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DIE „NEUE ARMUT" ENTSTEHT

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Nada ist fünfzig Jahre alt und arbeitet als Putzfrau, wochentags in einem mittleren Industriebetrieb, am Samstag in verschiedenen Privathaushalten. Die gebürtige Jugoslawin lebt seit etwa 20 Jahren in Österreich. Deutsch spricht sie immer noch höchst mangelhaft, verstehen kann sie es aber ganz gut.

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Nada ist fünfzig Jahre alt und arbeitet als Putzfrau, wochentags in einem mittleren Industriebetrieb, am Samstag in verschiedenen Privathaushalten. Die gebürtige Jugoslawin lebt seit etwa 20 Jahren in Österreich. Deutsch spricht sie immer noch höchst mangelhaft, verstehen kann sie es aber ganz gut.

Nada erhält mit ihrer Arbeit ihren wegen Krankheit arbeitsunfähigen Ehemann, unterstützt den immer wieder arbeitslosen Sohn, der mittlerweile auch schon verheiratet ist. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie in einer kleinen Mietwohnung (Wasser am Gang), bei der sie als Ausländerin offiziell gar nicht als Mieterin, aufscheinen darf.

Nada ist eine von jenen 93.591 im Februar 1993 in Österreich legal beschäftigten Frauen mit nichtösterrei-chischer Staatsbürgerschaft. Das sind rund ein Drittel der insgesamt 261.339 im Februar in Österreich legal beschäftigt gewesenenen ausländischen Staatsbürger.

Die größte Gruppe dieser Frauen stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien (rund 53.000), gefolgt von Frauen aus der Türkei(12.735), aus Deutschland und aus Polen. Nur etwa zehn Prozent kommen aus westeuropäischen Ländern, aus den USA, Australien, Kanada.

Viele Ausländerinnen (und Ausländer) arbeiten in Berufen und üben Tätigkeiten aus, die Österreicher (und Österreicherinnen) nicht mehr tun wollen. In der - schlechtbezahlten -Textilbranche beträgt der Anteil der Ausländer (in erster Linie sind es Ausländerinnen) 38 Prozent, im -schlechtbezahlten - Gastgewerbe mit den ungeregelten Überstunden 41,5 Prozent, in der Reinigungsbranche 41 Prozent. Neben schlechter Bezahlung und den manchmal menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen werden in diesen Branchen oft nur befristete Arbeitsverhältnisse abgeschlossen.

Der Frauenanteil an den ausländischen Beschäftigten war in den letzten Jahren ständig im Steigen begriffen. Unter anderem deshalb, weil immer mehr Frauen aus der Türkei, aus Ex-Jugoslawien im Rahmen der Familienzusammenführung ihren Männern nach Österreich nachfolgten.

Seit 1976 wird der Zugang zum Arbeitsmarkt durch das Ausländerbeschäftigungsgesetz geregelt. Dieses sieht drei Arten von Bewilligungen der Beschäftigung für ausländische Arbeitnehmer vor: Beschäftigungsbewilligung, Arbeitserlaubnis,

Befreiungsschein (siehe Kasten). Mit Beginn des Jahres 1993 wurde zur Senkung der Ausländerbeschäftigung in Österreich eine gesetzliche Neuregelunggetroffen. Seither wurden praktisch keine Ersterteilungen von Beschäftigungsbewilligungen mehr durchgeführt.

Für die Ausländerinnen erschwerend ist die Tatsache, daß nachreisende Familienangehörige laut Gesetz erst frühestens nach drei Jahren Aufenthalt in Österreich als arbeitssuchend vorgemerkt werden können. Die Ehemänner arbeiten oft schon viele Jahre hier, die Kinder sind hier geboren und gehen jetzt zur Schule, die ausländischen Frauen könnten -nach einer Kinderpause - ebenfalls wieder arbeiten und wären auch am Arbeitsmarkt willkommen.

Diese Frauen sind ökonomisch und sozial völlig von ihren Ehemännern abhängig, was fatale Folgen für sie haben kann. Außerdem entsteht so eine „neue Armut". Denn das Einkommen ausländischer Arbeitnehmer liegt im Durchschnitt um rund ein Fünftel unter jenem der Inländer. Das Pro-Kopf-Einkommen der Türken beträgt durchschnittlich 6.050 Schilling monatlich, und liegt damit noch um 2.200 Schilling unter dem ex-jugoslawischer Arbeitnehmer.

Für den Anteil der Frauen unter den Erwerbstätigen spielen je nach Herkunftsland soziokulturelle Ursachen und die Einstellung zur Frauenarbeit in der jeweiligen Kultur eine entscheidende Rolle. Unter den Immigranten aus Ex-Jugoslawien sind fast 50 Prozent der Erwerbstätigen Frauen. Hingegen gehen aus der Türkei nur ein Drittel so viele Frauen in Österreich einer bezahlten Arbeit nach wie Männer.

Die Arbeits- und damit auch die Lebenssituation ausländischer Frauen ist aber auch noch durch andere Aspekte schwierig oder benachteiligt. Sie stehen einerseits unter dem Druck traditioneller Rollenerwartungen, insbesondere islamische Frauen, für sie sind Ehe und Kinderreichtum noch immer die wichtigsten Lebensperspektiven.

Wenn sie aus ländlichen Gebieten stammen, haben sie meist nur Grundschulausbildung und sind schon dadurch gezwungen, wenn sie überhaupt arbeiten dürfen, die am schlechtesten bezahlten - und auch die unsichersten - Jobs anzunehmen. Und sie sind dann auch die ersten, die ihre Arbeit verlieren. Befristete Dienstverhältnisse verhindern eine bessere Einbindung ins soziale Netz, was sich beispielsweise in nur 5,7 Prozent ausländischer Karenzgeldbezieherinnen niederschlägt.

In ganz anderer Weise schwierig ist die Arbeitssituation für ausländische Frauen mit höherer Schul- und Berufsausbildung. Sehr oft haben sie in ihrer Heimat Maturaabschluß oder ein Hochschulstudium, scheitern mit dem Berufseinstieg aber an ihren mangelnden Deutschkenntnissen und arbeiten dann hier ebenfalls in der Reinigungsbranche. Um nicht wertvolle Kenntnisse brachliegen zu lassen, wäre hier ein breiteres Angebot an Umschulungen, Berufseinstiegsund Sprachkursen unbedingt erforderlich.

Die große Gruppe ausländischer Frauen in Österreich erzieht heute jene Menschen, die einmal als österreichische Staatsbürger hier leben und unsere Pensionen zahlen werden.

Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen des Beratungszentrums für Migranten und Migrantinnen in Wien, Markgraf-Rüdiger-Gasse, geschrieben.

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