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Die Katholiken sind überall zu finden

Soziale Fragen spielen im heutigen Südamerika eine dominierende Rolle. Das explosive Bevölkerungswachstum, die Notwendigkeit, die in die rasch wachsenden Großstädte strömende Bevölkerung allmählich zu integrieren und zunächst vorhandene soziale Mißstände abzubauen, vor allem aber auch die Fragen der Mitbestimmung und Mitwirkung der Bevölkerung an den politischen Entscheidungen stellen nur die wichtigsten Themen dar, die sich für ein gesellschaftspolitisches Engagement der Kirche ergeben. Dabei geschieht vor allem viel, um das Problembewußtsein zu wecken. Das weit verzweigte katholische Pressewesen greift soziale und politische Gegenwarts- und Zukunftsprobleme mutig auf und beschränkt sich keineswegs darauf, kritische Analysen zu bieten, sondern versucht immer auch, Lösungen anzubieten, vor allem aber auch, die Grundsatzfragen des gesellschaftlichen Lebens aufzugreifen.

Der 80. Geburtstag des Papstes hat in diesem Sinne Anlaß geboten, vor allem der Enzyklika,,Pacem in terris“ zu gedenken, die gerade für Südamerika durch ihre Mahnung zu größerer sozialer Gerechtigkeit aktuell ist. Nicht zuletzt ist es das Bekenntnis zu den Menschenrechten, das in dieser Enzyklika so eindrucksvoll herausgestellt wird, an dem sich immer wieder Diskussionen entzünden.

Weihbischof Moraies von Caracas, Generalsekretär der Bischofskonferenz von Venezuela, sagt, daß diese Menschenrechte^ in der Praxis verwirklicht werden müßten, daß es nicht genüge, sie in den Verfassungen aufzuzählen. Entscheidend sei eine Erziehung zur Demokratie. Es sei kein Zufall, daß in vielen Ländern der Dritten Welt autoritäre Regime vorhanden seien oder zumindest ein Hin und Her zwischen Diktatur und Demokratie. Um gerade die geistige Seite einer umfassenden Sozialreform herauszustellen, betont Mondes, daß Caritas auch immateriell sein könne; sie sei nicht nur Brot, Dach und Kleidung, sie könne auch Trost, Rat und Bewährung sein. In dem Sinne sind ganz offensichtlich die bildungspolitischen Voraussetzungen des Aufbaues einer demokratisch organisierten Gesellschaft entscheidender, nicht zuletzt auch für eine Verwirklichung der Menschenrechte.

Die Diskussionen mit Katholiken in südamerikanischen Ländern zeigen im allgemeinen großen Realismus in der Einschätzung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Eine hohe wirtschaftliche Wachstumsrate wird angesichts des enormen Bevölkerungswachstums als notwendig angesehen, ebenso Maßnahmen, die diese Entwicklung fördern. Auf der anderen Seite ist die Einsicht sehr stark, daß diese Entwicklung in manchen Ländern und vor allem im Einzugsbereich vieler Städte zu katastrophalen Fehlentwicklungen geführt hat.

Die zwischen vornehmen Villenvierteln und Hochhausanlagen vorhandenen Elendsviertel - ob Favelas oder Ranchos - stellen schwer lösbare Probleme dar. Da und dort mögen die „Hüttenstädte“ an den Abhängen in der Umgebung von Großstädten Ansatzpunkt für zukunftweisende Siedlungen sein; interessante Experimente wurden da und dort, wie etwa in Caracas, angestellt. Hier hat auch die empirische Sozialforschung den Weg gewiesen, wie durch Verbesserung der Bausubstanz, durch Beistellung einer gewissen Infrastruktur wie Strom und Wasser, eine entscheidende Verbesserung der Lebensverhältnisse in diesen Vierteln eintreten kann.

Die Professorin an der Katholischen Universität Caracas, Angelina Pollak-Eltz, verweist in diesem Zusammenhang darauf, daß diese Siedlungen weithin dörfliche Strukturen zeigen. Persönliche Beziehungen seien wichtig; die Anonymität der Stadt sei für die vom Land zuströmenden Leute noch nicht faßbar, dies besonders in einem Land, in dem der Familienverband der Grundpfeiler der Sozialstruktur ist

Entscheidend für katholisches Sozialdenken ist daß die Evolution und nicht die Revolution sich als der Weg in eine bessere Zukunft erweist. In diesem Sinn interpretieren Vertreter der brasilianischen wie der venezolanischen Kirche auch die Enzyklika „Pacem in terris“ als Dokument des Fortschritts, nicht aber der Revolution. So schreibt das Organ der Cur-sillo-Bewegung in Venezuela, „Tri-pode“, daß die Enzyklika weder kapitalistisch noch marxistisch sei, weder rechts noch links, sondern daß sie auf der Seite derer stehe, die leiden, die Hunger nach materiellen und geistigen Gutem haben, ganz allgemein auf der Seite der Armen und Schwachen. Das enorme Wachstum der meisten südamerikanischen Staaten habe die Wohlstandskonzentration vermehrt, sagt ein brasilianischer Priester, der seit langen Jahren im Sozialdienst tätig ist.

Entscheidend ist, daß die Katholiken Südamerikas auf allen Ebenen des sozialen und politischen Lebens engagiert sind. In Europa hört man vielleicht zu einseitig die Kritik einzelner prominenter Vertreter an den sozialen Zuständen: Am bekanntesten ist wohl das kritische Engagement des Erzbi-schofs von Recife, Dom H6lder-Cäma-ra. Gerade in der brasilianischen Kirche gibt es sehr verschiedene Strömungen; konservative Stimmen ebenso wie sozialkritische, viele Kräfte aber auch, die sich unmittelbar darum sorgen, das enorme wirtschaftliche Wachstum breitesten Schichten der Bevölkerung zukommen zu lassen.

