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Die Kultivierung der Macht

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Einer, der seit Jahren, ja seit Jahrzehnten die geistige kreative Prominenz in den Hauptstädten des Ostens und des Westens kennt, ständig besucht und nach Wien einladet; einer, für den „Wien nicht die östlichste Stadt des Westens, sondern — abgesehen von der politischen Struktur — die westlichste Stadt des Ostens“ ist; einer, der sich der Demokratie des freien Westens mit jeder Faser zugehörig weiß, jedoch auch „nicht politisch, aber dem Wesen der Bevölkerung und der Geschichte nach in den osteuropäischen Ländern mehr zu Hause“ fühlt als im Westen, wo er übrigens nicht wenige Freunde hat, denen er „Unschätzbares“ verdankt, hat'sein drittes Buch unter dem anspruchsvollen Titel „Kultur und Macht“ geschrieben. Viel anspruchsvoller noch sind die Thesen und Ziele des Buches, das „Unschätzbares“ an raumzeitlichem Bildungsuniversalismus, an menschlichem Kontakt — oder sagen wir lieber Freundschaftsvermögen — in allen denkbaren Dimensionen und nicht zuletzt in der Verarbeitung eines respektablen Denk- und Lesestoffs rund um ein längst fälliges Thema aufweist.

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Einer, der seit Jahren, ja seit Jahrzehnten die geistige kreative Prominenz in den Hauptstädten des Ostens und des Westens kennt, ständig besucht und nach Wien einladet; einer, für den „Wien nicht die östlichste Stadt des Westens, sondern — abgesehen von der politischen Struktur — die westlichste Stadt des Ostens“ ist; einer, der sich der Demokratie des freien Westens mit jeder Faser zugehörig weiß, jedoch auch „nicht politisch, aber dem Wesen der Bevölkerung und der Geschichte nach in den osteuropäischen Ländern mehr zu Hause“ fühlt als im Westen, wo er übrigens nicht wenige Freunde hat, denen er „Unschätzbares“ verdankt, hat'sein drittes Buch unter dem anspruchsvollen Titel „Kultur und Macht“ geschrieben. Viel anspruchsvoller noch sind die Thesen und Ziele des Buches, das „Unschätzbares“ an raumzeitlichem Bildungsuniversalismus, an menschlichem Kontakt — oder sagen wir lieber Freundschaftsvermögen — in allen denkbaren Dimensionen und nicht zuletzt in der Verarbeitung eines respektablen Denk- und Lesestoffs rund um ein längst fälliges Thema aufweist.

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Am Jahresschlußtag 1974 schrieb der Autor an den Rezensenten: „Derzeit bin ich damit befaßt, die letzten Korrekturen und Verbesserungen an meinem Buchmanuskript anzubringen, ich erschrecke bei dieser letzten Prozedur immer darüber, was nqch fehlt und was auch nimmer zu schaffen ist. Der Titel wird wahrscheinlich „Kultur und Macht“ lauten, es ist ein Inventar meiner Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema. Wahrscheinlich setze ich mich zwischen alle Sessel, aber ich bin ja nicht ungewohnt, dort zu sitzen“. Und vier Wochen später in einem weiteren Brief: „Mein Buch ist in Druck, das bringt mir einige Erleichterung. Es wird im August erscheinen. Daß ich viel Widerspruch hervorrufen werde, ist mir klar“.

Indessen, noch vor dem Erscheinen des Buches, passierte dem Autor etwas durchaus Folgerichtiges. Nachdem er mit und seit der Gründung der „österreichischen Gesellschaft für Literatur“ (1961) seine einzigartige ' grenzüberschreitende Kommunikationsfähigkeit in einem ebenso weit aufgefächerten wie im einzelnen subtilst betreuten Spektrum bewiesen hatte, wurde er vor kurzem zum Leiter einer völlig unbürokratisch arbeitenden Kontaktstelle für die österreichische Auslandskulturpolitik im Rahmen des Bundesministeriums für Auswärtige Angelegenheiten bestellt. Obwohl kein äußerlich-organisatorischer Zusammenhang zwischen der Berufung und dem Buch ersichtlich ist, mutet „Kultur und Macht“ wie eine für diese neue Aufgabe verfaßte Habilitationsschrift an, der ein Summa cum laude gebührte.

