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Die große Zweisamkeit

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Am zehnten Tag des Ausnahmezustandes kamen die neuen Verordnungen: so etwa Schutzhaft ohne amtlichen Begründungszwang. Die Presse wird durch Instruktionen reguliert. Dem Beobachter aus Europa kommen beklemmende Erinnerungen und Assoziationen. Wie nennt man doch ein solches Regime in unseren Breitegraden? Hier in Indien herrscht jedenfalls postoperative Friedhofsruhe. Es bleibt die geflüsterte Frage: Wie kam es, wer steckt dahinter? Der Jubel der (rechts-)kommunistischen Partei Indiens ließ Schlüsse zu. Eine Glückwunschbotschaft des größten Hindustahlbarons, Birla, verwirrte dann wieder. Offenbar spielt Indira Gandhi ein bewährtes Spiel: Gegeneinander Ausspielen von Links und Rechts. Doch im Nebel zeichnen sich neue Gestalten ab, junge Männer der „starken Hand“.

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Am zehnten Tag des Ausnahmezustandes kamen die neuen Verordnungen: so etwa Schutzhaft ohne amtlichen Begründungszwang. Die Presse wird durch Instruktionen reguliert. Dem Beobachter aus Europa kommen beklemmende Erinnerungen und Assoziationen. Wie nennt man doch ein solches Regime in unseren Breitegraden? Hier in Indien herrscht jedenfalls postoperative Friedhofsruhe. Es bleibt die geflüsterte Frage: Wie kam es, wer steckt dahinter? Der Jubel der (rechts-)kommunistischen Partei Indiens ließ Schlüsse zu. Eine Glückwunschbotschaft des größten Hindustahlbarons, Birla, verwirrte dann wieder. Offenbar spielt Indira Gandhi ein bewährtes Spiel: Gegeneinander Ausspielen von Links und Rechts. Doch im Nebel zeichnen sich neue Gestalten ab, junge Männer der „starken Hand“.

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Frau Indira hat in der Nacht vor der Proklamation des Ausnahmezustandes ihre Entscheidung in der klassischen Einsamkeit des Führers getroffen. Das Kabinett wurde um sechs Uhr morgens in ihr Wohnhaus beordert und dort informiert. Die Führer der rechtsikomimiunistischen Partei, Indiras ergebene Verbündete, erfuhren es erst um acht Uhr morgens über das Biadio. In der Zurück-gezqgenheit ihres Wohnhauses bat Indira das Urteil über die Demokratie formuliert, umgeben von einer Handvoll Vertrauter. Betreten sagten ihre Minister den ganzen Tag lang vor allen verfügbaren Mikrophonen süße Sprüche der Ergebenheit auf.

Anders die Kommunisten; die jubelten. Ihre Zeitung las sich später wie die „Komssomolskaja Prawda“ nach einer Säuiberungswelle. Schon vor der Proklamation war von Verstaatlichungen . gesprochen worden. Jetzt endlich muß nicht nur gesprochen, es kann gehandelt werden.

Ausgelöst vom Ausnahmezustand, wird eine Welle des Antiimperialis-mus die Multinationalen fortschwemmen, eine sozialistische Welle die indischen Jndustriebaronien. Und der, Streik der E-Werfesartoeiter wird der erste Akt zur Mobilisierung der Massen für die Führerin der Massen sein; die Rechtskommunisten werden die proletarischen Massen und die Kader stellen; so hoffen sie.

Doch am Tag nach der Proklamation des Ausnahmezustandes sagte Indira Gandhi vor dem Mikrophon, von Nationalisierungen könne keine Rede sein. Und mit einem Schlag war auch von einem Streik der ikommu-nistischen Gewerkschaften nicht mehr die Rede. B. Reddy, Arfoeits-miniister und selbst ein Mann der Pro-KPI-Fraktion in der regierenden Kongreßpartei der Indira, berief alle Gewerkschaftsführer zu sich. Thema des Appells: Produktionssteigerung und Arbeitsfrieden, in keinem Führungsgremium «erNeuen Ordnung sind die Rechtskommunisten vertreten. Stil und unscheinbar wandeln sie in der Gruppe der Schleppträger der großen Regentin, während ihre Felle in die andere Richtung davonschwimimen.