Die Katholiken sind überall zu finden: Im unmittelbaren sozialen Engagement, in Notsituationen, so etwa die Klosterfrauen in den ausgedehnten Elendsvierteln vor der Stadt Lima, aber auch die vielen in den Favelas Brasiliens wirkenden Priester -ebenso präsent sind die Katholiken aber auch in der öffentlichen Meinung, auf den Universitäten, bei den Versuchen, Sozialkonzepte für die Zukunft zu entwickeln. Die Voraussetzungen der einzelnen Länder sind zu unterschiedlich, um allgemeine Maßstäbe setzen zu können. Es fällt allerdings auf, daß nicht überall dort, wo die weitestreichenden Reformen eingesetzt haben, die Armut am schnellsten beseitigt wird.

Stillgelegte Fabriken und leerstehende Haziendas, eine verbreitete Arbeitslosigkeit in den Städten und anhaltende Armut der Landbevölkerung im Hochland von Peru sprechen nicht für eindrucksvolle Erfolge der Reformmaßnahmen in Industrie und Landwirtschaft. Auf der anderen Seite darf die Wohlstandskonzentration brasilianischer Großstädte wie Sao Paolo und Rio de Janeiro nicht darüber hinwegtäuschen, daß es noch lange nicht gelungen ist, auch nur die Bewohner dieser Städte in diesen Prozeß der Wohlstandssteigerung einzu-beziehen.

Auffallend ist, daß katholische Kritiker weithin vorsichtig urteilen: Es werden weder die vorhandenen Erfolge überschätzt, noch werden sie bagatellisiert. Auf jeden Fall ist die Meinung sehr verbreitet, daß die Lösung der sozialen Probleme wirtschaftliche und soziale Voraussetzungen hat: Wirtschaftswachstum und bessere Einkommensverteilung, vor allem aber ein funktionsfähiges soziales Sicherungssystem und weitere Verbesserungen in dem weithin sehr eindrucksvollen Bildungssystem seien entscheidende Voraussetzungen. Gerade die geistigen Grundlagen für ein ausgeglicheneres Wohlstandswachstum werden als entscheidend angesehen. ----- ,'

Gerade der flüchtige Besucher so ausgedehnter Länder gerät in Gefahr, vieles aus der Sicht der Stadtzonen zu beurteilen. Unfaßbar schwierig sind die Aufgaben der Erschließung weiter Landgebiete oder der Schaffung einer funktionsfähigen Infrastruktur für diese räumlich so ausgedehnten Länder. Ehrgeizige regionalpolitische Konzepte der einzelnen südamerikanischen Regierungen werden zum Teil in erstaunlichem Tempo realisiert. Die Errichtung neuer Städte, der Ausbau der technischen Seite der Infrastruktur sind aber nur einige Voraussetzungen: Viel schwerer ist die Bildung neuer Gemeinschaften dort wo die Familie nicht mehr allein die Soziali-sierungsaufgaben erfüllen kann.

Gerade hier vermittelt die Kirche in ihren dezentralen Einrichtungen, vor allem den Pfarren, wichtige Kontaktfunktionen. Mehr als in europäischen Ländern wirken persönliche Kontakte; spontane Diskussionen bei improvisierten Zusammenkünften vermitteln den Eindruck, daß Kontakte schnell hergestellt werden, daß lebendige Diskussionen möglich sind, daß reges und waches Problembewußtsein südamerikanischer Katholiken vorhanden ist. So zeigt ein Gespräch mit Cursillistas in Caracas, daß soziales Interesse und religiöses Engagement hier eng verbunden sind.

Zahlreich sind die Formen, in denen alle diese Aktivitäten zum Ausdruck kommen. Weniger als in Europa kann man die „multicolore“, so vielseitige und vielfältige Kirche Südamerikas in ein Schema pressen. Enorm scheinen die Unterschiede schon rein äußerlich, etwa der modernen Kathedralen in manchen Großstädten, wie in Brasilia und den aus der spanischen Kolonialzeit stammenden Kathedralen Limas und Cuzcos. Noch größer erscheinen die Unterschiede zwischen den Menschen, welche in den einen oder anderen Kirchen zu finden sind. Eindrucksvoll ist etwa eine malerische Prozession der farbigen Bevölkerung in Cuzco, nicht minder eindrucksvoll die moderne - aber auch irgendwie farbenfrohe - Kirchenmusik der modernen “Dome.

Da und dort verbinden sich alte und neue Formen. Vieles scheint in Fluß zu sein, überall ist eine Dynamik spürbar. Ganz offensichtlich können sich auch die Katholiken Südamerikas ein „Stehenbleiben“, eine Stagnation, nur schwer vorstellen. Erstaunen zeigt sich bei einer Diskussion, als erwähnt wird, daß es in Europa Staaten mit stagnierender Bevölkerung, wie Öster-' reich, gibt Das erscheint in Ländern mit einem drei- bis viereinhalbprozen-tigen Bevölkerungswachstum und enormen räumlichen Reserven geradezu unfaßbar. Mit einer selbstverständlichen positiven Einschätzung dieser Dynamik verbindet sich weithin eine unkomplizierte und sehr deutliche Bejahung der dem Christen in der Gesellschaft gestellten Aufgaben. Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten ist es doch überwiegend ein frohes Christentum, das in den vielfältigen Formen und Farben der Kirche Südamerikas erkennbar ist

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