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Die intelligentnten Schulversager

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Wenn ein normal begabtes Kind schlecht lernt, kann richtiges Verhalten der Eltern und Lehrer lebensentscheidend sein. Der Schulpsychologe bietet wirkungsvolle Hilfen an.

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Wenn ein normal begabtes Kind schlecht lernt, kann richtiges Verhalten der Eltern und Lehrer lebensentscheidend sein. Der Schulpsychologe bietet wirkungsvolle Hilfen an.

Mit dem Schulbeginn drohen auch wieder Schulstreß und Angst vor schlechten Noten. Woran es liegt, wenn jemand in der Schule versagt, ist von den Erziehern nur selten auf den ersten Blick zu erkennen. Daß es sich oft nicht um mangelnde Intelligenz handelt, hat sich herumgesprochen und gewinnt ein immer breiteres wissenschaftliches Fundament.

Franz Sedlak, Schulpsychologe des Unterrichtsministeriums und Autor mehrerer Bücher über Lerntechnik, Krisenvorsorge und Krisenbewältigung im Zusammenhang mit Schulproblemen, ruft zu einem zielbewußten (Lern-)Krisenmanagement auf. Warnzeichen müssen wahrgenommen werden.

Das sind nicht in jedem Fall schlechte Noten, sondern alle Arten eines auffälligen Ungleichgewichtes, sei es ein Mißverhältnis zwischen Aufwand und Erfolg, sei es, daß ein Schüler in einem Gegenstand ungleich schlechter ist als in allen anderen, oder daß er auffällig mehr Probleme jeglicher Art hat als andere Schüler. In diesen Fällen sollten die Eltern aufmerksam werden.

Es gilt, sich an die Ursache heranzutasten, und zwar von mehreren Aspekten her. Sedlak nennt vier Bereiche, wo Wurzeln für Lern- oder Verhaltensstörungen zu suchen sind: die Bereiche des Geistigen, des Körperlichen, des Persönlichen und des Methodischen.

Alle vier, betont der Experte für Schulprobleme, sind gleich wichtig. Es muß jeder für sich berücksichtigt werden, das Problem äußert sich aber nicht selten mehrfach vernetzt und verflochten. Je länger ein Problem ansteht, desto eher greift es auch auf einen anderen Bereich über.

Noch eine Differenzierung ist nötig: Ob das Problem vom Kind verursacht wird oder von seiner Umwelt. Die geistigen Voraussetzungen müssen natürlich stimmen, wenn ein Kind in der Schule vorankommen soll. Die Teilleistungsschwäche Legasthenie etwa stellt ein bekanntes Hindernis dar. Sowohl Uber- als auch Unterforderung hat zur Folge, daß die Freude am Lernen und damit auch die Leistung sinkt.

Der Erzieher muß sich aber auch grundsätzlich fragen, ob das Kind für den jeweiligen Schultyp geeignet ist.

Die Bedeutung der körperlichen Disposition ist bekannt, trotzdem wird sie nicht immer in ihrem ganzen Stellenwert berücksichtigt. Besonders wenn eine organische Schwäche oder verminderte Leistungsfähigkeit infolge einer noch nicht ganz überwundenen Krankheit schon längere Zeit andauert, kommt es in der Folge leicht zu Problemen auf einem anderen Gebiet.

Naheliegend sind Konflikte des Heranwachsenden mit sich selbst und mit seiner Umwelt, was in der Altersgruppe der Pubertierenden ohnehin keine Seltenheit darstellt. Wer sich aber ständig mit ungelösten Konflikten herumschlägt, ist nur bedingt frei, Lerninhalte aufzunehmen. Dabei ist es dann belanglos, ob das Problem als Folgewirkung auftritt oder aus dem persönlichen Bereich direkt stammt.

Nicht unwesentlich ist, wie ein Kind an die Lerninhalte herangeht, ob es am Lernen und an der Arbeit interessiert oder gelangweilt ist, Motivation und Arbeitshaltung wirken sich in jedem Fall förderlich oder hemmend auf das Lernen aus.

Eine häufige Ursache für Schulprobleme sind methodische Fehler bei der Vermittlung oder Aufnahme des Lernstoffes. Beim Lernen möglichst ökonomisch vorzugehen, lernt ein Schüler in den seltensten Fällen von allein. Die Schule bietet ihm wohl theoretische Hilfe an, etwa in Form der Broschüre „Wir lernen Lernen“ von Giselher Guttmann, die ihm zur Verfügung gestellt wird.-

Dort erfährt er, welche Bedeutung der Zeitpunkt des Lernens für den Effekt hat, daß der Stoff gut dosiert — was Menge wie Inhalt betrifft - besser aufgenommen wird, daß schöpferische Pausen wichtig sind, weil das Gehirn erst richtig zu arbeiten beginnt, wenn die Aufnahme des Stoffes beendet oder unterbrochen wird, daß auch die Länge der Pausen wichtig ist.

Es werden Methoden gezeigt, mit denen man der „Vergessens-kurve“ am besten beikommt und wie man besonders widerspenstige Lerninhalte doch bleibend aufnehmen kann.

An der praktischen Vermittlung der Techniken und Methoden in der Schule mangelt es jedoch. In den allgemeinen didaktischen Grundsätzen der Lehrpläne findet sich zwar der Auftrag an die Lehrer, den „Unterrichtsertrag zu sichern“ und „grundlegende Lern- und Arbeitstechniken zu vermitteln“, es bleibt jedoch dem einzelnen Lehrer überlassen, ob er seinen Schülern de facto praktische Anweisungen und Tips gibt, wie sie im jeweiligen Fach rationell und effektiv lernen können.

Was ist nun zu tun, wenn sich Schulschwierigkeiten, welcher Art und Ursache immer, zeigen? Das erste wird wohl ein Gespräch mit dem Lehrer sein, vielleicht auch mit einem Schülerberater. Das sind speziell geschulte Lehrer an Hauptschulen, Allgemeinbildenden Höheren Schulen und Berufsbildenden Höheren Schulen, die bei Problemen als Anlauf stelle zur Verfügung stehen.

Schließlich gibt es noch den Schulpsychologen, dem viele Eltern eine gewisse Reserve entgegenbringen. Von ihm kann jedoch einiges an Hilfestellung im Hinblick auf Diagnose und Krisenbewältigung erwartet werden. Die Befürihtung, er könnte die Interessen der Schule vertreten und nicht die des Ratsuchenden, ist unbegründet.

Er kann von Eltern, ratsuchenden Lehrern und Jugendlichen direkt, ohne, Vermittlung durch die Schule, aufgesucht werden. In jedem Fall bleibt die Anonymität gewahrt, die Beratung ist kostenlos und vertraulich.

Weniger bekannt ist, daß Schulpsychologen auch Seminare zur Kommunikationsverbesserung im Schulbereich sowie Lerntechnikkurse abhalten.

Wenn Eltern und Lehrer alle Alarmzeichen, alle möglichen Ursachen für Probleme und alle Möglichkeiten zu ihrer Bewältigung berücksichtigen, können sie bei ihren normal intelligenten Kindern und Schülern Schulversagen so gut wie ausschließen.

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