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Die Geschichte vom Gewalttäter

Es war längst finster gewor¬den, die Bogenlampe be¬schien über die Anlage der Halte¬stelle hinaus einen trüben Kreis von winterlicher Leblosigkeit; ei¬niges von schwarzen Bäumen und Zaunwerk zeigte sich mit dünnem Schnee armselig verziert.

Das Signal kehrte klappernd in die Station ein, da kamen sie an¬gerückt, die Gendarmen mit dem Holzknecht. Sie hatten die Bajo¬nette aufgepflanzt, ihm waren die Hände nach vorn geschlossen, sein Gesicht war noch von mäch-tiger Erregung dunkel gerötet und zerwühlt, es war, als ob sich alle Gewalt aus seinen Armen und sei¬nem gewölbten Brustkasten dort¬hin gezogen hätte und zu einer gräßlichen Entladung aus den

hervorquellenden und blutunter¬laufenen Augen drängte. Etwas davon mochte vielleicht auch dem Genuß geistiger Getränke zu¬zuschreiben sein; jedenfalls, jetzt hatten sie ihn, den Gewalttäter, und jetzt wurde er keinem mehr gefährlich.

Er hatte schon mit ihnen zu tun gehabt. Diesmal würde der Um¬stand, daß er vorbestraft war, die Sache verschlimmern. Es war Samstag, nach der Lohnauszah¬lung, da waren einige von den Holzknechten ins Gasthaus einge¬fallen, dort saßen Bauernbur¬schen, und man trank, rauchte und redete. Es ging über ein Mä¬del her, von dem freilich alle wu߬ten, daß es nichts wert war. Sie hatte sich mit mehr als einem ein¬gelassen. Sie war sehr jung, sie hatte jenes eine ganz Bestimmte, eine besondere Art von Blühen in ihrem Wesen, das brachte einem das Blut zum Sieden. Das hatte sie, dem war kaum zu entgehen. Ein Kind hatte sie bisher nicht be¬kommen. Und davon sprachen die Burschen, und es fehlte nicht an großem Gelächter und Spott, daß, wenn sie zu einem Kind käme, ein lebhafter Streit, wer dafür zahlen dürfte, entbrennen würde.

Dem Holzknecht drang das Blut zu Kopf, und dann ging die Sache schnell vor sich. Der ältere Sohn vom Besitzer Umschaden lag mit einem Messerstich auf dem Boden und wimmerte, der jüngere brach unter einem Faustschlag zusam¬men, die übrigen, darunter auch seine Freunde, die ihn zu bändi¬gen trachteten, hielt der Rasende in Schach, bis zuletzt die Gendar¬merie kam. Jetzt war’s wieder aus für diesmal. Sie hatten ihn nach einer Stunde aus dem Gemeinde¬arrest geholt, um ihn dem Be¬zirksgericht einzuliefern. Er war keineswegs ernüchtert.

Der späte Zug schlich in die Sta¬tion. Die Gendarmen strebten dem rückwärtigen Waggon zu, wohin sie der Schaffner wies, und nötigten den Häftling dorthin, die Schwellen und der Schotter klan¬gen unter ihren Tritten. Sie faßten ihn unter den Armen und halfen ihm die Stufen hinauf. Es war ein spärlich beleuchteter Wagen älte¬rer Art, sie ließen sich gleich am Eingang nieder, und der Zug setz¬te sich langsam in Bewegung.

Der eine von den Gendarmen zündete eine Zigarette an. Im nächsten Bankabteil saß nur ein Fahrgast, ein älterer Bauers¬mann, der seine Pfeife rauchte; der erhob sich halb und lugte her¬über. Nach einer Zeit wollte er sich vergewissern, was er da vorn gesehen, und erhob sich noch¬mals. Dann saß er wieder eine Zeit still, stand aber endlich auf und sagte unwillig im Vorüber gehen: „Daher setzen mit dem Lumpen? Zu ehrlichen Leuten? Was wäre das für eine neue Weis?“ und ging hinaus.

Die Wagen waren untereinan¬der mit Stegen verbunden. Es schallte, da er die Tür öffnete, für einen Augenblick das stärkere Getöse des Zuges herein, denn auf der einen Seite der Strecke war unter der Waldlehne eine Mauer und die Fahrt ging schneller. Der eine Gendarm sagte hinter dem Mann drein: .»Aber gehn S’, für die eine Station!“ Dann lachten die beiden ein wenig. Der geraucht

hatte, langte seinem Kameraden eine Zigarette heraus: „Ja so! Du hast ja nix!“‘und neigte ihn) den Kopf zu, um ihm Feuer zu geben.

