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Die Meute folgt im Taxi

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Die Auslandskorrespondenten in Nikaragua und El Salvador unterliegen Zwängen und Mißverständnissen. Die Konsequenzen für die Berichterstattung können fatal sein.

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Die Auslandskorrespondenten in Nikaragua und El Salvador unterliegen Zwängen und Mißverständnissen. Die Konsequenzen für die Berichterstattung können fatal sein.

Mit schöner Regelmäßigkeit erreichen uns Berichte aus El Salvador und Nikaragua, die sich auf die Informationen diverser Nachrichtenagenturen berufen. Sie suggerieren ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit, da sie eine Viel-' f alt von Meinungen und eine Vielzahl von Informationsquellen angeben.

Tatsächlich aber ist der Großteil der Agenturen in US-amerikanischer Hand; was News-Wert haben soll, entscheidet meist der Pressefilter der Amerikaner.

Auch das Material der großen amerikanischen Zeitungen und TV-Stationen wird von unseren Medien gerne übernommen. Nicht ohne Grund, denn die Vereinigten Staaten sind nicht nur die einzigen, die durch ein riesiges Korrespondentennetz in beiden zentralamerikanischen Staaten ständig präsent sind (seit Jahren belegen sie ganze Hotelstockwerke in Dauermiete), sondern sie besitzen auch wichtige Exklusivrechte und journalistische Privilegien.

In Nikaragua wird das Monopol der Medienmacht Amerika besonders deutlich. Denn so sehr die Sandinisten auch den Anti-Amerikanismus auf ihre revolutionären Fahnen geschrieben haben, so genau kennen sie inzwischen auch die Bedeutung der US-Öffentlichkeit für ihre Ziele.

Wenn die Regierung zum Beispiel ein Flugzeug zur Verfügung stellt, um in eine entlegene Berggegend zu fliegen, sind die zehn vorhandenen Plätze für amerikanische Reporter reserviert. Die europäischen Kollegen können dann bis zur Rückkehr am Flughafen ausharren, um eventuell Informationen zu bekommen.

Die amerikanische Vorherrschaft bei der Nachrichtenübermittlung hat zur Folge, daß die spezifische US-Sicht unser Mittelamerika-Bild prägt. Immerhin haben die Vereinigten Staaten an den Kämpfen in El Salvador und Nikaragua unmittelbar politisches und wirtschaftliches Interesse. Und so ist für viele US-Medien der Anlaß zur Berichterstattung eher die Debatte im Washingtoner Kongreß, als daß sich wirklich Wichtiges ereignet hätte.

Zudem verlangen die Amerikaner, egal ob konservativer oder (links-)liberaler Couleur, stets nach einem „Happy-End“ und nicht nach komplizierten Analysen.

Dementsprechend wurde der salvadorianische Präsident Jose Napoleon Duarte konsequent und medienwirksam aufgebaut; er entsprach dem amerikanischen „Superstar“-Image. Das Hinterfragen seiner politischen Basis blieb aus.

Ähnlich rosig verlief auch die Berichterstattung über die salva-dorianischen Wahlen vom Frühjahr 1984. Dabei verfestigte sich der Eindruck, als ob das einfache Volk sich nichts sehnlicher erhofft, als einen reibungslosen, gewaltfreien Weg zur Demokratie zu beschreiten.

Doch für Wahlbeteiligung und -entscheidung in einem umkämpften zentralamerikanischen Staat gelten andere Gesetze als bei uns. Entscheidend ist zum Beispiel, welche der beteiligten Konfliktparteien in der Region gerade die Kontrolle ausübt.

Bei derartigen Fragen wird dann ein Problem deutlich, das nicht mehr allein die US-Journalisten betrifft, sondern eine grundsätzliche Schwierigkeit der Nachrichtenübermittlung aus einem anderen Kulturkreis aufzeigt. Fatale Folgen kann es vor allem für jene Ereignisse haben, die El Salvador und Nikaragua immer wieder schlagartig in unsere Nachrichtenspalten rücken: blutige Massaker und der logischen Frage nach den Tätern.

Als unverdächtige Zeugen eines Uberfalls werden von den Reportern gerne die dort lebenden Bauern herangezogen. Doch schon die Fragestellung kann die Antwort vorwegnehmen: „Waren die Täter Guerillas?“ kann ebenso mit „Ja“ erwidert werden wie auch die Frage, „ob es Regierungstruppen gewesen seien“.

