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Die Panzer statt Soldaten zählen!"

Auch dies hebe ich hervor, weil es heute Mode geworden ist, sich über das Gleichgewichtsprinzip lustig zu machen. Ungleichgewichte gefährden die Freiheit desjenigen, der weniger Sicherheit zugemessen bekommen hat.

Deshalb führt der Weg einseitiger Abrüstung in die Sackgasse. Selbst wenn zum Beispiel eine einseitige Abrüstung unseres Landes noch nicht den militärischen Frieden in Mitleidenschaft ziehen würde, weil ja andere dann in ihrem eigenen Interesse dafür eintreten müßten, so würde doch ein Land, das ohne Absicherung einseitig abrüstete, sich der Möglichkeit politischer Nötigung aussetzen; seine Entschlußfreiheit geriete in Gefahr — seine Freiheit nähme Schaden. Mir ist ganz klar, daß die Sowjetunion nicht bereit gewesen wäre, ihre weitgehende Vorrüstung mit eurostrategischen nuklearen Mittelstrek-kenwaffen in Verhandlungen einzubringen, wenn nicht das westliche Bündnis zu dem Entschluß gekommen wäre, gegebenenfalls mit gleicher Münze zu antworten ...

Seit neun Jahren wird in Wien über einen „ausgewogenen" Abbau der Truppenstärken zwischen NATO und Warschauer Pakt (WAPO) verhandelt. Die Chiffre MBFR (Mutual Balanced Force Reductions) ist zum Inbegriff politischer Impotenz geworden: Schon über das „balanced" gab es endlosen Streit.

Kein Wunder: Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, Soldaten zu zählen. Es ist fast unmöglich, die Sowjets dafür zu gewinnen, Beobachter in ihr Territorium einzulassen. Uber die Frage von Truppenstärken, Bewaffnungen, Beweglichkeit usw. kann man endlos streiten. Und tut es auch.

Der deutsche NATO-General Franz Uhle-Wettler, immer schon für originelle Ideen gut, ist auf eine gekommen, für die ein Zivilist sich ob ihrer scheinbaren Primitivität schämen müßte, ein gewiegter Soldat aber nicht.

Er sagt: Laßt uns an Stelle von Soldaten doch die Panzer zählen! Das geht viel leichter, und dann reduzieren wir auf beiden Seiten die Panzer auf Sollstärken, die eine Eroberung der anderen Hälfte des Kontinents nicht mehr zulassen!

Sein Buch ist nicht mehr neu, aber man muß es in Erinnerung rufen, wenn andere es bewußt ins Eck des Vergessens schieben möchten. Seine Argumentation, die sogar auf einen Denkansatz des Militärautors Liddell Hart von 1931 (!) zurückgeht:

„Soldaten werden nur angriffs-f ähig durch Panzerschutz. Es geht also nicht darum, die Personalstärken zu vermini'orn, sondern die Offensiv- oder Aggressionsfähigkeit zu reduzieren. Das zumindest vom Westen angestrebte Ziel - gleiche Sicherheit für alle auf niedrigerem Rüstungsniveau — ist leichter durch eine Reduzierung der Panzerbestände als durch die mit vielen Randproblemen belastete Personalreduzierung zu erreichen."

Faktum ist: Was die NATO am WAPO vor allem fürchtet, ist dessen 3:1-Panzerüberlegenheit. Gegen die Panzer braucht der Westen taktische Atomwaffen, jetzt angeblich auch noch Neutronenwaffen, letztlich Mittelstrecken-lenkgeschosse.

Könnten West und Ost sich auf ein ausgewogenes, Angriffshandlungen ausschließendes Panzergleichgewicht in Europa einigen — wir könnten uns sehr viel Ärger, Angst und Geld ersparen.

Eine Königsidee? Wenn ein erfahrener Soldat, der im Brüsseler NATO-Hauptquartier eine bedeutende Rolle spielt, sie zur Debatte stellte, sollte sie wenigstens diskussionswürdig sein. Warum redet niemand darüber? Warum nicht einmal General Uhle-Wett-lers Heimatstaat, die Bundesrepublik Deutschland?

Die FURCHE bildet sich nicht ein, die MBFR-Verhandlungen mir nichts dir nichts in neue Bahnen lenken zu können. Aber wir glauben an die Macht der beharrlichen Geduld. Und an die Notwendigkeit neuer Löungen — um so besser, wenn es einfache sind. Deshalb werden wir uns in dieses Thema verkrallen.

GEFECHTSFELD MITTELEUROPA. Von Franz Uhle-Wettler. Verlag Bernard & Grae-fe. München 1980. Pb.. 170 Seiten. öS 97.50.

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