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Digital In Arbeit

Die Kunst der Muße

Es ist gar nicht so einfach, guten Gewissens und unbeschwert faul zu sein. (Wenigstens für mich.) Der Druck, tätig zu sein, sitzt tief drin­nen und verschafft einem häufig Gewissensbisse, wenn man einen Tag vertrödelt hat. Außer natürlich im Urlaub - und da ist die Untätig­keit auch nicht immer so einfach. Ich vermute, daß viele Menschen in unserer Kultur ähnliche Probleme haben.

Zur Erklärung zuerst eine kleine Beobachtung: Wenn man Menschen fragt, wer sie sind, dann stellen sie sich gern mit Namen und Beruf vor. Der Name sagt meist gar nichts über sie aus, der Beruf selten. Was weiß ich schon wirklich über einen Menschen, wenn er mir sagt, daß er 40 Stunden in der Woche als Fi­nanzbeamter, Straßenbahnschaff­ner oder Computertechniker tätig ist.

Die Vorstellung mit seinem Beruf verrät aber doch eines: Wir beziehen unsere - gesellschaftliche - Identi­tät aus unserer Berufstätigkeit. Die Wertschätzung hängt weitgehend damit zusammen, wie angesehen und finanziell einträglich ein Beruf ist.

Das hat nun vielerlei Auswirkun­gen auf jene, die im üblichen Sinn gar nicht berufstätig sind: die Hausfrauen - neuerdings auch die Hausmänner -, die Arbeitslosen, die Pensionisten, die Kinder und Schü­ler, die Kranken und die Berufs­unfähigen. Keinen Beruf angeben zu können, bedeutet dann auch, in der Gesellschaft geringer einge­schätzt zu werden. Man ist eben kein „nützliches Glied der Gesell­schaft", wenigstens nach der übli­chen Kosten-Nutzen-Rechnung.

Ein Überlegung zur Sprachpsy­chologie unterstützt dies. Im La­teinischen hieß „otium" die Muße, die Freizeit. Das Gegenteil davon war „neg-otium", die Arbeit. Der durch Verneinung entstandene Begriff ist in einer Sprache meist der geringere. Er ist durch Ablei­tung entstanden: die Arbeit (wörtlich: die Nicht-Muße). Die „eigent­liche Zeit" der römischen Kultur war der Müßiggang.

Anders im Deutschen. Das Wort „Frei-zeit" entsteht durch Ver­neinung. Die arbeitsfreie Zeit ge­nießt den geringeren Rang.

Kulturphilosophen (wie Egon Friedell) und Kultursoziologen (wie Max Weber) haben darauf hinge­wiesen, daß diese Umkehrung der Wertigkeit von Arbeit und Muße am Beginn der Neuzeit im kulturel­len Sog der Reformation stattfand. Die „Heiligsprechung" der Arbeit durch Luther ging konform mit den ökonomischen Veränderungen durch die industrielle Revolution, die ein verstärktes Tätigsein er­zwang.

Der „Beruf", eine Wortschöpfung Luthers, sollte andeuten, daß wir von Gott zur Arbeit „gerufen" sei­en. (Obwohl doch in der Genesis-Erzählung der Fluch Gottes auf der Arbeit ruht.) Verständlich, daß die kulturelle Umwertung der Arbeit durch die christlichen Kirchen seit der Reformation unsere Ethik grundlegend beeinflußte: Seither ist es lasterhaft, faul zu sein. Fleiß ist eine Tugend. Die Bibel sah die Arbeit noch nüchtern: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen (2 Thess 3,10).

Gern würde ich an dieser Stelle ein kräftiges Lob des Müßiggangs singen. Wenigstens möchte ich ihn vom Geruch des Lasterhaften be­freien, wenngleich doch einige fei­ne Unterschiede beachtet sein soll­ten: zwischen Faulheit und Muße, Trägheit und Ruhe, dumpfem Vor-sichhindösen und schöpferischer Entspannung.

Eine Unterscheidung ist mir je­doch noch eine genauere Erörte­rung wert: die zwischen Zerstreu­ung und Sammlung. Eigentlich sind die Worte deutlich genug. Zerstreu­ung führt uns nur immer weiter von uns weg - Sammlung führt uns zu uns selbst. Von einer aufreibenden und uns selbst entfremdenden Tä­tigkeit erholt man sich nur durch Sammlung. Denn Zerstreuung ent­fremdet. Wer nicht „zu sich" kom­men will, der muß in die Zerstreu­ung flüchten.

Vielen Menschen geht es heute so, daß sie auch am Wochenende und im Urlaub kaum zu wirklich inne­rer Ruhe kommen. Die Arbeitshek­tik läuft in der Freizeit weiter wie ein abgestellter Motor mit Glüh­zündung. Viele Menschen müßten die Kunst des Müßigganges wieder lernen. (Obwohl ich mir auch Leser denken kann, die jetzt die Arbeit in Schutz nehmen möchten. Vor allem in Berufen wie dem meinen. Doch die haben mich sicher verstanden.)

Auszug aus ZÄRTLICHKEIT UND TROST -DIE UHREN LÜGEN. Verlag Herder, Wien 1989, 182 Seiten, öS 168.-.

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