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Die Hofrnung in der Not

Urban Vorhofer heißt der Held des neuen Romans „Der Sog“ von Matthias Mander (Verlag Sty-ria, Graz). Gedanken Vorhofers aus verschiedenen Teilen des Buches hat der Autor auf Bitte der FURCHE zu einem einheitlichen Ganzen verdichtet: Botschaft eines bedeutenden Schriftstellers zu Weihnachten 1989.

Unauflösbare Botschaft dieses uralten, aberfrisch verletzten Kruzifixus von Gemona!

Mit beiden Händen versuchte Vorhofer das Würgen in seinem Hals zurückzupressen. Weihnachten sei das Fest der Unberechenbarkeit Gottes und es gäbe keinen Punkt der Demütigung, zu dem er sich nicht niedergebeugt hätte. Schneetreiben der Wörter rings um den kieferlosen, mundlosen Jesus, auferstanden nach dem Erdbeben, fast gesichtslos zwar, dennoch, immer noch menschenzugewandt: Kann Gott wirklich ohne sein Reden gedacht werden?

Im Felskessel von Maalula am Faltenwurf des Antilibanongebir-ges leben die letzten zweitausend Menschen, die noch den westaramäischen Dialekt Jesu Christi sprechen. Ihre ohne Gassen an der Schlucht hängenden über- und ineinandergeschachtelten Wohnwürfel sind nur auf Stegen und über Dächer erreichbar: ihr ältester christlicher Altar ist der erste biblische ohne Blutrinne für Opfertiere! Was dort nie zu fließen aufhörte, ist der wahre Klang des Vaterunsers. Obwohl das größte Wunder des Heilands seine Worte sind, hätte auch ein unterkieferloser Jesus mit Gaumenspaltung -nur keuchend, heulend, bellend -durch Handauflegen, Brotbrechen, Schreiben im Sand, Armeausbrei-ten überzeugt... Jede Zelle an ihm war Zunge Gottes...

Der abwärtspendelnde Wiener Stephansdom dort drüben bewahrt siebenhundertjährige syrische Kultflaschen, hellrosa, golddurchscheinend, die einst die blutgetränkte Erde Bethlehems enthielten. Diese von Kindermorden gerötete bethlehemitische Erde ist zwar längst ausgeschüttet, weltweit verstreut, doch auch ohne diese Flaschen unversteckbar, aus denen es jetzt haltlos weiterrieselt...

Das folgende Fernsehbild aus Rom zeigte die scharfe Winterbrise in einem heftig abgelenkten, weit-umsprühenden Springbrunnen neben dem Obelisken. Angesichts von Rüstung und Verschwendung haben wir uns zur Armut entschieden, rief der Papst, und zur Schwäche vor der Macht. Und während der höchste Prediger von einer Initiative Gottes gegen den Tod sprach, erfolgte ein scharfer Bildschnitt vom Hubschrauber: alles schrumpfte zu einem winzigen Punkthaufen, ein kleinsandiger Teppich zwischen den Kolonnaden. Selbst der Petersdom war von dort oben ein niedliches Gebilde, und die voneinander weder durch Kleidung noch durch Ornat unterscheidbaren Gläubigen waren Staubkörnchen daran: Aber welche Wörter sie verwenden! Welche Gedanken sie hegen! Welche kühne Behauptung unglaublicher UnWirklichkeiten oder gläubiger Wirklichkeiten bereits aus der Hubschraubersicht, wie erst vom Thron Gottes herunter?

Reden und Verhalten zeigen nicht die Spur von Dankbarkeit dafür, nicht in der Nazi- und Kriegszeit leben zu müssen. Und eben dieses Blindsein für solche Gnaden verunstaltet die Gegenwart. Was sich da durch die Straßen schiebt, klagte Kirchenbaß Forgatsch unlängst, seien gottlose Leichname, blicklos, aussichtslos, seelenlos, lieblos, nur noch von Muskelzuckungen ziellos bewegt... ein gehetztes Stolpern durch die steinige Sohle ihres Abgrunds: doch der stumpf gewordene, aber immer noch erkennbare