Indem die Atemzüge das kleine Glimmen entfachten, ersah der Gefangene den Augenblick. Ein Fußtritt öffnete die Tür, der Bau¬er hatte sie nachlässig geschlos¬sen, sie war nicht zugeschnappt. Schon stand er auf der Plattform, eine blitzschnelle Ausschau und Überlegung, zwei Tritte abwärts, und der Mann kollerte den Ab¬hang hinunter, ein dunkles Bün¬del über die dünne Schneedecke, die er mitschürfte. Das sahen die fluchenden Gendarmen noch, und schon nahm ihnen eine Baum¬

gruppe am Rain und eine Wen¬dung der Strecke die Sicht.

Das Geräusch des Zuges war längst verklungen, der Mann lag noch still. Dann begann er sich zu rühren und mit dem Körper zu ar¬beiten. Er war in einem Acker ge¬landet, die Furchen lagen voll Schnee. Er stemmte den Kopf an die gefrorene Erde, arbeitete die Knie herauf und brachte sich auf die Beine. Dabei überlegte er. Wo¬hin konnte er gehen?

Der beste Freund, den sein er¬ster Gedanke suchte, einer, der ihm die Ketten abnahm und ihm in ein Versteck half, der hauste in einer Arbeitsbaracke; das war auf dem anderen Flußufer, fast bis zur Station mußte er zurückgehen und dann schauen, wie er über die Brücke und durch das Dorf kam. Entmutigt dachte er an den wei-ten Weg. Ein dumpfer Schmerz saß ihm im Kopf, Arme und Beine waren geprellt. In einem Hof auf

halber Berghöhe war seine Schwester Magd. Der in solchem Zustande zu kommen, war eine schwere Sache. Und hier war der Berg gegen die Bahnstrecke lang¬hin aufgemauert; es gab Durch¬lässe für die Wildbäche und dane¬ben wohl irgendwelche Steige, aber wie kam er dort hinauf, auf glattem, steilem Boden, mit gefes¬selten Händen?

Sein Gesicht war an einzelnen Stellen naß, und die brannten ihn; er hatte sich im Sturz die Haut aufgerissen, er versuchte sich an seinem Rock an der Schulter ab¬zutrocknen. Doch das war nicht wichtig, er mußte nur weiter und aus dem Acker fort, auf dem

schwer zu gehen war. Er fiel im¬mer wieder hin und arbeitete sich fluchend und zähneknirschend auf. Wenn er nur einem begegne¬te, der ihm die Ketten abnahm! Das war alles, dann bekamen sie ihn nicht so bald.

Drüben war schwach eine weiße Fläche über dem Gewirr dunkler Obstbäume zu sehen. Das war das Dach eines Bauernhofes. Nein, man konnte dorthin nicht gehen; sie würden es nicht tun.

Der schwere Gang auf dem Ak- ker war überwunden, der Ent¬sprungene hatte einen Fahrweg unter den Füßen.

Auf einmal sah er in einiger Entfernung vor sich ein Licht. Er konnte noch nicht unterscheiden, ob es aus einem Fenster drang oder was es sonst für eine Be¬wandtnis damit hatte, und es war mit einem Male eine Gewißheit in ihm: daß es zu seinem Weg gehör¬te und daß ihm dort die Ketten ab¬

genommen würden. Er mußte sich sagen, daß eigentlich nichts war, was zu dieser Zuversicht berech¬tigte; aber er wollte dabei bleiben und hätte irgendeinen Grund für sein unversehens gehobenes Ge¬fühl nicht anzugeben gewußt.

Indem er auf dem Fahrweg in der Richtung des Lichtes ging, be¬merkte er, daß hier schon Leute gegangen waren; ihre Fußstapfen kamen von der anderen Seite des Ackers, und es war zu vermuten, daß das Vorhandensein des Lich¬tes mit ihnen zusammenhing.

Der Himmel war freier gewor¬den, die schweren, schwarzen Massen der Berge zeichneten sich deutlich dagegen ab, ein Stern

stand darüber, der dünkte ihn hell und groß. Bald vermochte er zu unterscheiden: es war kein Bau¬ernhof, auf den er zuschritt, es war wohl nur ein Kleinhäusler; er erinnerte’sich nicht, hier jemals ein Gebäude bemerkt zu haben, oder hatte er es bloß nicht beach¬tet?

