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Die Kämpferin für Frieden auf der Welt

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Wie ein Roman rollt das bewegte Leben der ersten Friedensnobelpreisträgerin ab, ein Leben mit Tiefen und Höhen und abenteuerlichen Episoden.

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Wie ein Roman rollt das bewegte Leben der ersten Friedensnobelpreisträgerin ab, ein Leben mit Tiefen und Höhen und abenteuerlichen Episoden.

Sie stammte aus Prag, wo sie am 9. Juni 1843 als posthume Tochter des pensionierten österreichischen Feld-marschalleutnants Franz Joseph Grafen Kinsky geboren wurde. Trotz mißlicher Vermögensverhältnisse wollte die verwitwete Mutter ihrer Tochter Eingang in vornehme Adelskreise verschaffen, ließ sie Französisch und Englisch lernen und in Paris, Mailand und Rom zur Sängerin ausbilden. Ihre Stimme reichte aber nicht für eine erfolgreiche Karriere. Auch sich anbahnende Verbindungen mit Männern aus Adelskreisen schlugen fehl.

Bertha kam dann 1873 als Erzieherin in die Familie des Barons Suttner nach Wien, wo sie sich mit dem um sieben Jahre jüngeren Sohn des Hauses gegen den Willen seiner Eltern verlobte. Zwischendurch war sie 1876 vorübergehend bei Alfred Nobel als Sekretärin beschäftigt, mit dem sie auch später in Verbindung blieb. Dann heiratete sie heimlich in Wien-Gumpendorf ihren Verlobten Arthur Gun-daccar von Suttner. Unmittelbar darauf begab sich das Paar, gleichsam auf der Flucht vor der verärgerten Familie, nach Rußland, wo die Jungvermählten bei der Fürstin von Min-grelien in Tiflis Aufnahme fanden.

Neun Jahre blieben sie dort, von schriftstellerischen Arbeiten notdürftig lebend. Bertha war in Zeitschriften und Zeitungen journalistisch tätig, dann begann sie mit Gesellschaftsromanen, von denen in jener Zeit „Inventarium einer Seele" und „Ein schlechter Mensch" entstanden. Sie wurde unter anderem Mitarbeiterin der von Michael Georg Conrad in München herausgegebenen Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben „Die Gesellschaft", für die sie gleich in der ersten Nummer (1885) ihren Dialog „Wahrheit und Lüge" beisteuerte. „Die Gesellschaft" war die führende Zeitschrift

des Naturalismus, die vor allem für Emile Zola eintrat. Die bekanntesten Autoren jener Generation schrieben hier, darunter Detlev von Liliencron, Gerhart Hauptmann, Max Halbe, Otto Julius Bierbaum, Gustav Falke.

Im Jahre 1885 kehrte das Ehepaar in die österreichische Heimat zurück und zog, mit der Suttnerschen Familie versöhnt, auf deren Familienbesitz nach Harmannsdorf, zwischen Eggenburg und Maissau in Niederösterreich. 1889 erschien jener Roman Berthas, der ihren Namen weltberühmt mach-

te und in viele Sprachen übersetzt wurde: „Die Waffen nieder! "Die Verfasserin wollte damit der Friedensliga einen Dienst erweisen und dies in Romanform tun, weil sie es für wirksamer hielt als eine theoretische Abhandlung über die Menschheitsgeißel des Krieges zu schreiben. In den Mittelpunkt der Handlung wird eine junge Frau gestellt, die in Böhmen die Kriegsereignisse von 1866 erlebt und erleidet, das Grauen des Krieges und seine Folgen (eine Choleraepidemie) in unmittelbarer Nähe erfährt. Der

Roman ist weniger als Kunstwerk zu werten denn als ethischer Protest gegen die Selbstvemichtung. Das Urteil der Marie von Ebner-Eschenbach lautet: „Ein Buch von ehrlicher Überzeugung und Talent und oft wirklicher Beredsamkeit, und oft ganz dicht daneben kleine Orgien der Geschmacklosigkeit und des schlechten Tons..."

Den Kampf nicht aufgeben!

Dennoch hat dieser Ton gewirkt: Im Jahre 1891 gründet die Suttner die „Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde" und nimmt als Präsidentin dieses Vereins an der Weltfriedenskonferenz in Rom teil. 1892 erscheint unter dem Titel des Romans eine Monatsschrift, die sie gemeinsam mit dem Publizisten Alfred Hermann Fried herausgibt, dann erfolgt die Errichtung des Internationalen Friedensbüros in Bern.

Einen schweren Schicksalsschlag erleidet Bertha im Dezember 1902 durch den Tod ihres Ehemanns. In seinem Testament legt er der Verwitweten nahe, durch ihre schriftstellerische Tätigkeit auch weiterhin zum Besserwerden der Welt beizutragen.

