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Die lieben Toten

Wenn man jung ist, hat man nicht viele Tote. Die Freun­de sind lebendig.

Es war Ende Oktober. Lange her. Auf einer Wanderung in einem ab­gelegenen Gebirgstal. Jedenfalls hatte ich mir zu viel zugemutet, war zu lange gegangen, noch dazu allein. Der Rucksack drückte, die Schuhe auch. Es wurde dämmrig. Ich wußte, daß die Dunkelheit schnell kommt. Ein Kreuzweg. Kein Weiser. Rechts oder links? Ich entschied mich für links, stand plötzlich vor einem Haus. Im Dämmerlicht konnte ich Wohnhaus und Stallungen unterscheiden. Ein Fenster zu ebe­ner Erde war hell, die Stallfenster trübe beleuchtet. Die Haustür war offen. Ich stand in einem fast dunk­len Gang, klopfte an die erstbeste Tür. Niemand.

Sie werden im Stall sein, dachte ich, ging wieder ins Freie, suchte und fand die Tür zum Stall. Die Melkmaschine lief, ein Mann und eine Frau füllten die Futterraufen der Kühe. Es waren viele. Ich grüß­te. Die Frau kam auf micfrzu, sagte, daß sie keine Zimmer an Fremde vermiete, zögerte. Der Mann kam. Beide betrachteten mich. Bis zum nächsten Gasthaus seien es fünf­zehn Kilometer.

Wir schwiegen alle drei. Es roch nach frischer Milch. Plötzlich spür­te ich einen wütenden Hunger. Mir fiel ein, daß ich seit dem Frühstück nichts gegessen hatte als einentrok-kenen Kornspitz und zwei Äpfel. Ich lehnte mich an die Stallwand. Die Frau sagte, daß sie mir eine Kammer geben könnte. Ich nickte, dankbar von Kopf bis Fuß, folgte der Frau, die voranging bis zum Hauseingang, den ich schon kann­te. Das Licht beleuchtete den Flur spärlich. Ich war zu müde, um mich umzusehen.

„Hier", sagte die Frau und stieg vor mir eine Stiege hinauf, die steil war. „Hier", sagte sie noch einmal und öffnete eine Tür, deren schmiedeeisernes altes Schloß ich am Morgen bewunderte. Die Kammer war klein und niedrig. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, kein Kasten aber sechs hölzerne Kleiderhaken an der Wand, auch die Wände und die Decke aus Holz. Die Frau brachte eine Blechschüssel, einen Krug mit Wasser und ein blaues Handtuch. Wenig später klopfte sie noch ein­mal, stellte ein Holzbrett mit Brot und Käse, einen Krug mit frischer Milch und einen Becher auf den Tisch, bevor sie mir eine gute Nacht wünschte.

Ich wusch mich, aß das Brot ganz und den Käse halb auf und trank die kuhwarme Milch. Wie ich ins Bett kam, weiß ich nicht mehr. Am Morgen stand ich um sieben Uhr auf, was für einen Städter früh, für einen Bauern spät ist. Da ist er mit der Stallarbeit längst fertig. Ich sah, daß das Bettzeug aus weißem Fla­nell bestand, die Vorhänge aus ungebleichtem Leinen. Vor dem Bett lag ein Flickenteppich, vor dem Fenster breitete sich eine große Wiese aus, die vom Wald umschlos­sen wurde. Jetzt erst sah ich die Obstbäume und den Garten, der Schönes und Nützliches trug: Kraut und Gewürze, ein paar späte Dah­lien und viele Astern. Es war noch kein Reif gefallen.

Ich hatte Hunger und aß das Stück Käse auf dem Holzbrett auf, wusch mich, machte die Tür auf. Der Boden des Flurs war mit unbehauenem ro­tem Marmor belegt, die Decke dar­über, ein Spitzbogengewölbe, weiß gekalkt. Es mußte ein sehr altes Haus sein. Bevor ich die Stiege hinunterging, sah ich die Frau sit­zen. Im hintersten Winkel des Flurs. Vor einer Marienstatue. Auch diese schien alt, keine Massenfabrikation. Vor der Statue brannte eine Kerze, daneben stand ein Strauß mit Blu­men aus dem Garten. Die Frau saß da - ja, andächtig. Betete sie?