Glanz der Augen verrät manchmal, welche Weiten und Höhen diesen Wesen einst Heimat waren, beseligender Bewegungsraum rings um den auf dem Kreuzweg Vergött-lichten, durchs Kreuz Vermenschlichten! Doch mit der Erdolchung Gottes sind alle Perspektiven gerissen, alle aufrichtenden, hinanziehenden, kräftspendenden, ord-nungsstifteriden Worte verröchelt, erstickt. Jetzt kriechen die Doppelselbstmörder - das blutige Stilett noch im Gebiß - vom Sog in den Sand gepreßt durch ihre Niederungen.

A/orhofer meinte erwachen zu Vmüssen. Es trieb ihn, sich aufzurichten, aufzuspringen, den umgerissenen, zerschlagenen Christbaum aufzustellen, Kerzen zu entzünden und mit dieser Fackel hoch über der Donaustadt Lichtzeichen zu geben: beendet dieses Jahrhundert rasch! Gestaltet die Welt noch einmal. Macht alles neu; wir sind das nicht. Wir sind das schon. Wir sind nicht nur das. Das sind wir nicht ganz, bitte...

Zugegeben, wir werfen keine Atombombe, wir organisieren keine Todeszüge - aber haben wir geistig aufgearbeitet, daß Eichmann sich auf Kant berufen hatte? Daß der informations- und transporttechnischen Vollerschließung der Erde kein angepaßtes, übergreifendes ökonomisches Verhalten folgt? Unterlassene konzeptive Arbeit, Geduldleistung, Opfer, Übersetzungsleistung?

Echte Religiosität erweist sich nicht darin, unter den selbsterrichteten, hochaufragenden Anspruchsgerüsten gegenüber den diese Ablehnenden beleidigt zu tun. Einzuräumen ist nämlich, daß sich jegliche Zuständigkeitserklärung aller Religionen für Machtausübimg über Lebens- und Weltlauf von durchaus subjektiven, erfühlten und erdachten, auch zeitbedingten -jedenfalls aber auch menschlichen und irdischen Darlegungen herleiten. Was hier wie eine Gotteslästerung klingen mag, wäre tatsächlich ein Ansatz reiner, wirksamer, einladender, echter Frömmigkeit: Weil nämlich in diesem Verständnis erst die volle Bewertung jener religiösen Elemente einträte, die fraglos den unerhörten Rang des Menschengeschlechts begründen! Die Reklamation eines himmlischen, göttlichen Besitzstandes, der durch mühelose Aneignung überkommener Formen allzuleicht erworben wäre und unbillig Autorität verliehe sowie dessen selbstgerechte und halbblinde Inanspruchnahme für die je eigene Stellung ist die eigentliche Blasphemie der Frömmler. Sie sollten durchaus einräumen, daß auch eine solche Position für viele andere eine fortgesetzte Beleidigung von deren Wahrhaftigkeitsverständnis darstellt.

Die russischen Jugendlichen strömen neuerdings zahlreich in die Kirchen, betonen dabei aber, daß sie nicht etwa an Gott glauben, sondern sich dort eben nur wohl fühlen...! Das sei eine zulässige Sicht, jubelte Forgatsch: Sie unterscheide sich kaum von der vieler im Westen, die sich uneingeschränkt für gläubig hielten; und jenes

Wohlfühlen entspreche genau dem Liebesangebot Gottes, das durchaus unmittelbarem Erhoben- und Geborgensein zugedacht sei; insofern sei dieses Anschmiegen der jungen Russen an Jesu Wärme und Erhabenheit, die nur in solchen von Tageslärm und Interessen freien, spannungslosen Räumen zu finden sei, ganz richtige Frömmigkeit! Die Erklärung, sie glauben nicht an Gott, entstamme eher religionssprachlicher Unbildung, freilich traurig genug.

