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Die Hypothek des Kriege lastet auf Polendeutschen

„Deutsche in Polen - es gibt sie“, betitelte im Sommer Bronislaw Tumilowicz seine Reportage im renommierten Wochenblatt „Poli-tyka“ - und brach ein Tabu. Hunderttausende Schlesier entdeckten ihre Herkunft neu, wie „aus einer Büchse der Pandora“ forderten sie, als nationale Volksgruppe anerkannt zu werden.

22.000 oberschlesische Bürger hätten in einer Petition eine „Sozio-kulturelle Gesellschaft der deutschen Minderheit“ verlangt, schrieb Tumilowicz, zeichnete ein positives Porträt der Initiatoren und schockte damit seine Landsleute. Denn nach offizieller polnischer Meinung - übrigens in der katholischen Kirche ebenso vertreten wie von „Solidarnosc“ und den verhaßten Kommunisten - leben zwar 200.000 Ukrainer und 180.000 Weißrussen in der Volksrepublik, aber lediglich 2.700 Deutsche.

Ein Mythos, wie jeder weiß, über den aber niemand spricht. Weder in der Bundesrepublik noch in Polen.

Zum 50. Jahrestag des Überfalls Hitler-Deutschlands auf Polen schickten sich bundesdeutsche Parteien, Friedensgrüppchen, Widerstandskämpfer und Kirchenvertreter an, zur Aussöhnung aufzurufen, zum Gedenken an die grauenhafte Geschichte, zur Aufarbeitung des Holokausts.

In einer gemeinsamen Erklärung polnischer und deutscher Katholiken heißt es beispielsweise: „Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit über das, was geschah und wie es geschah.“ Man erinnere sich „an die vielen Millionen Opfer in Polen, denen im deutschen Namen und von Deutschen das Leben geraubt wurde“.

Man sei sich dessen bewußt, daß in den ersten Nachkriegsjahren „Menschen oft verfolgt wurden, nur weil sie Deutsche waren“. Zahlen klammert man aus: Zwischen 1939 und 1945 kamen sechs Millionen Polen, die Hälfte davon Juden, ums Leben. In den ersten Nachkriegsjahren wurden 20 Prozent der Bürger Danzigs, 25 Prozent der Bewohner Ostbrandenburgs und 20 Prozent der Bevölkerung Hinterpommerns vertrieben, mißhandelt, umgebracht. „Organisierte Rache“ gehörte zum Alltag.

„Und das Schlimmste ist, daß wir, die nach dem Krieg geborenen Oberschlesier, immer noch als Faschisten und Hitlerowczy beschimpft werden, wenn wir in der Öffentlichkeit deutsch reden“, erzählt Christian Kubatko, Mitbegründer des „Deutschen Freundschaftskreises“ in Oppeln/Opole. Für ihn bedeutet Aussöhnung das Aufbrechen von Tabus.

Sein Freund Blasius Hanczuch dazu: „In der Sowjetunion debattiert man, ob die Wolgadeutschen sich wieder an der Wolga ansiedeln können (FURCHE 13/1989), wie Unrecht gesühnt werden kann, Minderheiten wie die Balten ihre nationalen Rechte wiedererlangen könnten, aber bei uns...“, er holt lange Luft: „Wer hier in Polen lebt, muß gefälligst Pole sein oder gehen, seine Heimat verlassen. Dabei weiß jeder, wir Oberschlesier sind in erster Linie Oberschlesier und dann Deutsche oder Polen.“ Er und seine Familie verspüren keine Lust, sich den900.000Aussiedlern anzuschließen, die seit Kriegsende ihre Dörfer in Richtung Westen verlassen haben.

Doch eine andere Alternative sieht er auch nicht. Polen sei ein minderheitenfeindliches Land, glauben die Initiatorendes „DeutschenFreundschaftskreises“ pauschal sagen zu können.

Doch nicht nur sie sagen das. Als der weißrussische Schriftsteller Sokrat Janowicz in der augenblicklich einzigen wirklich freien Tageszeitung Osteuropas, der „SoHdamosc''-Wahlzeitung „Gazeta Wyborcza“ am 2. Juli erklärte, er könne sich nicht vorstellen,' mit Walesa und Mazowiecki zusammenzuarbeiten, da die Gewerkschaft Solidarität nur polnisch-national und minderheitenfeindlich sei, stand die Nation fast Kopf.

Janowicz ist der einzige Vertreter einer nationalen Minderheit, der bei den ersten freien Nachkriegswahlen in Polen im Mai .einen Sitz im Senat erlangte und die Wojwod-schaft Bielska Bodlaska vertritt. Er kann es nicht fassen, daß seine Landsleute sich noch immer nicht zu einer politischen Interessengemeinschaft zusammenschließen dürfen.

Wen wundert es da, daß die „Soziokulturelle Gesellschaft der deutschen Minderheit“ kürzlich als illegal erklärt wurde und dem,, Freundschafts kreis“ gesagt wird, „wegen des latenten Revisionismus in der Bundesrepublik“ -hin und wieder wird immernoch die deutsch-polnische Grenze in Frage gestellt, solche Querschüsse werden in Polen heute ernster genommen als etwa die jetzigen Beteuerungen Bundespräsident Richard von Weizsäckers, an dieser Grenze werde nicht gerüttelt - sei ein deutscher Kulturverein nicht angebracht, wie es in einer gerichtlichen Urteilsbegründung nachzulesen ist.

„Alles Deutsche gilt bei vielen Polen als Inbegriff des Bösen“, bedauert Kubatko und ergänzt: „Aber gegenseitige Ressentiments müssen von beiden Seiten aufgegeben werden, Oberschlesienmuß Teil Polens bleiben, die Frage der Grenzen gehört für immer beendet - und doch brauchen nationale Minderheiten Zugeständnisse für größere autonome Rechte.“

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