Ihre Einsamkeit teilte Indira in ihrem Wohnhaus mit Sanjai Gandhi. Sanjai kommt aus einer Ehe, die alles'eher als glücklich gewesen ist. Er ist verschlossen, ehrgeizig, gilt als .gefährlich.. Saft. Jahre n -arbeitet er an der Monapolerzeugung eines indischen Kleinautos. Opposition und Presse fragten immer wieder: Woher kommt das Geld? Wer gab ihm das Monopol? Sie veröffentlichte Dokumente, denen zufolge Sanjai den Boden, auf dem die riesiger We.rkshallen stehen,“um einen Pappenstiel gekauft hätte. Sie fragen: Mußte es wirklich sein, daß 120 Bauern ihren Boden verloren, damit dort der „Maruti“ des Sohnes der Ministerpräsidentin erstehe? Dieser wohlfeile Boden in Haryana, dreißig Kilometer von Delhi entfernt, verschaffte dem Sanijai der Bansilal, Gheftnini-ster von Haryana: Morgengabe seiner Freundschaft mit der Familie Gandhi.

In Sanjai, einem Moghulprinzen Ohne Throndfolgerchancen, wuchs der Haß gegen die Kräfte, die ihn um die Privilegien seiner Herkunft aus der Nehru-Familie bringen wollten; gegen Presse und Opposition. Auch dieser Haß verband ihn mit Bansilal, der rücksichtslos und machthungrig ist, ein Mann» der, wäre er ein Texaner, in Texas sagen würde: „I own Khis place“, Polizei, Politik, Menschen. Das kann er nunmehr in Haryana sagen solange er bleibt, was er ist, Freund des Sohnes, mit dem er zum Vertrautenkreis der Regentin gehört. In diesem Kreis sind neben Sanjai, dem frustrierten Auto-magnaten und Bansilal, dem Mann, dem Haryana gehört, noch Sirddata Sanjay Raj, der erst Anwalt mit brillanten Erfolgen, dann Chefminister in Westbengalen war, und Darwal, der unausbleibliche Hofintrigant, der sich vom Kanzleiibeamten hinaufgearbeitet hat. Der Kreis ist natürlich größer, doch nicht viel. Täglich wächst aber der äußere Rinig der neuen Macht; Shukla, der neue Informationsminister, verantwortlich für die Presse, ist ein Mann des neuen Typs. Presse lind Journalisten behandelt er so, daß nur noch die Reitpeitsche in seinen Händen zum Bilde fehlt.

Sie alle sind vom Typus „starker Mann“ und „kleverer Boß“. „Links“, auch wenn dies sowjetisch seitenverkehrt ist, scheint zur Zeit in der Nähe der Spitze nicht gefragt zu sein.

Freilich muß das nicht das sowjetisch-indische Bündnis betreffen oder die Führer in Moskau tangieren. Die haben immer autoritären Männern autoritärer Systeme mehr getraut als Demokraten. Auch die Verbesserung der Beziehungen mit Washington bleibt vom Wechsel des Typs der Elite unberührt. Auch dort versteht man die Boß-Sprache. So kann es sein, daß die neuen Herren, dringen sie in Außenpolitik und Außenhandel ein, den richtigen Ton sowohl für Moskau, als auch für Washington treffen.

Die Selbstherrscherin, die im Moment zweifellos auch noch Allein-herrscherin ist, zeigt aber wenig Neigung, Männern aus dem Hintergrund Macht zu delegieren. Sie ist die Siegerin. Sie ist es imimer gewesen. Wenn sie im Fe&dzug, den sie 1969 proklamierte, im Kampf gegen den Hunger, Niederlagen erlitt, so lag das an den „Generälen“, den Politikern, dem Lagerpack, der Presse. Parteien — auch ihre eigene, Parlament und Presse werden zur Seite geschoben, auf Pfiff dressiert. Sie will direkt vor dem Volk stehen, zum Volk sprechen.

Sie ist dabei nicht erfolglos. Der Ausnahmezustand wird bereits als Normalzustand empfunden. 500 von den 600 Millionen fühlen überhaupt keinen anderen als den materiellen Notstand, den Notstand im Magen. Soeben verkündete Indira im Radio ein neues Wirtschaftsprogramm. Mit längst fälligen Maßnahmen gegen die parasitären Unter- und Mittelschichten und deren Spekulationen mit dem Hunger will sie das Land von Unkraut und Unrat säubern. Den Rechtsikommunisten tut das gut, den Großen nicht weh. Es wird Jahre dauern, bis es sich zeigt, daß auch sie des Landkolosses mit dem Schildkrötenfortschritt nicht Herr werden kann und daß sich immer um die Herrscherin, die säubern will, die Unsaubersten sammeln. Dann wird allen, auch den fünfhundert Millionen, die Demokratie fehlen, die so leichtfertig als funktionsunfähig einer dunklen Zukunft geopfert wurde.

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