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Die Kirche in China

Zum Eucharistischen Kongreß, der vom 5. bis 8. Oktober in Seoul stattfinden wird, gedachte der Papst die Flugroute über China zu wählen, doch wurde ihm das Überfliegen der Volksrepublik verweigert. Das ist kein Affront gegen Südkorea, mit dem China ja zielbewußt die Wirtschaftsbeziehungen ausbaut, wohl aber Ausdruck des Mißbehagens über den Vatikanstaat, der dem „Feind“ in Taiwan gestattet, seine letzte Botschaft in der westlichen Welt dort zu unterhalten. Solange dieser Zustand andauert, ist an eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Rom und Peking nicht zu denken.

Die Feiern anläßlich des 200-Jahr-Jubiläums der Französischen Revolution lenkten die Aufmerksamkeit auf einlange verschüttetes Problem, das in diesem Zusammenhang zu bedenken ist. Unter den Befürwortern der Menschenrechte, die von der Revolution ausgerufen wurden, fanden sich viele Angehörige vor allem des niederen Klerus, die darin genuin christliche Werte erkannten. Sie legten den Eid auf die Konstituante ab, obwohl dies vom Vatikan mit Exkommunikation bestraft wurde, und versuchten ihre Seel-sorgs aufgaben in der neuen Situation zu erfüllen, während andere Mitbrüder oft Verfolgung auf sich nahmen und jede Mitarbeit mit dem neuen Regime verweigerten.

Aus genau den gleichen Überlegungen fanden auch in China viele Bischöfe und Priester, sie könnten ihre seelsorglichen Aufgaben besser erfüllen, wenn sie den schmalen Spielraum, den das kommunistische Regime ihnen bot, ausnützten. Die ungeheure Dynamik des Kommunismus in China (und Vietnam) beruhte auf der Kombination des Marxismus mit der nationalen Freiheitsbewegung gegen die Übergriffe der Kolonialmächte, und es darf nicht verschwiegen werden, daß die Mission lange in ihnen Schutzgenossen hatte.

Die drei Selbst (Selbstverwaltung - Selbstfinanzierung - Selbstpropagierung), die nun gefordert wurden, waren schon in den zwanziger Jahren von Protestanten gegenüber den mächtigen Missionboards des Auslands formuliert worden. Es bestanden daher Berührungspunkte.

Wer sich aber die vom Vatikan vertretene Ablehnung des Regimes zu eigen machte, marschierte in die Gefängnisse und Arbeitslager. Diese Spaltung der Katholiken in China wird noch lange als schmerzliche Wunde empfunden werden.

Erschwert wird das Verständnis dadurch, daß die westlichen Medien immer noch den Ausdruck „Patriotische Kirche“ verwenden, was eine falsche Übersetzung von „Patriotic Association“ ist; denn alle fünf Religionen, die seit etwa zehn Jahren anerkannt sind, (Taoismus, Buddhismus, Islam, Katholizismus, Protestantismus) sind verpflichtet, eine solche Vereinigung zu bilden, die dem Staat gegenüber als Partner auftritt. Von Schisma war aber nie die Rede, obwohl heute, angesichts der unnachgiebigen Haltung des Vatikans, Stimmenlaut werden, daß es auch ohne Rom gehe.

Nur Rom kann in christlicher Liebe zur Versöhnung die Hand reichen nach der französischen Formel: Anerkennung der gültigen, wenn auch unerlaubten, Bischofsweihen. Das würde viele Seelsorger aus schmerzlichen Gewissenkonflikten befreien.

Die neue Religionspolitik, die den fünf Religionen mehr Spielraum gewährte, weil der Staat daran interessiert war, alle guten Kräfte für die ungeheure Anstrengung der vier Modernisierungen zu mobilieren, war Deng Xiaoping zu verdanken, dem es gleich war, ob eine Katze weiß oder schwarz war, solange sie nur eifrig Mäuse fing.

