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DIE NEUEN UTOPIEN DER POSTMODERNE

1945 1960 1980 2000 2020

Der städtische Grundriß einer „Stadt der Zukunft" wird vermutlich nichts Neues aufweisen. Die historisch gewachsenen europäischen Städte mit ihren geschlossenen Straßenfronten, geschützten Höfen, dem System von Gassen, Straßen und Plätzen sind bisher das überzeugendste städtebauliche Muster geblieben. Das von der Wiener Frauenabteilung initiierte Modell einer „Frauenstadt" will hier neue Akzente setzen.

1945 1960 1980 2000 2020

Der städtische Grundriß einer „Stadt der Zukunft" wird vermutlich nichts Neues aufweisen. Die historisch gewachsenen europäischen Städte mit ihren geschlossenen Straßenfronten, geschützten Höfen, dem System von Gassen, Straßen und Plätzen sind bisher das überzeugendste städtebauliche Muster geblieben. Das von der Wiener Frauenabteilung initiierte Modell einer „Frauenstadt" will hier neue Akzente setzen.

Warum es so schwierig ist, über die Stadt der Zukunft nachzudenken, ist nicht primär mangelnde Vorstellungskraft über die Entwicklung der Architektursprache und Gartenkunst, sondern die mangelnde Vorstellungskraft darüber, wie sich die Menschen, ihre Beziehungen zueinander, die Gesellschaft insgesamt verändern werden. Utopien im Städtebau waren immer stark geprägt von gesellschaftspolitischen Überlegungen (Thomas Morus, Charles Fourier, Tony Garnier - es fällt auf, daß Frauennamen fehlen).

Derzeit herrscht vor allem Ratlosigkeit über die „Software", die „Hardware" der planerischen und gestalterischen Antworten ist dann ein zweiter Schritt. Planung und Gestaltung eines Stadtkörpers wurde in der Geschichte immer stärker pro-fessionalisiert. Planer sind von ihrem beruflichen Selbstverständnis her Menschen, die wissen, was für andere gut ist. Offen ist, wie stark dieser Anspruch eingelöst werden kann, oder wie sehr die eigenen Alltagserfahrungen prägend und handlungsleitend sind. Planung ist eine überwiegend männliche Profession, die von gesunden Erwachsenen ausgeübt wird. Eine Stadt der Zukunft wird aber danach zu beurteilen sein, wie hoch die Vielfalt ist, die sie bietet, wie viele Lebensformen gerade für Frauen sie zuläßt, unterstützt oder erschwert.

Es gilt also, kommunalpolitische Utopien zu entwickeln. Dies beinhaltet auch die Beantwortung zweier Fragestellungen:

□ ermöglicht die angestrebte Zukunft noch eine weitere (Stichwort Ökologie)?

□ wie gehen wir mit den Bedürfnissen sozial Schwacher um (Stichwort Zwei-Drittel-Gesellschaft)?

Wien hat zu dieser zweiten Fragestellung in der Zwischenkriegszeit pointierte Antworten gefunden, die -bei allen denkbaren kritischen Anmerkungen - für Europa in vielen Bereichen beispielgebend waren. Neue Antworten müssen jetzt unter dem Gesichtspunkt sozialer und ökologischer Verträglichkeit gefunden werden.

Einige bisher sehr vernachlässigte Gesichtspunkte sind hier besonders wichtig:

Der Alltagsbezug der Menschen:

Der Alltag von Frauen und Männern ist noch immer sehr verschieden, vor allem bei der unbezahlt geleisteten Arbeit. Hausarbeit, Kindererziehung und Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger ist noch immer zu einem guten Teil Frauensache. Diesen Arbeitsbedingungen muß

hoher Augenmerk von der Seite der Planung geschenkt werden. (Kurze Wege, eine Anordnung von Wohnhäusern und Spielplätzen, die Sicht-und Rufkontakt ermöglichen, modellhafte Einrichtungen, die Hausarbeit effizienter gestalten - Einküchenhaus et cetera.)

Die Bedürfnisse aller sozialer Gruppen - auch von Randgruppen, müssen miteinbezogen werden. Dazu gehört Sicherstellung eines akzeptablen Wohnens und Beachtung spezifischer Bedürfnisse und Nachfrage nach spezifischer Infrastruktur. (Finden Obdachlose, psychisch Kranke, Drogensüchtige, Haftentlassene, Asylanten, mißhandelte Frauen und Kinder, pflegebedürftige alte Menschen ihren Platz in der Stadt der Zukunft? Öffentlicher Raum:

Für die Nutzung des öffentlichen Raumes als Lebensraum ist eine weitgehende Änderung des Verkehrsverhaltens erforderlich. Die Nutzung des Autos ist stark einzuschränken (wenn Männer ihr Verkehrsverhalten an das der Frauen angleichen würden wäre schon viel gewonnen. Derzeit werden zwei Drittel aller Fußwege von Frauen gemacht, 60 Prozent aller Autofahrten von Männern zurückgelegt).

