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Die Integration der Sexualität in das christliche Leben

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Andrew Greeley (geb. 1928), Weltpriester und Soziologe, leitet ein Meinungsforschungsinstitut an der Universität von Chicago, ist Professor an der Universität von Arizona und Beauftragter der amerikanischen Bischofskonferenzfür Gegenwartsfragen. Er ist der Autor der vom Verlag Styria herausgegebenen Bücher „Kompass - Zielwerte für den Christen (1974), „Was am Christentum wesentlich ist“ (1977) und „Erotische Kultur - Wert und Würde der Sexualität“ (1977). Sein Buch „Sexualität - Phantasie und Festlichkeit“ erscheint in Kürze. Prof. Greeley befindet sich gerade auf einer Vortragsreise durch Europa. Mit ihm sprach in Wien für die FURCHE Wolfgang Schmitz.

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Andrew Greeley (geb. 1928), Weltpriester und Soziologe, leitet ein Meinungsforschungsinstitut an der Universität von Chicago, ist Professor an der Universität von Arizona und Beauftragter der amerikanischen Bischofskonferenzfür Gegenwartsfragen. Er ist der Autor der vom Verlag Styria herausgegebenen Bücher „Kompass - Zielwerte für den Christen (1974), „Was am Christentum wesentlich ist“ (1977) und „Erotische Kultur - Wert und Würde der Sexualität“ (1977). Sein Buch „Sexualität - Phantasie und Festlichkeit“ erscheint in Kürze. Prof. Greeley befindet sich gerade auf einer Vortragsreise durch Europa. Mit ihm sprach in Wien für die FURCHE Wolfgang Schmitz.

FURCHE: Father Greeley, Sie beginnen Ihr Buch „Erotische Kultur“ mit der „Uberzeugung, daß die theologische Interpretation der Sexualität und der Ehe in der römisch-katholischen Kirche allen Grund hat, neu anzusetzen“, daß „das Trauma der Enzyklika Humanae Vitae weithin entmutigend gewirkt“ hat, und was die Theologen seither geschrieben haben, „implizit oder explizit eine Auseinandersetzung mit dieser Enzyklika“ ist oder aber „eine Reaktion gegen die alte, strenge und unflexible Haltung gegenüber der menschlichen Sexualität“. Die Enzyklika scheint Ihnen „oft wie ein letzter Atemzug dieser Haltung zu sein.“ - Wie kommen Sie zu einer so negativen Beurteilung dieses päpstlichen Dokuments?

GREELEY: Ich kann nur für die USA sprechen, da sich unsere Untersuchungen nur. auf dieses Land erstreckt haben. Eine Befragung hat hier ergeben, daß 85 Prozent der Laien und der Geistlichkeit diese Enzyklika ablehnen; sie hören alle auf die Kirche, sie lehnen sie aber als Lehrerin in sexual-ethischen Problemen ab.

FURCHE: Ist diese harte Kritik Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?

GREELEY: Christiich leben heißt, wahrhaft menschlich zu leben. Die Erkenntnis, worin das „wahrhaft Menschliche“ liegt, entwickelte sich im Laufe der Kulturgeschichte. Heute wissen wir mehr darüber als vor 2000 {Jahten. Heute wissen wir daher auch mehr, was es heißt, christlich zu leben. Die1 Enzyklika gehf^araHTörbei.

FURCHE: Sie sagen in Ihrem Buch „Was am Christentum wesentlich ist“: „Durch die Einsichten der Tiefenpsy-

chologie wissen wir heute auf rein intellektueller Basis ein Stück mehr über die Rolle der Sexualität für die persönliche Entfaltung eines Menschen. Wir wissen mehr über die ungeheuren Kräfte der sexuellen Anziehung. Wir werden uns der natürlichen Rechte der Frau besser bewußt.“ -Was heißt das für die Gestaltung eines christlichen Lebens?

GREELEY: Das heißt: Heute wissen wir, daß die Sexualität ein sehr wesentlicher Faktor des Lebens ist. Damit ist eine neue Phase in der Erkenntnis dessen angebrochen, was daher auch „wesentlich christlich“ ist. In der christlichen Tradition finden sich zwei konträre Komponenten: Aus der israelitischen Uberlieferung stammt ein sehr ungezwungener und realistischer Zugang zur Sexualität (Genesis: Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist. Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Sie werden ein Fleisch). Auf der anderen Seite hat eine Geringschätzung der Sexualität im neuplatonischen Denken auch das frühe Christentum beeinflußt, als es über Palästina hinaus strebte (1 Kor 7: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten). -Heute sehen wir deutlich,- daß diesei Haltung des ^postel Paulus, puritan-j isch, nicht aber c'nristl'icri Stfüie positive Einstellung hat sich mehr im Hochzeitsritual der Kirche erhalten (so bei der Einsegnung der Ehebetten).

Aber auf Grund der griechisch-pauli-nischen Einstellung ist die Kirche in der Wertschätzung der Frau in den letzten Jahrhunderten weit hinter der Entwicklung unserer Gesellschaft zurückgeblieben, wenn man sicherlich anderseits aber auch nicht übersehen darf, daß trotzdem in vielen Ländern die Frauen in der Kirche mehr Entfaltungsmöglichkeiten haben als in der profanen Gesellschaft.