Ich wollte leise wieder in meine Kammer zurückgehen, aber die

Frau hatte mich schon bemerkt und stand auf. Ich ging hinunter. Sie gab mir die Hand, fragte, wie ich geschlafen hätte. Sie trug ein Kopf­tuch, das das Haar verdeckte. Ihr Gesicht war offen und ernst, die Augen sehr hell. Ich hatte das Ge­fühl, gestört zu haben. Warum brannte die Kerze? Das Erntedank­fest war vorüber. Ich deutete auf die Kerze. Die Frau sagte, das sei jeden Morgen so und fügte hinzu: „Für meine lieben Toten."

Sie sagte es so, als lebte sie mit allen unter einem Dach, jederzeit bereit zu Gespräch und Fürsorge. Sie sagte, sie habe mir das Früh­stück in der Stube gerichtet. Sie hatte ein frisches Tuch über den Tisch gelegt, der viel zu groß für mich war. In einer Wärmekanne war Kaffee, in einem Krug Milch. Dazu gab es Brot, Butter und Ho­nig. Die Stube war quadratisch, von den wohltuenden Proportionen, die die alten Baumeister im Blut und in den Händen hatten, die Kassetten­decke aus Holz. An den vier Fen­stern die gleichen ungebleichten Vorhänge wie in meiner Kammer.

Wer lebte in dem großen Haus? Später erfuhr ich, daß die beiden Söhne auf der Landwirtschafts­schule lernten, die Tochter zu einer Schneiderinnenausbildung in der Stadt sei. Die alten Eltern lebten noch im Haus. Ich sah sie in der Küche. Philemon und Baucis. Sie schienen einander zugetan. Mehr: sie schienen nicht nur gelitten, geduldet, sie gehörten hierher, mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht besprochen wurde. Die alte Frau schnitzelte Bohnen, der Mann las in einem Kalender.

„Für meine lieben Toten." Ich är­gerte mich, weil ich den Satz senti­mental fand, wußte, daß er alles an­dere war als sentimental. Was die Frau aussprach, war eine Wirklich­keit. Sicher hatte sie noch nichts von den Schwierigkeiten der mo­dernen Gesellschaft gehört, die den

Tod verdrängte, weil sie ihm hilflos gegenüberstand, die ihre Alten in sogenannte Heime abschob, wo man sie selten sah.

Diese zwei, so viel stand fest, durften ihrem Leben und ihrem Tod ruhig entgegensehen. Sie würden unter diesem Dach sterben. Die Ker­ze brannte dann auch für sie.

Es ist Jahrzehnte her seit jener Übernachtung in dem frem­den Haus. Ich bin nie wieder dort gewesen. Wahrscheinlich würde ich es nicht mehr finden.

Als ich wieder daheim war, kam ein Brief mit schwarzem Rand. Am anderen Morgen zündete ich eine Kerze an und von diesem Tag an jeden Tag, bis auf den heutigen. Die Zahl meiner Toten ist inzwischen groß geworden.

Was ist das: tot? Meine Toten sind sehr lebendig. Manche sind mir nach ihrem Tod so nahe gekommen wie nie zuvor im Leben. „Die Worte der Sterbenden sind kostbar", sagt Ilse Aichinger. Die der Toten auch.

Auf einem Friedhof in einem Ge-birgsdorf, die Einheimischen nen­nen ihn Gottesacker, fand ich un­längst auf einem Grabstein einen Spruch, der mich überraschte. Ein­mal, weil er von Leonardo da Vinci war und zweitens: wie kam de; Spruch in diese Gegend? Er heißt: „Glücklich werden die sein, die den Worten der Toten Gehör schenken." Zugleich fiel mir ein Text ein, der während der Trauungs-Zeremonie oft verwendet wird:.....bis daß der Tod euch scheidet." Ich habe ihn nie verstanden. Warum sollte aus­gerechnet der Tod, der alle und alles zusammenführt, die Menschen scheiden? Da ihnen doch Auferste­hung und Gemeinschaft verheißen ist. Nicht nur der Tod gehört in unser Leben. Auch die Toten, zu denen wir heute oder morgen gehö­ren werden. Auf die wir zu-sterben. Zu-leben. Wenn wir hier Sterbende sind, müssen wir dort Lebende sein.

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