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Die KGB-Aktion

Die Fallen sind gestellt. Wann sie zuschnappen, hängt nicht von den gejagten Opfern — diesmal von den Sacharows —, sondern von den höchsten Einschüchterungsfunktionären des KGB ab. Vollkommen neu ist ihre Taktik. Zum erstenmal wur-

de die Schlinge nicht dem weltberühmten Wissenschaftler, Andrej Dimitrijewitsoh Sacharow selbst, sondern seiner Gattin um den Hals gelegt, in der Annahme offenbar, daß Ehegattinnen nüchtern-ängstlicher seien als ihre „besessenen Männer“, auf die sie mäßigenden Einfluß ausüben, womit sie dem „unvermeidlichen“ Zuschlagen der Politpolizei das weltweite Echo ersparen könnten. So wurde also Frau Sacharow viermal von KGB-Agenten angehalten und sogar mit der Aussicht auf Zwaragserholurag in einer psychiatrischen Klinik bedroht.

Frau Sacharow wählte die Flucht nach vorne, in die Weltöffentlichkeit, weil sie es ahnte und befürchtete, daß sie bereits auf der politischen Abschußliste stehe. Was nun? Die Sacharows spielen mit höchstem Einsatz, mit Kopf und Freiheit!

Andrej D. Sacharow ist zweifellos — neben Solschenizyn — das intellektuelle Paradepferd der Dissidentengruppe. Der weltbekannte Physiker, der „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe“, provoziert bewußt und ununterbrochen Partei und Regierung der sowjetischen Supermacht. Er führt einen tollkühnen „Kampf gegen die Furcht“. Eine führende Parteizeitung nannte ihn vor Monaten den „Wahnsinnigen Gottes“, um ihn lächerlich zu machen. Seither wurde die ganze Administration und die Geheimpolizei gegen ihn mobilisiert. Parallel damit begann die Parteipresse eine heftige Kampagne gegen ihn.. Dann setzte eine Flut von bestellten Protestbriefen ein, die dn der Presse publiziert wurden. Arbeiter und Intellektuelle mußten in solchen Protestschreiben Sacharow „verurteilen“, indem sie ihn als Kriegshetzer apostrophierten, der den Atomkrieg wünsche.

Da Sacharow unerschüttert blieb, wußte das Politbüro nicht mehr recht, wie die unerhörte Herausforderung ohne enormes internationales Aufsehen beendet werden könnte.

Die Geheimpolizei vermochte trotz aller Bemühungen die Akademie-

mitglieder keineswegs unisono gegen Sacharow zu mobilisieren. Die sowjetische Akademie der Wissenschaften hat derzeit 240 Mitglieder, ihr Exekutivkomitee deren 40. Nur 17 Exekutivkomiteemitglieder und weniger als 20 Prozent der Akademiemitglieder unterzeichneten den Protestbrief gegen Sacharow, obwohl der Text nicht besonders ausfällig abgefaßt war. Die Mehrzahl der Akademiemitglieder war nicht bereit, Sacharow zu verurteilen.

Das KGB war überrascht, daß die Bewegung der Dissidenten stärker war, als es angenommen hatte. Das „Bürgerrechtskomitee“ hatte ursprünglich 15 Mitglieder, von denen zehn entweder eingesperrt, oder in eine psychiatrische Klinik verschickt worden waren, andere waren ins Ausland . geflüchtet und , hatten ihre Staatsbürgerschaft verloren. Mitte September 1973 waren ihrer nur noch fünf übriggeblieben, die nun dennoch eine Erklärung gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit verbreiteten.

Der Gefahr nicht achtend, standen zahlreiche Intellektuelle auf und nahmen Saoharow in Schutz, so zum Beispiel die Schriftstellerin Lydia Tschukowskaja, die einen Aufruf an die Sowjetbürger veröffentlichte. Natürlich hat ihn keine Sowjetzeitung publiziert, aber die Tschukowskaja sandte das Schriftstück an westliche Korrespondenten. Über die Ätherwellen kehrte ihre Botschaft sogar wieder in die Sowjetunion zurück. Frau Tschukowskaja erinnerte daran, daß gegen den Nobelpreisträger Pasternak seinerzeit dieselbe Pressekampagne geführt und eine ähnliche Flut von anonymen Briefen losgelassen worden sei wie jetzt gegen Sacharow.

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