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Die Jugend in Vorarlberg ist zuversichtlich

Die kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellte empirische Studie „Jugend in Vorarlberg” hat eine Reihe von wichtigen Hinweisen geliefert, in welcher Weise die jungen Menschen, speziell Schüler und Lehrlinge, auf die vorgegebene Lebenssituation reagieren und wie sie sich in der Gesellschaft von heute zurechtfinden.

Welche Erkenntnisse wurden dabei gewonnen?

Knapp 90 Prozent der Vorarlberger Jugendlichen stehen eindeutig positiv zu ihrem Leben und fühlen sich recht wohl. Ein Anteil zwischen 10 und 15 Prozent ist eher unzufrieden und zum eigenen Leben negativ eingestellt.

Drei Viertel erklären, daß man als Jugendlicher in Vorarlberg einigermaßen gut leben kann. Im Alter von 30 bis 35 Jahren wollen dementsprechend drei Viertel der befragten Lehrlinge und Schüler in ihrem jetzigen Wohnort (oder in nächster Nähe) leben. 6 Prozent wollen in ein anderes Bundesland ziehen, 16 Prozent wollen dann nicht mehr in Österreich leben.

Familiäre Situation

10 Prozent der Schüler und Lehrlinge geben an, daß es zu Hause oft, 34 Prozent, daß es gelegentlich Konflikte gibt. Burschen sind hier häufiger vertreten als Mädchen.

Die Eheschließung wird zwischen dem 24. und 27. Lebensjahr erwartet, wobei es kaum Geschlechtsunterschiede gibt.

Rund ein Drittel will allerdings bis zum Alter von nur 20 Jahren bereits in der eigenen Wohnung leben.

Die Partnerwünsche sind eindeutig durch „soziale Eigenschaften” charakterisiert. Verständnisvolle, verläßliche, sehr liebevolle und hilfsbereite Partner werden vorrangig gewünscht. Weniger gefragt sind materielle Voraussetzungen oder Prestige.

Einige Schlußfolgerungen: Man muß mehr Familienkultur entwickeln, wozu auch die Jugendlichen selbst beitragen müssen. Hier muß ein wirksames Repertoire im Umgang miteinander entwickelt werden. Jugendarbeit ist auch ganz wichtige Prophylaxe im sozialen Bereich, da sich bei der kleinen Gruppe Unzufriedener und Unglücklicher die Probleme rasch potenzieren, wobei eine ungünstige Familiensituation meist den Ausgangspunkt darstellt.

Der Jugendliche will heute das Erwachsenwerden zwar möglichst lange hinauszögern (der „Maschinerie” ausweichen), will aber gleichzeitig autonom, unabhängig sein, was sich unter anderem aus den Wohnungswünschen ergibt.

Jugend in der Freizeit

Von großer Aussagekraft sind die Interessenlage und vor allem die Freizeitbeschäftigungen und die Freizeiterwartungen, wobei die Aussagen nicht ident sind, das heißt, man möchte eigentlich vielfach etwas anderes tun, als in der Realität wirklich getan wird.

Zu Hause fernsehen und Radio hören geschieht zu 56 Prozent fast täglich, aber nur 18 Prozent wollen mit der Familie fernsehen!

Allein Musik hören (54 Prozent fast täglich), mit den Eltern Zusammensein (51 Prozent fast täglich) rangieren am zweiten und dritten Platz in der Realität, aber wenn es nach dem eigenen Wollen geht, steht das „Zusammensein mit Freund (Freundin)” am ersten Platz (in der Realität am 4. Platz mit 43 Prozent und „mit Freunden etwas unternehmen” am 2. Platz (in der Realität am 5. Platz mit 30 Prozent). Der Sport nimmt bei den Wünschen den dritten Platz ein.

Fernsehen und Musikhören sind demnach zwar häufig, aber weisen nur eine geringe Wünsch-barkeit auf.

Im Unterschied zu anderen Bundesländern divergiert das Freizeitverhalten der Burschen nur wenig von jenem der Mädchen, und vor allem bestehen in Vorarlberg, wohl dank der Überschaubarkeit, zwischen Schülern und Lehrlingen nur geringe Unterschiede.

Vorarlberg verfügt somit, wie der Verfasser der Studie, Dr. Erich Brunmayr, positiv hervorhebt, über eine ziemlich homogene Jugend-Freizeit-Kultur, was gesellschaftspolitisch von großer Bedeutung ist und positiv gesehen werden muß.

Infrastruktur für Jugendliche

Die Vorarlberger Schüler und Lehrlinge beurteilen die Möglichkeiten, die sie in ihrer Wohnregion vorfinden, besser als dies Jugendliche in anderen Bundesländern tun.