FURCHE: Wie ist es möglich, daß die Kirche in so wesentlichen Fragen der menschlichen Würde und Sittlichkeit so lange und so weitgehend irrt?

GREELEY: Die Kirche ist trotz göttlicher Führung doch auch eine sehr menschliche Einrichtung. Damit ist sie den Gesetzen der zunehmenden Erkenntnis unterworfen. Vieles an der Kirche ist viel, viel menschlicher, als wir es bisher vielleicht gerne angenommen haben. Die Kirche kann in ihrer Erkenntnis sogar hinter „der Welt“ zurückbleiben, wie heute auf dem Gebiete der Integration der Sexualität in das menschliche Leben.

FURCHE: Ist es möglich, daß die Kirche in so wichtigen Fragen den Christen allein läßt? Heute umfaßt die Haltung zur Sexualität unter den Cluäsiexueim.Mh&-wal£ Manidbreüe, möglicher Einstellungen, ohne daß die Integration dieser neuen positiven Sicht auch nur annäherungsweise gelungen wäre.

GREELEY: Das ist durchaus möglich. Wenn - wie heute in den US A - die durchschnittliche Dauer einer Ehe 48 Jahre währt gegenüber nur zwölf Jahren noch im vorigen Jahrhundert und dabei die intellektuelle Entwicklung für den modernen Menschen bei viel Freizeit eine große Rolle spielt, dann entstehen Probleme, die von der Kirche noch kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn dafür Lösungen gefunden wurden. Sie hat mit ihren Antworten in sehr wichtigen Fragen auch schon geirrt Da muß der Christ nach seinem Gewissen handeln. Die Kirche hat immer schon dem Gewissen des einzelnen als Richtschnur für sein sittliches Handeln einen weiten Kompetenzbereich eingeräumt.

FURCHE: Wie ist es möglich, einer zweitausendjährigen prinzipiellen Leibfeindlichkeit entscheidend und, die Entwicklung in der Welt aufarbeitend, eine neue Richtung zu geben? Im deutschsprachigen Raum kann das Buch von Hans Wirtz „Vom Eros zur Ehe“ (1938) als Beginn einer neuen Haltung angesehen werden, kurz nach der Enzyklika „Casti Connubii ,Pius' XI.“ (1930), die in der „erschöpfenden“ Aufzählung der „wahren Güter der Ehe“ (Nachkommenschaft, Treue, Sakrament) die Sexualität nicht einmal erwähnt!Auch das Vaticanum II hat sich nur zu einer Gleichrangigkeit der beiden Zwecke der Sexualität - der Kinderzeugung und der Persönlichkeitsentfaltung - durchgerungen.

GREELEY: Eine solche Kurskorrektur ist nicht nur möglich, sie ist auch sehr hotwendig, sie geht freilich nicht über Nacht, Die Integration der Sexualität in das christliche Leben kann an bisherige Entwicklungen anknüpfen. Die Akzentuierung im Zweiten Vaticanum ist ein enormer Schritt Seine Grundsätze, weiter gedacht, führen zum Schluß, daß die Bedeutung des Sexuellen für die Ehepartner häufig nicht nur erster, sondern einziger Zweck ist, dann etwa, wenn aus Gesundheitsgründen keine Kinder möglich sind oder die Erziehungskapazität der Familie mit Kindern bereits ausgefüllt ist. Es muß in Seelsorge und Verkündung aber viel mehr geschehen. Unser in der USA von der Bischofskonferenz eingesetztes Komitee, das Programme dazu ausarbeitet, arbeitet mit zwei Sitzungen jährlich sicherlich zu langsam. Anderseits wäre es vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar gewesen, daß meine Bücher von der gesamten Hierarchie ohne jede kritische Äußerung hingenommen werden. Wir brauchen eine neue Askese. In sexuellen Dingen heißt das nicht unbedingt nur verzichten, sondern bewußt gestalten. In meinem Buch „Love and Play“ (Styria-Titel: „Sexualität - Phantasie und Festlichkeit“) mache ich darauf aufmerksam, daß auch der Spielcharakter in diesem Bereich, um voll zur Entfaltung kommen zu können, einer Selbstkontrolle und einer Selbstdisziplin bedarf. Nur so kann die Sexualität zu einem „Brennpunkt neuer Energie“ werden. Im übrigen hat sich die Kirche im Laufe ihrer Entfaltung nicht immer so intensiv mit Eheproblemen beschäftigt wie heute. Diese Tradition begann erst mit der Enzyklika Arcanum Divinae Sapien-tiae (1880), und selbst darin hat sich Leo XIII. nicht mit der damals in Frankreich so viel diskutierten Geburtenkontrolle beschäftigt. In den Evangelien ist über Eheprobleme sehr wenig nachzulesen. Die Kirche hat offenbar dem christlichen Gewissen ein sehr hohes Maß an selbständiger Entscheidungsfähigkeit zugetraut.

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