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Die Mozart-Lawine rollt

Für Österreichs und Europas Musikmanager ist das Jahr 1991 ein magisches: Geraten die einen mehr und mehr in Panik, welche Projekte sie bis zu diesem Termin zum Thema Mozart aushecken, woher sie dafür das Budget auftreiben sollen und ob ihre Pläne originell genug sind, lamentieren die anderen schon heute, welche Mozart-Lawine da ein Jahr lang über die Musikfreunde niedergehen wird. Außerdem fragen sich alle, woher die vielen erstklassigen Sänger, Dirigenten, Musiker, Regisseure kommen sollen, um diese Mozart-Hausse in Gang zu halten.

Nicht nur in Österreich, sondern weltweit wird am Mozart-Gedenken gebastelt. Die Salzburger Festspiele etwa feiern - um ihn 1991 parat zu haben - Mozart schon 1990 mit „Idomeneo", „Don Giovanni" und „Cosi" auf Vorrat. Die Wiener Staatsoper schlitterte soeben mit ihrer Neuinszenierung von „Cosi fan tutte" in ein Debakel, die Wiener Volksoper wartet mit einer brillanten Inszenierung von „Cosi fan tutte", einem nicht sonderlich gelungenen „Don Giovanni" und einem mäßig interessantem „Figaro" auf. Im Wiener Konzerthaus fanden eben im Rahmen eines opulenten kleinen Mozart-Festes reizvolle Aufführungen von Antonio Salie-ris „Grotta di Trofonio" oder von Mozarts „Davidde penitente" auf.

Mozart-Projekte aller Größenordnungen stehen aber erst bevor. Die Ausstellung „Mozart und seine Zeit" - Kosten sechzig Millionen Schilling - des Wiener Historischen Museums wird ab Dezember 1990 im Wiener Künstlerhaus zu sehen sein. Mit einem Mozart-Fest, einem Kompositionswettbewerb und einem musikwissenschaftlichen Kongreß wird die 200. Wiederkehr seines Todes in der Gesellschaft der Musikfreunde begangen. Zusagen der Wiener Philharmoniker, der Symphoniker, des Concentus Mu-sicus, der „English Baroque So-loists" und des Monteverdi-Chors, von Nikolaus Harnoncourt, von Eliot Gardener und vieler prominenter Künstler liegen bereits vor.

Zwischen Mozarts Geburtstag am 27. Jänner und dem 2. März sowie um den Todestag am 5. Dezember wird eine Reihe von Konzerten im Wiener Musikverein stattfinden. Für das Budgetloch von 3,5 Millionen Schilling werden allerdings noch Sponsoren gesucht. Einem internationalen Kompositionswettbewerb „Mozart 1991" für ein Werk in der üblichen Mozart-Orchesterbesetzung oder in Harmoniemusikbesetzung winkt ein mit 120.000 Schilling dotierter erster Preis. Eine Jury aus Musikerpersönlichkeiten wird die Manuskripte bewerten, für die Uraufführung wird gesorgt. Ein Symposion im Kongreßhaus Baden und eine Ausstellung im bis dahin renovierten Archiv der Musikfreunde werden sich Mozarts Weiterleben in Literatur und Wissenschaft und der Mozart-Pflege insgesamt widmen.

Ein internationaler Wettbewerb für junge Sänger wird ausgeschrieben: „Europa lädt die jungen Mozart-Sänger der Welt ein." Aus rund 120 erwarteten Talenten werden Sena Jurinac, Gundula Janowitz, Cesare Siepi, Walter Berry, Ernst Haeflinger und Erik Werba die besten herausfinden. Unter der Patronanz der UNESCO findet der erste Durchgang des Wettbewerbs in Venedig statt, die Semifinales in Prag und München, das Finale in der Wiener Staatsoper, in Paris ist ein Galakonzert und in Rom die Preisverleihung im Juni 1990 vorgesehen. Zwölf Preise - nach Sängern der Mozart-Uraufführungen wie Aloysia Weber, Catarina Cava-lieri, Emanuel Schikaneder und anderen benannt - sind mit je 100.000 Schilling dotiert.

Außer dem von Peter Weiser entwickelten Mozart-Ge- und Bedenk-Konzept plant in Wien die Staatsoper eigene Mozart-Wochen, bei denen unter anderem „Lucio Silla" Premiere hat. Erfreulicherweise beteiligt sich das Haus am Ring auch an der Reaktivierung Schönbrunns, wo im April 1991 Mozarts Jugendoper „La finta giardiniera" als Gemeinschaftsproduktion von Staatsoper und Musikhochschule im Schloßtheater produziert wird. Zu den Wiener Festwochen 1991 produziert die Staatsoper in der Schönbrunner Orangerie die Oper „Prima la musica" des Mozart-Konkurrenten Antonio Salieri.

Diese alles andere als vollständige Festbilanz erweckt den Eindruck des Spektakels. Das Mozart-Fest wird nur dann von wirklicher Bedeutung und nicht bloß ein glitzernder Basar sein, wenn es für den Mozart-Stil der Zukunft Auswirkungen hat, wenn es Werke neu hören und sehen gelehrt hat, wenn wissenschaftlich interessante Forschungsergebnisse zustande kamen. Nicht bloß die Produktion von Mozart-Souvenirs sollte angekurbelt werden, sondern das Mozart-Bild unserer Zeit müßte neue Akzente erhalten. Von wievielen Ereignissen wird man das sagen können?

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