Hier zeigt sich allerdings ein starker Unterschied zwischen Mädchen und Burschen. Mädchen finden ihrer Aussage nach weniger attraktive Möglichkeiten für eine sinnvolle und erlebnisreiche Freizeitgestaltung vor als Burschen, die ihrerseits stärker im Vereinsleben integriert sind. Mädchen sind hingegen in größerer Zahl auf öffentliche Lokale angewiesen.

Je besser übrigens die Infrastruktur für Jugendliche in einer Region bewertet wird, desto geringer fällt der Diskobesuch aus.

Jugendliche wünschen sich vor allem

9 Räumlichkeiten, in denen sie mit Gleichaltrigen zusammentreffen können,

9 gemeinsame Betätigungsmöglichkeiten und Aufgaben,

• gemeinsame Feste und Veranstaltungen, Sportmöglichkeiten.

Teilnahme an Vereinen

57 Prozent der Vorarlberger Jugendlichen sind Mitglieder eines Vereines, insbesondere einer Jugend- und Sportorganisation (Burschen 66 Prozent, Mädchen 48 Prozent). 37 Prozent sind bei einem Sportverein, 12 Prozent in einer konfessionellen Jugendorganisation. In politischen Jugendorganisationen sind nur 3 Prozent engagiert. Attraktiver sind naturverbundene Vereine (7 Prozent) und die örtlichen Vereine wie Feuerwehr und Rotes Kreuz (5 Prozent). 23 Prozent sind mehrfach vereinsmäßig organisiert.

40 Prozent der Burschen und nur 17 Prozent der Mädchen sind öfter als einmal in der Woche an Vereinsaktivitäten beteiligt. Aktiv sind in den Augen der Jugendlichen vor allem die Sportvereine, gefolgt von den Jugendzentren und den Pfarren. Auch Pfadfinder und Musikvereine werden als sehr aktiv beschrieben.

Umweltschutz nur Lippenbekenntnis?

Die Bereitschaft, bei sozialen, mitmenschlichen Aktionen mitzumachen, ist bei Mädchen viel größer als bei Burschen. Auch für den Umweltschutz sind Mädchen leichter zu gewinnen, allerdings ist die Bereitschaft, bei Umweltschutzmaßnahmen mitzumachen, nicht überwältigend groß. Das regelmäßige Sortieren des Hausmülls zum Beispiel würden nur 15 Prozent auf sich nehmen, und da vor allem die Burschen, die sich offenbar davon wenig betroffen zeigen! Damit zeigt sich, daß es offenbar mehr Anhänger von

Grünbewegungen gibt (wenn man die Wahlergebnisse heranzieht), als junge Menschen, die die Tatsache akzeptieren, daß heute jeder zum Umweltschutz beitragen kann und beitragen muß, wenn es zu einer spürbaren Veränderung in diesen Bereichen kommen soll.

Interessant aber nicht überraschend ist, daß junge Menschen bei zunehmender Konflikthäufigkeit in der Familie häufiger daran interessiert sind, im strukturellen Bereich mitzugestalten. Jugendliche aus besonders konfliktarmen Familien hingegen sind mehr an einer Verschönerung und Harmonisierung ihrer Umwelt interessiert.

Die Hälfte ist zuversichtlich

Zuversichtlich sieht rund die Hälfte der Vorarlberger Jugendlichen in die Zukunft. Befürchtet wird die Zunahme von Umweltschädigungen, es folgt mit knappem Abstand die Furcht vor kriegerischen Ereignissen (49 Prozent). 29 Prozent befürchten in den nächsten 10 Jahren Arbeitslosigkeit. Das Krisen bewußtsein orientiert sich in erster Linie auf die Umwelt (Waldzustand) und auf die Friedensproblematik. Wesentlich positiver als die ökologische Umwelt wird in Vorarlberg die soziale Umwelt beurteilt.

Staat und Politik

Selbstverantwortete Lebensgestaltung und Eigenverantwortung, so zeigen die Umfragen, sind bei den jungen Menschen weniger gefragt als man vor allem auch in Vorarlberg erwarten könnte. Die Verantwortlichkeit für das Wohlergehen der Bürger liege in erster Linie beim Staat, meinte man überwiegend. Der „Fürsorgestaat” ist, wie Landesrat Mayer vermutet, auch als Ergebnis einer langen Periode, in der dem Staat und dem staatlichen Eingriff fälschlicher Weise besondere Wirksamkeit für das Wohlergehen der Bürger zugeordnet wurde, in den Zukunftsüberlegungen stark verankert. Die Eigenverantwortung des Bürgers besitzt offenbar wenig Attraktivität. Ein für Vorarlberg erstaunliches Umfrageergebnis, wobei allerdings viele Vorstellungen bei den Staatsaufgaben widersprüchlich und offenbar nur oberflächlich sind.

