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Die Mütter der Zukunft Schwarzafrikas

1945 1960 1980 2000 2020

Bis ins 19. Jahrhundert kannte Europa Schwarzafrika nur an der Peripherie. Vor rund 100 Jahren teilten sich die europäischen Mächte den Kontinent auf. Erst vor einer Generation wurde Ghana als erster Staat südlich der Sahara politisch unabhängig. 28 Kriege haben seither Schwarzafrika heimgesucht, dazu Dürrekatastrophen und Hungersnöte. Ein Kontinent ohne Zukunft? Hannes Schopf versucht, nach einer Begegnung mit Schwarzafrika in diesem Dossier darauf eine Antwort zu finden.

1945 1960 1980 2000 2020

Bis ins 19. Jahrhundert kannte Europa Schwarzafrika nur an der Peripherie. Vor rund 100 Jahren teilten sich die europäischen Mächte den Kontinent auf. Erst vor einer Generation wurde Ghana als erster Staat südlich der Sahara politisch unabhängig. 28 Kriege haben seither Schwarzafrika heimgesucht, dazu Dürrekatastrophen und Hungersnöte. Ein Kontinent ohne Zukunft? Hannes Schopf versucht, nach einer Begegnung mit Schwarzafrika in diesem Dossier darauf eine Antwort zu finden.

Krieg ist fürchterlich, Dürre ist entsetzlich. Zusammen sind sie eine schreckliche Kombination für Millionen von Menschen in Schwarzafrika, eine Tragödie mit Massenflucht und Massenelend.

Der Flüchtling aus dem Sudan, sein linkes Auge hat er im Bürgerkrieg verloren, der in Nairobi vor der der Heiligen Familie geweihten Kathedrale um Geld für sich und seine Familie bettelt, die abgemagerten Flüchtlingsfrauen aus dem Tschad, die mit ihren Kindern das im Verkehr Accras steckende Auto mit flehendem Blick umlagern — man kann daran nicht vorbeisehen, die Bilder prägen sich ein. Bilder der Hoffnungslosigkeit: Drei bis fünf Millionen Menschen sind seit Jahren unterwegs, wechseln zwischen armen und ärmsten Ländern hin und her.

Ein Kontinent ohne Zukunft? Afrika gilt nach der amerikanischen Studie „Global 2000“ als „die am meisten gefährdete Großregion unserer Erde“. Von den fast 600 Millionen Afrikanern — 400 Millionen davon im Afrika südlich der Sahara — leben etwa 220 Millionen in absoluter Armut. Und die Bevölkerung wächst sprunghaft: Bei anhaltendem Wachstum wird die Gesamtbevölkerung zum Ende unseres Jahrtausends die 800-Millionen- Grenze überschritten haben, Hochrechnungen der Weltbank sagen bis 2030 eine bis 1,4 Milliarden Afrikaner voraus.

Kann da unter den labilen politischen und teilweise katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, die heute die afrikanische Realität kennzeichnen, überhaupt berechtigte Hoffnung keimen? Hat westliche Entwicklungshilfe, fragen Skeptiker auch vor dem Hintergrund von Korruption, Mißwirtschaft und Gigantomanie, da noch Sinn?

Eine Begegnung mit Schwarzafrika — die Reise führt nach Kenia, Simbabwe, Nigeria und Ghana — wird zum Wechselbad in der Beurteilung. Man wird in den Konflikt zwischen traditionellen afrikanischen Lebensformen mit technisch-zivilisatorischem Entwicklungsdenken westlicher Prägung hineingezogen. Kaum fühlt man sich in seiner Einschätzung bestätigt, sieht man sich schon widerlegt: sogar beim Abendessen in der Hauptstadt Kenias.

Plötzlich geraten die Tischpartner aneinander. Beide sind Mitte zwanzig: Er ein Journalist aus Nairobi, sie eine Sekretärin, attraktiv und elegant gekleidet. Seine Meinung, daß Stammesdenken in Kenia wie in Schwarzfrika überhaupt überwunden gehört, macht sie kämpferisch. Nein, sie kann sich im Gegenteil gar nicht vorstellen, einen Mann zu heiraten, der nicht ihrem Stamm angehört.

Doch noch bevor man sich in der Diagnose der „afrikanischen Krankheit“ — Schlagwort: Tribalismus — bestärkt fühlt, bringt sie ihre afrikanische Identität ein, in der sie Schutz und Geborgenheit zu finden überzeugt ist. Und sie sieht sich verantwortlich dafür, daß diese Identität auch in Zukunft nicht verlorengeht. Nicht ihren Kindern, nicht ihren Enkeln.

