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Die Maße der Kritik

Unvergessen bleibt mir ein kleines Buch — ich weiß Titel und Autor nicht mehr —, das ich Ende der zwanziger Jahr las. Es verfocht die These, daß zu jeder Zeit gleichgültig vier Liter atur Stile wirken — damals in den zwanziger Jahren also der vorgestrige Naturalismus, der gestrige Impressionismus, der gegenwärtige Expressionismus und als Stil von morgen die Neue Sachlichkeit

- und daß die Generation der Enkel zwar Verständnis hat für das Vorgestrige, nicht aber für das Gestrige.

Was alles habe ich damals als Schüler an Literatur verschlungen, von Gerhart Hauptmann bis zu Arnolt Bronnen, bis zu Benn, Kästner und Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Meine Auswahl bestätigte mir die erwähnte These, an die ich heute immer noch denken muß. Das Nebeneinander der verschiedenen Stilformen und Generationen auch in der gegenwärtigen Literatur schafft jenen Pluralismus, ohne den die Literaturszene langweilig würde und für den ich als Kritiker nach allen Seiten offen zu sein mich bemühe, auch wenn mein Verständnis manchmal an Grenzen stößt.

Die Aufgabe des Literaturkritikers sehe ich darin, Literatur an den Leser in einer klaren, verständlichen Sprache zu vermitteln, und zwar derart, daß der Leser den Standort des Rezensenten erkennt und daß er beurteilen kann, ob das besprochene Buch für ihn etwas ist oder nicht.

Als Beispiel meiner Art zu rezensieren ziehe ich den im Residenz Verlag erschienenen Roman „Der Sonntagsvogel“ von Alfred Paul Schmidt heran. Ich schrieb in dieser Rezension über sein bisheriges Werk: „Sein erster Roman 1976 ,Das Kommen des Johnny Ray wurde von seinem damaligen Verleger als Prosa in Bluejeans bezeichnet, als parodistisches Selbstporträt der jungen Generation. Ein Jahr später erschienen Erzählungen .Geschäfte mit Charlie. Darin stieß man auf Sätze wie diesen: .Oben, das ist ganz oben, nach Mt. Everest, Immerist, Abendrest, Joe Molunga, wahrscheinlich Trompeter oder Eselsohr.' Das alles war Literatur, vom Autor sozusagen für seinesgleichen geschrieben. Warum diese Rückerinnerung? Um das Erstaunen verständlich zu machen, wenn man jetzt mit dem ,Sonn-tagsvogel' einen normal erzählten realistischen Roman in Händen hält. Diese Entwicklung des Autors ist in gewisser Weise symptomatisch für die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur in den letzten Jahren.“

Der Leser ist informiert, und der Rezensent hat sich dabei de-couvriert: Er läßt seine Distanz zu allem avantgardistisch-sprachexperimentellen Schreiben spü-

ren und seine Neigung zu einem realistischen Roman, wie er etwa bei Hans Werner Richter anzutreffen ist.

Schon vor zehn Jahren äußerte dieser in einem Interview Ansichten, wie sie meiner Einstellung zur Literatur entsprechen:

„Alle literarischen Formen kehren immer wieder, was heute veraltet wirkt, kann morgen schon wieder modern sein. Insofern ziehe ich es vor, so zu erzählen, wie ich erzählen möchte, ohne mich um die jeweiligen literarischen Moden zu kümmern. Das ist natürlich gegenüber der Kritik ziemlich leichtsinnig. Aber Leichtsinn ist immer noch besser als modischer Stumpfsinn.“

Modischer Stumpfsinn - um an dieses Stichwort anzuknüpfen: Es ist wohl ein vergeblicher Wunsch, daß er aus der Literatur verschwinden möge. Was ich der Literatur von heute und morgen vor allem wünsche: daß sie die Kraft finden möge, dieses schwachbrüstige Schreiben zu überwinden, das sich nur mühsam Publikationen zwischen hundert und zweihundert Seiten abringt, so daß mir stets—auch wenn ich es nitfht ausspreche — die schnoddrige Bemerkung auf der Zunge liegt: Na ja, zu mehr hat es halt nicht gereicht. Was der Literatur in meinen Augen vor allem not tut, ist die Rückbesinnung auf ein Erzählen, wie es in ganz jungen Jahren der Schweizer Gerold Späth mit seinen überquellenden Romanen vorgeführt hat, desgleichen der Österreicher Alois Brandstetter, und wie es in den letzten zwei Jahren drei Österreicherinnen mit ihren Erstlingswerken ansatzweise gezeigt haben: Inge Merkel, Ingeborg Day und Elisabeth Hauer.

Natürlich besteht Literatur nicht nur aus Romanen (zu schweigen von Erzählungen, Dramen und Lyrik), in einem weiteren Sinn gehören auch Essays, Briefe, Tagebücher und Autobiographien dazu, und hier findet sich eigentlich jenes Feld, dem meine besondere Vorliebe gilt. Glücksfälle der Literatur sind für mich auch gegeben, wenn Autobiographisches die dichterische Form der Erzählung annimmt -wie bei Thomas Bernhard oder wie in Peter Handkes „Wunschlosem Unglück.“

Was schließlich nicht fehlen sollte in der Literatur von heute und morgen, sind Briefwechsel, wie etwa der in jüngster Zeit veröffentliche Briefwechsel von Fritz von Herzmanovsky-Orlan-do mit Alfred Kubin.

Aus dem Literaturalmanach „Was Kritiker gerne läsen“, der im Herbst im Residenz-Verlag, Salzburg, erscheint.

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