Religionen und Gottesdienst

Höher als sonst in Österreich rangiert Religiosität und Gottesdienstbesuch. 42 Prozent der Befragten besuchen regelmäßig den Gottesdienst, nur 14 Prozent gehen nie. Die Einstellung zur Religion ist durch ein hohes Maß an Religiosität bei gleichzeitig starker Kritik an kirchlichen Institutionen gekennzeichnet! „Man spürt wenig von dem was Christus gelehrt hat”, wird dazu gesagt. Vorarlbergs Jugend ist nach Aussage der Meinungsforscher besonders gläubig, räumt religiösen Inhalten einen hohen Stellenwert ein, ist aber gleichzeitig besonders kritisch gegenüber der Kirche als Institution.

Konkrete Strategien

Wie bei anderen Studien, die von der Landesregierung etwa zur besseren Bewältigung der Fremdenverkehrsproblematik, des Nahverkehrs, zur zukünftigen Entwicklung der Vorarlberger Wirtschaft, zur Energiesituation usw. in Auftrag gegeben wurden und heute als Entscheidungsgrundlagen vorliegen, soll auch die Durchleuchtung der Situation der Jugendlichen im Ländle und der Einblick in ihre Erwartungen, Befürchtungen und Lebensziele als Grundlage, in diesem Fall für die Jugendpolitik des Landes, dienen. Aus den Ergebnissen werden konkrete Konzepte und Strategien abgeleitet werden, wie der neue Jugendreferent Landesrat Fredy Mayer betont.

Jugendarbeit heißt für die Landesregierung vor allem, die Arbeit von Vereinen und anderen Trägern in ihren Bemühungen um die Jugend zu ergänzen und zu fördern. Jugendliche und deren Organisationen sollen entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip dort unterstützt werden, wo sie allein überfordert wären und wo deshalb ihre eigenen Initiativen und Leistungen zu einer ersprießlichen Arbeit nicht ausreichen. Landesrat Mayer betont aber auch, daß die umfassende Vorarlberger Jugendstudie, die auf 1.000 Einzelinterviews beruht, darüber hinaus die Erwachsenen in unserer Gesellschaft für die Probleme der nachkommenden Generation sensibilisieren und die konstruktive Gesprächsatmosphäre fördern soll.

Da in Vorarlberg aufgrund des Jugendgesetzes ein funktionierender Landes-Jugendbeirat mit Vertretern aller Jugendorganisationen als beratendes Organ der Landesregierung tätig ist, werden die jetzt vorliegenden umfangreichen und detaillierten Erkenntnisse auch dort eingehend diskutiert. Im Jahr der Jugend verfügt Vorarlberg somit Uber eine solide Grundlage für die weitere Aufbauarbeit und für ein besseres Verständnis der Anliegen, Wünsche, Ängste und Erwartungen der jungen Generation.

Eine Jugendenquete im Landesbildungszentrum Schloß Hofen vom 10. bis 12. Juni 1985 wird sich eingehend mit dem Befragungsergebnis beschäftigen, auch mit den gesonderten Spezialuntersuchungen über Gastarbeiter-Jugendliche und über die Lebenswelt der Arbeitslosen.

Aufgelistete Vorschläge des Projektteams liegen schon vor. Man wird sich also keinesfalls zufrieden geben mit den vielen positiven Ergebnissen, vor allem mit der Tatsache, daß in Vorarlberg heute große Teile der Jugend zufrieden sind und ausreichend Aktionsmöglichkeiten vorfinden. Man wird sich jetzt auf die aufgezeigten, gesellschaftspolitisch aber doch sehr relevanten Schwachstellen konzentrieren.

„Die Studie ist Ausgangspunkt einer über Jahre dauernden Arbeit”, meint Landesrat Mayer, „sie ist Grundlage für weitgreifende Überlegungen, keinesfalls nur auf dem Sektor der Jugendpolitik, sondern in allen als relevant aufgezeigten Bereichen, etwa Sozialpolitik und Sportförderung”.

Klare Zukunftsperspektiven sind notwendig, die Verantwortung des Staatsbürgers muß jugendgerecht diskutiert werden. Die jungen Menschen brauchen dazu Übungsfelder und vor allem bei Mädchen noch mehr Vereinsaktivitäten und mehr Möglichkeiten zum Kontakt und zur Selbstaktivierung.

Information der Vorarlberger Landesregierung

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