Der Jesuit Ignacic Martin-Barö, Psychologe an der Universität von San Salvador, formuliert es so: „Die Leute hier leben in einer offiziellen und einer privaten Welt. Seit Jahrhunderten sind sie in den Haziendas eingefleischt und erzogen, das zu sagen, was offiziell von ihnen erwartet wird.“

Es kann passieren, daß die so erzielte Falschmeldung von allen Nachrichtenagenturen übernommen wird, denn oft bedienen sie sich der gleichen Quelle.

So ist es in der nikaraguanischen Hauptstadt Managua ein häufig zu beobachtendes Ritual: Die Journalisten sitzen, vom Informationsmangel gepeinigt, im Hotel und warten auf ein Ereignis. Plötzlich besteigt ein Reporter ein Taxi (die Fahrer gelten als sichere Nachrichtenbörse) und fährt davon. Sogleich rufen sich auch die anderen ein Taxi, eine Wagenkolonne setzt sich in Bewegung und verfolgt das gelbe Mobil. Am „Tatort“ angekommen, fallen dann alle Journalisten über denselben Informanten her - und haben ihre „exklusive“ Meldung. *

Oft wird die rasante Autofahrt aber von vornherein verhindert, indem das Regime das Gebiet zur „Konfliktzone“ erklärt und es absperrt. Je nach amtlicher Lagebeurteilung können die abgeriegelten Regionen bis zur Hälfte des gesamten Landes ausmachen, und dementsprechend wächst der Raum für journalistische Spekulationen.

So geschah es auch beim San-Juan-Fluß, der jüngst irt die Schlagzeilen geriet, weil dort (angeblich) eine pro-sandinistische US-Gruppe entführt wurde. Während die amerikanischen Oppositionsblätter ein Werk der Contras sahen, fragte die konservative „Welt“ sogleich: „Hatten sich die 47 Pazifisten selbst entfahrt?“

Wenigstens wurde hier noch Platz für Vermutungen gelassen, doch bei vielen Berichten fehlt das nötige Fragezeichen.

Das gilt besonders für die Anzahl der Verschwundenen, die weltweit durch die Medien gehen. Die Angaben stammen etwa vom oppositionellen Menschenrechtsbüro der Sozialchristlichen Partei in Managua und werden von J ournali sten ungeprüft veröffentlicht. Wiederaufgetauchte und tatsächlich Inhaftierte (die Benachrichtigung der Verwandten kann bis zu vier Wochen dauern) werden aber meist nicht gestrichen, und so wächst die Liste der Karteileichen unaufhörlich.

Der Gang zur Opposition wird aber auch dadurch beflügelt, weil die staatliche Pressepolitik nach wie vor ungeschickt ist. Kritische Fragestellung wird mit Anti-Sandinismus verwechselt; selbst die Erlaubnis für ein Interview mit einem mittleren Funktionär kann Monate dauern. Und welcher Journalist möchte sich schon mit den Einladungen zu den staatlichen Sightseeing-Tours begnügen, bei denen Präsident Daniel Ortega zum Beispiel eine Fabrik besucht.

Auch in El Salvador würde man die neugierigen Ausländer gerne vor den propagandistischen Karren spannen. Im staatlichen Pressebüro bekommt der Journalist die nötige Lizenz zwar anstandslos, aber die zwiespältige Einstellung ihm gegenüber wird durch ein dezentes Schild deutlich, das ihn dort lange Zeit empfing: „Wenn Sie schon lügen müssen, tun Sie es über Ihr Land, aber nicht über El Salvador!“

Auf den Straßen der Hauptstadt gab es noch 1982 eine Plakatkampagne mit der Warnung: .Auslandsjournalist, übergib Dein Land dem Kommunismus, aber nicht El Salvador!“

Als Ausweg aus dem Dilemma haben die französische AFP und kleine Alternativ-Agenturen versucht, Einheimische als Journalisten zu verpflichten. Diese Journalisten können aber auch „in ihrem Land versumpft sein“, wie einer ihrer Mitarbeiter einräumt. Soll heißen: Ihre Berichte sind nicht frei von Schönfärberei; sie verstehen sich oft mehr als Botschafter ihres Landes denn als kritischer Beobachter.

Ihre „Hintergrundberichte“ werden aber zunehmend auch von größeren Presseorganen genutzt. Denn zum Verständnis der beiden mittelamerikanischen Staaten reicht es längst nicht mehr aus, die Schuldigen für Terror und Mord auszumachen.

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