

Einen Augenblick noch war es ihm, als winke ihm eine neue Geburt, deren heftige Schmerzen er beim zweiten Eintritt in das Leben selbst erleben müsse. - Aufs engste keimlingiert suchte er nach einer offenstehenden Tür ins Leben - und sei sie eingebettet zwischen

Harn und Kot, zwischen Haaren und Fleisch. Er schwor sich, im zweiten Leben, falls es ein solches für ihn gäbe, mehr leiden zu wollen als vorgeschrieben war.

Seine Kraft war am Versagen; nur der Geist lebte noch ein wenig. Jetzt stelzten die Henker auf den unschuldig Verurteilten rechtanmaßend zu. Von selbst und körperbebend richtete er sich am Pflock langsam in die Höhe. Der schwächere der beiden hielt ihn an der Schulter fest. Der stärkere machte sich am Kopf zu schaffen. Er legte den Hals von den Haaren frei und behandelte die Kopfgegend eingehend. Mit einem fachmännischen Augenausdruck fuhr er auf und ab, blinzelte dem Haltenden zu, dann schloß er die stieren Augen.

Er legte seine Hände um den Hals, die Daumen auf den Adamsapfel, drückte mit seiner ganzen Kraft...

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