Das war nicht leicht für die kinderlos Zurückgebliebene, die mit dem Dahingegangenen ständig#usammen-gearbeitet hatte. Er wollte nicht begraben, sondern eingeäschert werden. Damals gab es in Wien kein Krematorium, daher mußte der Leichnam nach Gotha gebracht werden, für die durchwegs katholischen Familienangehörigen ein damals schockierender Vorgang. Doch Bertha und ihr verstorbener Mann waren durch die Schule von Ernst Haeckels Monismus gegangen und hatten keinen konfessionsgebundenen Gottesglauben. In ihrem Buch „Schach der Qual" (1897) hatte sie es so ausgedrückt: „Gott - ich verstehe darunter nur den Gott in der Menschenbrust. Von einem anderen weiß ich nichts - denn zu glauben, was Menschen uns darüber sagten und schrieben, ist ja nicht Gottesglaube, sondern Menschenglaube..." Infolgedessen vermochte sie auf ein Wiedersehen mit dem Verstorbenen nicht zu hoffen. Es tat ihr weh, daß ihr geliebter Gatte die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahre 1905 nicht mehr erleben konnte.

Die letzten Jahre der so erfolgreichen Schriftstellerin sind durch manche Enttäuschungen getrübt. Ihren letzten Roman „Der Menschheit Hochgedanken" will kein namhafter Verleger annehmen, bis schließlich der Verlag der „Friedenswarte" sich dazu bereit erklärt. Doch im Laufe ihres bewegten Lebens hatte sie sich an so manches gewöhnen müssen. Sie, die überall fanatisch für ihre Frie-

densideen kämpfte, wurde von vielen als überspannte Emanzipierte angesehen und in manchen Offizierskreisen als „Friedensfurie" verspottet. Sogar der Pazifist Rainer Maria Rilke hatte sie in frühester Jugend, als er als Kadett die Offizierslaufbahn anstrebte, in einem Gedicht von 1892 („Antwort auf ,Die Waffen nieder'") angegriffen und ihr Friedenspathos „erbärmlich" genannt: „Ermannet euch! Gefährten, Freunde, Brüder, / die ihr doch stets das Vaterland geliebt,/nun merket wohl: Es gibt kein Waffen nieder, / weils keinen Frieden ohne Waffen gibt!" Die meisten Gegner kamen aus dem nationalen Lager. So stehen bei Felix Dahn in einem gegen die Suttner gerichteten Gedicht die Verse: „Wo Männer fechten, hat das Weib zu schweigen..."

Durch derartige Polemiken ließ sich die Kampferprobte nicht entmutigen, denn die Erfolge in vielen Ländern stärkten ihr Selbstvertrauen, namentlich ihre Vortragsreisen. In vielen großen deutschen Städten fand sie lebhafte Resonanz, später auch in Paris und London, besonders jedoch bei ihrer Tournee durch die USA im Jahre 1912, wo sie in vielen Großstädten auftrat. In wechselnden Varianten trug sie, oft in freier Rede, ihr Grundprinzip vor: „Universal peace is not a que-stion of possibility, but of necessity".

Ihre Hoffnung blieb unerfüllt

Der norwegische Dichter und Literaturnobelpreisträger Björnson grüßt sie als „hochverehrte, liebe Mitkämpferin", und der Russe Leo Tolstoj schreibt ihr über den Roman „Die Waffen nieder" unter anderem: „Ich schätze Ihr Werk sehr, und es kommt mir vor, daß die Veröffentlichung Ihres Romans ein glückliches Vorzeichen darstellt. Der Abschaffung der Sklaverei war das berühmte Werk einer Frau, Harriet Elizabeth Beecher-Stowe, vorausgegangen. Gott möge es so fügen, daß die Abschaffung des Krieges ihrem Werke folge..."

Dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Als Bertha von Suttner am 21. Juli 1914 starb, währte es nur eine Woche bis zur Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares, die den Ersten Weltkrieg auslöste. Das Schicksal ersparte es ihr, daß sie, die Alfred Nobels Stiftung des Friedenspreises angeregt und Institutionen wie dem Völkerbund und den Vereinten Nationen vorausgearbeitet hatte, die furchtbaren Kriege unseres Jahrhunderts bis zur heutigen Balkankatastrophe hätte erleben müssen. Ihre Gesammelten Schriften erschienen schon 1906/07 in 12 Bänden. Die wichtigste Literatur über diese Frau stammt von Frauen: Ilse Reicke (1952), Beatrix Kempf (1964 und 1987) und Brigitte Hamann (1986).

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