Ein afrikanisches Problem aus kolonialer Erbschaft: weder geographisch noch ethnisch bedingte Grenzen teilen Afrika, sondern willkürlich vom grünen Tisch aus gezogene; künstliche Gebilde als politische Einheiten, die Völker auseinandergerissen und mit anderen zusammengewürfelt haben, sind dabei entstanden; Staaten ohne Nation. Das waren und sind „europäische Wurzeln“ blutiger Bürgerkriege in Schwarzafrika, das sind Ursachen handfester Macht- und Verteilungskämpfe um Ämter und Pfründe in den jungen Staaten südlich der Sahara.

Der Weg vom Staat zur Nation, auch aus österreichischer Erfahrung — Verirrungen miteingeschlossen - schwierig genug, ist auch in Afrika lang, kurz dagegen war die Phase der Dekolonisation. Und für diese kurze Zeitspanne von maximal drei Jahrzehnten war die Entwicklung — bei aller „Unterentwicklung“ nach europäischen Maßjtäben — atemberaubend.

Kenia beispielsweise „verkraftet“ einen Bevölkerungszuwachs von vier Prozent jährlich — eine der höchsten Wachstumsraten der Welt. Simbabwe, dessen Lebensfähigkeit als unabhängiger Staat Schwarzafrikas vor einem

Jahrzehnt noch in Frage gestellt wurde, zählt heute zu den wirtschaftlich zukunftsträchtigsten Ländern des Kontinents. Das res- sourcen- und menschenreiche Nigeria - eines der größten Entwicklungspotentiale Afrikas — muß mit dem Schicksal gescheiterter Neureicher erst fertig werden: das Erdölexportland ringt um seine internationale Kreditwürdigkeit. So auch Ghana, das auf Empfehlung des Internationalen Währungsfonds den Gürtel enger geschnallt hat.

Für die Weltbank zählen Kenia und Ghana zu den Ländern mit niedrigem Einkommen, Nigeria und Simbabwe werden hingegen der unteren Kategorie der Länder mit mittlerem Einkommen zugeordnet, gelten aber noch nicht als „Schwellenländer“.

So sehr sich auch alle vier Staaten um Industrialisierung bemühen, so eindeutig steht doch die Sicherung der Ernährung im Vordergrund. Ginge es nach den Bodenreserven, könnte Afrika mehr als die dreifache Bevölkerung ernähren. Landwirtschaftlich genutzt wird aber etwa nur ein Fünftel der für Ackerbau nutzbaren Fläche.

Das hat vielfache Gründe: Afrikanischer Landbau orientiert sich traditionell am Eigenbedarf. Danach richten sich auch die Lagę-

rungskapazitäten. Und andererseits sind die Absatzmöglichkeiten beschränkt, weil großteils die Verkehrswege fehlen.

Nicht nur das: Vielfach fehlt Wasser — und auch die Fähigkeit, damit hauszuhalten.

„Die Zukunft Afrikas entscheiden nicht unsere Politiker, sondern unsere Frauen“, ist ein afrikanischer Gesprächspartner in Ghana überzeugt. Und er spricht sie nicht nur als Gebärerinnen an, um die Geburtenlawine einzudämmen, sondern auf ihre Rolle als Ernährerinnen mit der Hacke in der Hand auf dem Feld. Und als Erzieherinnen.

Da trifft er sich mit der Einschätzung von Alfons Müller, der als Koordinator des österreichischen Entwicklungsdienstes für Simbabwe in Harare tätig ist. „Für die künftige Entwicklung afrikanischer Gesellschaften ist die Stellung der Frau von ausschlaggebender Bedeutung“, meint der Tiroler Lehrer, „denn die Erziehung der Frau ist eigentlich gleichbedeutend mit der Erziehung der Familie.“

Das ist eine Hoffnung für die Zukunft. In der Gegenwart geht es um Hilfe, auch wenn europäische und afrikanische Stimmen laut werden, die meinen, Afrika wäre sogar mehr gedient, würde sich der Westen jeglicher Hilfe enthalten.

Österreich ist der „Enthaltung“ ohnehin schon sehr nahe gekommen. Das soll sich jetzt ändern: mit Schwerpunktsetzung in Schwarzafrika.

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