Beim Anblick der Touristen im Stephansdom habe Forgatsch zwar plötzlich den Wunsch gehabt, die Kirche möge dieses Gebäude aufgeben, da die Entheiligung so vollständig ist, daß eine fortwährende Gotteslästerung nicht verhinderbar sei... und überhaupt könne Religiosität sich vor weltweiter Mißachtung sowohl aus Liebe zu den sich an ihr Versündigenden wie aus Gottesfurcht - der sie Achtung nicht mehr verschaffen könne - äußerlich auflösen, als „Perle“, die im Atem der „Säue“ sogleich zerfalle... Aber jene Tausenden Jugendlichen im Osten entlarvten seine Gedanken als Kleinmut.

Aber warum nur hat der gute . Allmächtige eine Schöpfung hervorgebracht mit Wesen, die erst noch eines blutig gekreuzigten Retters bedürfen? Wovon müssen denn diese unschuldig-schuldigen Geschöpfe eigentlich erlöst werden, was nicht längst vor ihrem Daseinseintritt verspannt worden wäre? Welche ererbte Blöße bedarf dieses Kleides einer lebenslangen Verstrickung in Hunderte verzaubernde, verwandelnde Geschichten? Welche ererbte Blindheit treibt zu solchem Erwachen inmitten unumgänglicher Unzumutbarkeiten?

Wenn doch diese ganze Heilsgeschichte nicht so überwältigend schön wäre! Ist folgendes die Antwort auf diese Fragen: daß solches Heil - in dieser einmaligen Hoheit und Tragfähigkeit nämlich, wie wir es tatsächlich verspüren können -nicht zu haben ist ohne unsere Heils-Geschichte? Heil also nicht zu erfahren außerhalb oder jenseits solcher schmerzhaften Entfaltung, Entwicklung, Durchführung, Abarbeitung, Durchlittenheit? Der Himmel wäre überhaupt nur Himmel aus tränenverschleierten Augen gesehen; mit der angsterstickten Stimme dieser rätselhaften, leid vollen Erde besprochen, besungen, beklagt, belobt, mit unvollkommenen Gleichnissen beschrieben; mit immer neuen Heiligenschicksalen berannt... Denn alles dieses lebenslange stumme Fragen, peinliche Stammeln vor den göttlichen Gemälden ist letztlich unverzichtbarer, unentlaßbarer Besitz und Genuß einer Lebendigkeit, einer Seligkeit, die es ohne Bilder nicht gibt. Tiefstes Glück ist nur in der Wahrheit verfolgbar, Wahrheit aber nur über Geschichten zu haben...

Zugegeben, den vieltausendjährigen Erzählungen über den Weltenschöpfer, Menschenrichter, seinen Sohn und dessen Nächstenliebe eignet viel Beliebiges, Entwurfmäßiges, Lokalhistorisches, Brauchtumhaftes, Bruchstückhaftes, Unabgestimmtes - dennoch sind sie nicht unverbindlich!

So zufällig aufgeworfen, erwürfelt sich die Begebenheiten zunächst ausnehmen, so unentrinnbar erweisen sie sich unversehens als Geschick in engster Bedeutung: schicksalhafte, weil einzige Gliederung, Halterung der uns sonst zersaugenden, auflösenden, ausein-anderreissenden Leerheiten, Hohlheiten, Abgründe.

Ich will nichts. Das Ich will nichts, es erwartet nichts. Das Ich fürchtet nur etwas, aber nicht sein eigenes Verlöschen! Dieses ersehnt es sogar! Nein, es ist eine Gehorsamsfurcht, Verfehlungsfurcht, eine Unwertsfurcht angesichts des niemals als unverbindlich begreifbaren Vorgegebenen!

Die Selbstauflösung Gottes nach außen und nach unten. Dieser Reichtum, diese Kraft, diese Fülle, diese Gnade, diese Unerschöpflichkeit nachfließender, gestaltbarer, zu jeder Stunde in neue Bezüge stellbarer Geschichte: Eine Auferstehung von Wahrheiten ist möglich, nein - der Nachweis ihrer Un verdrängbarkeit! Gott ist, insofern er gesucht wird. Der schiefe, gesprungene, verworfene Dom von Gemona bleibt mit eisernen Ankern in den karstigen Berg verkrallt, mit Stahlseilen an diese so unverläßliche Erde gebunden.

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