Der Aufschwung des religiösen Lebens war geradezu überraschend (siehe FURCHE 2/19 8 9), denn indem Maße als der Kommunismus seine Überzeugungskraft einbüßte, wandten sich Menschen, die sich über die letzten Dinge Gedanken machten, dem Christentum zu. Die Protestanten, die schon früh den Frieden mit dem Regime gemacht hatten, genossen hier einen Vorsprung und konnten ihre Anhängerschaft bedeutend vermehren (sieheFURCHE 1/1989).

Den Katholiken half das Beispiel der inneren Widerstandskraft, das sie in Gefangenenlagern bezeugt hatten. Es ist aber klar, daß der Staatssicherheitsdienst ein scharfes Auge auf alle fünf Religionen wirft. Bei allen Gesprächen mit den fünf Religionen, denen der Autor dieser Zeilen beiwohnte, waren dessen Agenten leicht zu identifizieren. Es gibt keine Untergrundkirche, deren Aktivitäten ihm unbekannt blieben.

Frühere China-Missionare und chinesische Priester, die im Ausland wohnen, konnten in den letzten Jahren ziemlich frei christliche Gemeinden besuchen und wurden gut aufgenommen. Bischof Aloisius Jin von Shanghai versucht nun zielbewußt, seine Mitbrüder mit den Gedanken des Zweiten Vatikanischen Konzils vertraut zu machen. Wie geht es aber heute weiter?

Die brutale Unterdrückung der Demokratie-Demonstration in Peking Anfang Juni bedeutet nichtnur das vorläufige Ende der idealisti-

Bischof Jin von Shangha sehen Forderung nach der fünften Modernisierung, die Deng übergehen wollte, nämlich nach demokratischen Mitsprache- und Menschenrechten. Deng ist gescheitert.

Anscheinend hatten die Harten im Politbüro dem Schwerkranken, der mehrere Krebsoperationen überstanden hat, vorgemacht, die Demonstranten hätten die Existenz der Partei selbst in Frage gestellt, was diese aber sorgfältig zu vermeiden suchten. Damit listeten sie ihm den Schießbefehl ab.

Hier lag der wunde Punkt des mächtigen kleinen Mannes, der in der Kulturrevolution selbst mit der Narrenkappe durch die grö hl enden Massengeschleppt worden war, und dessen Sohn von Demonstranten aus dem Fenster geworfen wurde, sodaß er querschnittgelähmt blieb. Von ihm waren daher keine Sympathien für die Demonstranten zu erwarten. Nicht vergessen werden darf auch die Geschichte des alten Stalinisten, der als Generalstabschef die einzige große Feldschlacht des Bürgerkrieges plante und durchführte, wobei er 66 Divisionen der Nationalisten in zwei Monaten durch den Fleischwolf drehte. Er war es auch, der die Volksgerichte nach der Machtübernahme organisierte, die Millionen der alten Elite ausrotteten. So ist es durchaus glaubwürdig, daß Deng in einer geheimen Rede äußerte, selbst hunderttausend Opfer einer Säuberung könnte das Riesenreich leicht verkraften.

Allerdings zahlte Deng einen hohen Preis. Er mußte die alten Konservativen, wie Chen Yün, die er ausgebootet hatte, aus der Versenkung holen, um sein hartes Vorgehen zu rechtfertigen. Damit aber setzte er alle Errungenschaften seiner Modernisierung aufs Spiel. Die Diadochenkämpfe sind bereits im Gang.

Der Staatssicherheitsdienst setzt seine Macht ungehindert ein. Und das wird sich auch für die Religionspolitik auswirken. Denn es ist klar, daß auch christliche Ideen in der demokratischen Bewegung mitwirkten. Es ist bereits bekannt, daß Studenten des protestantischen Seminars aus Nanking in Peking an den Demonstrationen beteiligt waren. Dafür drang die Polizei in das Seminar ein und verprügelte Studenten. Vertreter der fünf Religionen beeilten sich zwar, beruhigende Erklärungen abzugeben, aber der Vorkämpfer der engen Mitarbeit mit Staat und Partei, der anglikanische Bischof K H. Ring, hatte noch im Mai die demonstrierenden Studenten unterstützt und als Patrioten gepriesen.Die Folgen des Massakers für die Religionspolitik sind noch nicht abzusehen.

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