Die Ohnmacht der Kultur

Im Urteil von Dr. Wolfgang Kraus geht die Kultur in allen gegenwärtigen Gesellschaftssystemen im Kleide und mit dem Schicksal eines Aschenbrödels einher, zwischen Mißbrauch und Mißachtung herumgestoßen. In den kommunistischen Diktaturen — wie vorher in den faschistischen — wurde und wird die Kultur zur parteipolitischen Lenkung mißbraucht und meist auf das Niveau trivialer Propaganda herabgedrückt. Von den staatlichen Stellen der westlichen Demokratie aber wird die Aufgabe der Kultur beinahe völlig übersehen. „Kultur schließt Macht aus, wenn man unter Macht die Drohung mit Gewalt oder ihre Anwendung versteht. Die Kultur hat die Überzeugungskraft des Beispiels, des Wortes, des Werkes — und der Machtlosigkeit ... Wenn sie sich aber mit Macht verbindet, beginnt hinter der Kulisse möglicher Scheingeltung ihre Selbstverstümmelung, ihr Verfall.“ Es stimmt: in den Parlamenten und Ministerräten überwiegen auf der Tagesordnung die Probleme der Daseinsfürsorge, der Wirtschaft und der Technologie bei weitem die Sachgebiete der Kultur und Bildung — auch im sogenannten Kulturstaat Österreich.

Um die Kultivierung der Macht

Eines der großen Unterscheidungsmerkmale zwischen kommunistisch-östlicher und freiheitlich-westlicher Lebensform sieht Wolfgang Kraus in der jeweiligen Dimension des kulturellen Freiraums und in der Art seiner Erfüllung: „Hier nämlich bildet sich die Ordnung der Werte, ... formen sich das Gewissen, die Sinngebung“. Die einzige Chance, unabsehbare Zukunftsprobleme zu verhindern, ist nach seiner Uberzeugung die Wendung der Aufmerksamkeit sowohl der öffentlichen Stellen wie auch einer breiten Allgemeinheit von der wirtschaftlichen Progression zu kulturellen Bereichen hin: „Wenn nämlich in den west-liehen Demokratien keine kulturellen, das Leben einigermaßen ausfüllenden sinnvolle Inhalte entstehen, werden diese Inhalte zweifellos von anderswoher einströmen, ja man wird sie, wie es mitunter schon geschieht, begeistert importieren. Der Zerfall der Demokratie von innen wäre nicht mehr aufzuhalten.“

Wolfgang Kraus beschreibt nicht nur sehr scharfsinnig und aufrichtig, er kritisiert nicht nur, er hat sich auch bis in viele konkrete Details eine eingehende Therapie zurechtgelegt. Er fragt sich, was nun in den westlichen Demokratien geschehen müßte, um hier den Zustand materieller Orientierung und innerer Leere sinnvoll zu verändern. Und bietet rund zwanzig konkrete Beispiele für die kulturelle Aktivierung der Demokratie! Er bringt eine „Liste der schwierigen Banalitäten für das Erwerben von Kultur, eine kulturelle Tugendlehre; denn: „Kultur selbst ist gelebte Realität. Gelebt nach —man muß den Mut haben, es zu sagen — sehr schlichten Kriterien: der Güte, der Rücksicht auf andere, der Hilfsbereitschaft, des menschlichen Verstehens, des Erkennens der eigenen Möglichkeiten und Grenzen“.

Im praktisch-konkreten Vorschlägekatalog befinden sich solche, die auch anderswo schon genannt und erprobt worden sind, bei manchen wird man nostalgisch an das Projekt einer österreichischen Nationalstiftung erinnert, oder an das Projekt „Schloßhof“, für die beide seinerzeit nur oppositionelle Ablehnung ohne Alternative gefunden wurde. Neu, zeitgemäß und imponierend durch klare konkrete Aussage fällt bei Wolf gang Kraus jedoch die Weite des geistigen Horizonts wie die' Nähe zu den praktischen Dingen auf. Dabei wird fast immer von den Regierungen und den Gemeinden verlangt, sie mögen die

Ausarbeitung von kulturpolitischen Programmen und Projekten nicht in den eigenen Ämtern, sondern durch ad hoc berufene Sachverständigengremien, durch Beratung mit diesen Intellektuellenteams in Klausurtagungen und nachfolgende Information und Diskussion in einer breiten Öffentlichkeit, „vor großem Publikum und im Fernsehen“, durchführen.