Wichtig für das Wohlbefinden ist, daß in einer Stadt der Zukunft tatsächlicher Freiraum vorhanden ist, nichtjederQuadratzentimeterverplant und gestaltet wird.

Freiraum ist definiert als jener Raum, wo die Augen und die Psyche entlastet sind, keine funktionellen Determinanten vorhanden sind und für dessen Vorhandensein Vorsorge zu treffen ist.

Die Planung eines „atmenden" Stadtteils erfordert es, alle Sinne anzusprechen. Hierzu einige Stichworte:

□ Wegfall von Motorenlärm, Geräusche von Wasser (Brunnen). Der Duft, die Blüte, die Farben von Sträuchern, Blumen und Bäumen, die sich mit den Jahreszeiten ändern. Hohe Sorgfalt bei mentaler Zeichensetzung im öffentlichen Raum (zum Beispiel Verbot sexistischerund menschenverachtender Werbung).

□ Nur bestimmte öffentliche Gebäude sollten von den Materialien und Kosten besonders aufwendig gestaltet werden, aber auch hier soll kein

Raum für „omnipotente gestalterische Männerphantasien" sein.

□ Hohe Sensibilität bei der Planung und Gestaltung gegenüber Umwelt-und Alltagsbeziehungen im Wohnbau (zum Beispiel gegenüber Kinderspielplätzen keine Schlafzimmer bauen, sondern Küchen und Wohnräume).

□ Bescheidenheit hinsichtlich der quantitativen Ansprüche, dafür höchste Qualität von technischem, gestalterischem und handwerklichem Können, keine „Kompöstmoderne", aber Verwendung baubiologisch verträglicher Materialien und energiesparender Haustechnologien.

□ Gefragt ist auch eine qualitätsvolle Billigstbauweise für sozial Schwache unter Einbeziehung von Selbsthilfemöglichkeit. Bei der gesamten Planung ist darauf zu achten, daß keine „Angsträume" entstehen, keine unübersichtlichen Wegführungen und Eingangssituationen. Fenster von Aufenthaltsräumen statt von Klo und Badezimmern und Stiegenhäusern sind dem öffentlichen Raum zuzuordnen um Räume mit „sozialen Augen" zu schaffen, dies erhöht das Sicherheitsgefühl, steht aber anonymen Urbanitätsgefühlen entgegen.

□ DieOrganisation materieller und immaterieller Infrastruktur zur Entlastung von bislang individualisierter, unbezahlter Arbeit, die zum Großteil von Frauen geleistet wird (Krankenpflege, Kümmern um alte Menschen et cetera), wird eine der großen Herausforderungen der Zukunft sein.

□ Produktions- und Dienstleistungsbetriebe sollen sich an bestimmte Richtlinien halten, dafür sind spezifische Förderungen denkbar (zum Beispiel Handel: minimaler Verpackungsaufwand, Zustellverpflichtung für gebrechliche Personen, Betriebe: Verschärfte Umweltauflagen, betriebliche Mitbestimmung et cetera).

Gibt es einen Weg zu diesen Vorstellungen?

Für die Umsetzung utopischer Vorstellungen, der Überprüfung ihrer Validität und Realisierbarkeit.wären Modellsituationen sinnvoll. Eine Stadterweiterung im größeren Ausmaß sollte solche „Zukunftsnischen" in ihren Entwicklungsprogrammen berücksichtigen.

Das von der Wiener Frauenabteilung initiierte Modellprojekt, die Idee einer Frauenstadt, könnte ein Schritt in diese Richtung sein. Frauenstadt meint nicht die Schaffung eines Ghettos für Frauen, zu dem Männer keinen Zutritt haben, sondern daß in einem abgegrenzten, noch festzulegenden Stadterweiterungsgebiet alle wichti- j gen Planungs- und Gestaltungsfragen von Frauen übernommen werden. Wie viele der aufgeworfenen Fragen aufgegriffen werden, wieweit Ansätze zu gesellschaftlichen „Utopien" hier entwickelt werden können - zumindest in der Diskussion, wieviel davon unter derzeitigen Rahmenbedingungen zu realisieren ist, wird die Zukunft zeigen.

Die Autorin ist Leiterin der neuen Magistratsabteilung 57 - Frauenförderung und Koordinierung von Frauenangelegenheiten.

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