Der Mann hielt nun an sich und ging langsam und vorsichtig. Wo das Licht herkam, das war der Stall des Kleinhäuslers, und der Schein drang aus der Stalltür, die nur zugelehnt gewesen sein moch¬te und sich dann doch geöffnet hatte. Es waren Menschen in dem Raum, der Flüchtling hörte es, oh-, ne daß sie gesprochen hätten. Er näherte sich mit äußerster Behut¬samkeit und suchte in den Stall zu spähen, ohne daß er in den Schein trat. Er sah: es war ein Paar da, ein junges Weib und ein Mann mit braunem Bart; sie hatten im er¬sten Abteil des Stalles die leere

Krippe hervorgerückt, sie stand frei. Und sie hatten sie mit blan¬kem Stroh gefüllt und ein Leinen- tüchlein darüber gebreitet, und darauf lag, sorgfältig eingehüllt, ein neugeborenes Kindlein.

Der Flüchtling betrachtete das junge Weib; es saß an der Krippe, vielleicht auf einer niederen Fut¬terkiste oder Truhe, worauf auch ein Mantel und ein Rucksack ab¬gelegt waren. Ihr Gesicht unter dem geteilten Scheitel, den kein Tuch bedeckte, war sanft und klar, es stand kein Kampf und keine Sorge darin, nur ein unbe¬wußter Frieden, aus dem auch all ihre Bewegungen kamen; sie hat¬te eben geprüft, ob die kleinen Händchen auch nicht zu kalt wä-ren, und wärmte sie ein wenig in den ihren, dann sah sie zu ihrem Gefährten auf und führte ein Töpfchen zu trinken, das er ihr reichte, an den Mund, er hatte vielleicht eben gemolken.

Das Kindlein schlief mit erho¬benen Fäustlein, es lag in einem starken Licht, von dem nicht zu sagen gewesen wäre, woher es kam. Der Spähende dachte dar¬über auch nicht weiter nach, er blickte nur auf das Kind; er sah die Fäustlein geballt, die doch nicht mehr Kraft haben konnten als Rosenblätter, und ihm schien immer gewisser, als ob dieses schlafversunkene und kleinwin¬zige Gesichtchen ihm etwas zu sa¬gen hätte, was freilich mit Worten nicht auszudrücken wäre; und das Gefühl, daß das Kindlein ihm sol¬che Aufmerksamkeit erwiese, oh¬ne ihn zu sehen, reizte ihn zur Lu¬stigkeit, und er hätte am liebsten behaglich herausgelacht.

Da flog es wie eine Wolke über das schlafende Gesichtchen; eine Falte grub sich an der Nasenwur¬zel ein und die geballten Händ¬chen zitterten leise. Fast schien es, als ob es aus dem Schlaf weinen würde; allein dann wich die Span¬nung, das Gesichtchen glättete sich, und um die geschlossenen Augen und über die Stirne hin wurde es groß wie von Verhei¬ßung. Das sah der entsprungene Mann wohl, aber auch dem jungen Weib war es nicht entgangen. Es machte besorgt eine Bewegung des Horchens, aber der Mann wies beruhigend rückwärts, wo über der Bretterwand für einen Au¬genblick das Haupt eines Rindes und eines Esels sichtbar wurden, die sich nach der ungewohnten Gesellschaft hereinwandten und dabei die Stallketten, an denen sie festgemacht waren, klingen lie-ßen. Der Mann kraulte beiden Tieren den Kopf und das junge Weib lächelte.

Der Lauscher aber kam wie aus großer Entfernung wieder in die wirkliche Lage zurück, in der er sich seit wenigen Stunden befand, und da erschrak er. Jetzt begriff er, was er getan hatte, und daß es al¬les Unsinn war und weit von der Vorstellung, die er von sich selber hatte, und was er im Leben wollte. Und da stand er nun in Ketten, und so sind die Handlungen der Menschen. Da hatte er Dinge ge¬tan, die mußten nun wieder unge¬schehen gemacht werden, so wie man das eben kann; das lag nun als das Nächste vor ihm, er mußte ein Stück Lebensweg wieder zu¬rück und mußte dann wieder an¬fangen.

Er hätte laut auf stöhnen mögen, aber er durfte doch die Leute nicht damit, und schon gar picht mit seinem Gesicht, das gewiß blutberonnen war, oder mit sei¬nen Ketten erschrecken. Und den¬noch: das Gefühl, das ihn hierher gezogen, es würde ihm hier je¬mand die Ketten abnehmen - seltsam, es blieb in unvermin¬derter Stärke in ihm, er fühlte sich in nichts enttäuscht, und er hätte doch nicht sagen können, woher das kam.

Und so machte er sich leise los, drückte die Hände mit den Ketten fest an sich und ging. Ging, so wie viele auf Erden gehen. Und doch war es in ihm auch heller und kla¬rer; als es in vielen ist.

Vor zehn Jahren, am 12. Dezember 1971, ist Max Mell gestorben. Seine hier abgedruckte. 1933 verfaßte Erzählung entnehmen wir dem Band „Mächte zwischen den Menschen“ (Verlag Styria, Graz).

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