Hier sei eine kleine kritische Bemerkung gestattet. Wolfgang Kraus verlangt für seine Intellektuellenteams, daß sich „darunter Schriftsteller und humanistische Wissenschaftler“ befinden müßten, er erwähnt aber nicht die Naturwissenschaftler, die vom Autor manchesmal in ihrer humanistischen Gesinnung und Bildung bezweifelt werden. Das kann doch nicht so allgemein gelten, wenn wir nur an Lorenz, Portmann, Weizsäcker, Heisenberg denken, oder an Sacharow, der seines Zeichens Physiker, und an Solsche-nizyn, der eigentlich Mathematiker ist.

Die Kategorie Wozu

Wiederholt gelangt Wolfgang Kraus zu der Feststellung, daß der materielle Aufschwung mit allen seinen Vorzügen, und die Sicherung einer erheblichen persönlichen Freiheit, so ungemein wichtig sie sind, nicht genügen. Er stellt — wie manche seiner Schriftstellerkollegen in Ost und West es heute in ähnlichen zeitkritischen Werken auch tun — schlicht und einfach die Sinn-Frage. „Die Orientierung nach einer wesentlichen Kategorie fehlt: das eigentliche .Wozu'. In der Kultur entscheidet sich die Frage nach dem .Wozu'“. Es geht auch hier um ein neues Denken. Nach den „Enttäuschungen am Existentialismus und am Kommunismus“, der großen „Chance für den Neopositivismus als scheinbar rein wissenschaftliche und ideologiefreie Haltung“ und dem „ideologischen Strukturalismus als antihumanistisches, anti-individuelles, antihistorisches Denken“ stehen wir an der Schwelle einer restitutio in integrum der totgesagten Metaphysik und Wertethik. „Wenige Zeitgenossen wissen, daß sie unentwegt aus einer von Naturwissenschaft und Technik geprägten, an sie angepaßten Haltung handeln. Die meisten Philosophen, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Musiker sind unbewußte Technologen geworden — soweit sie es nicht bewußt sein wollen“.

Für die vom vorherrschenden progressiven Denken zum Fortschrittsund Wachstumsfetischismus und zu immer neuen Strukturwandlungen getriebenen „modernen“ Politiker bietet sich dieses Buch als ein Anstoß zu längst notwendig gewordener Besinnung an. Auch für sie stellt sich „im großen Existenzproblem unserer Zivilisation die Frage, ob nicht unser Denken in der Kategorie dieser sachlich-materiellen Richtigkeit stecken geblieben ist und wir vergessen haben, darüber hinaus die Wahrheit mit dem Lebenssinn in Verbindung zu bringen“. Peter Howards erschütternder Ausspruch — schon in den fünfziger Jahren getan —, daß zuerst das Denken eines Landes in Trümmern liegt, ehe seine Wirtschaft in Trümmern liegt, kommt hier in überdeutliche Erinnerung. Wolf gang Kraus sieht das nicht anders, wenn er mehr als einmal sagt, daß die westlichen Demokratien zunehmende wirtschaftliche Krisen vor sich haben, in denen nicht nur der ökonomischen und industriellen Substanz gefährliche Proben bevorstünden. Weitaus wichtiger als die wirtschaftliche werde die kulturelle Substanz sein: „Nur wenn eine kulturelle Sinnorientierung sicher und verbreitet genug ist, werden die Demokratien die nächsten Jahrzehnte überleben.“

Die Stelle erhellt wohl am deutlichsten, was dieses Werk bedeuten und bewirken könnte, in einer Zeit heraufdämmernder Krisen, in einer Menschheit, die sich geradezu blindwütig in materieller Wohlstands-, Wachstums- und Fortschrittsgläubigkeit immer mehr von ihren eigentlichen Werten und Zielen entfernt, um sich in übersichts- und ausweglosem, abgrundnahem Gelände zu verlieren. Wie wäre es daher, wenn die Verantwortlichen in den Regierungen und Ministerien, in den Parlamenten und Parteisekretariaten, in den Redaktionen und Kultur-Vereinigungen sich dieses Buch zur Pflichtlektüre, seine Thesen und Vorschläge zur Diskussionsgrundlage machen würden?

KULTUR UND MACHT. Von Wolf-gang Kraus. Europaverlag, Wien, 1975. 220 Seiten.

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