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Die Quadriga des Perikles

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Limyra und die versunkene lykische Kultur an der türkischen Südküste sind seit der 1990 auf der Schallaburg in Niederösterreich veranstalteten Ausstellung „Götter-Heroen-Herrscher in Lykien" ins Bewußtsein vieler Österreicher gerückt.

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Limyra und die versunkene lykische Kultur an der türkischen Südküste sind seit der 1990 auf der Schallaburg in Niederösterreich veranstalteten Ausstellung „Götter-Heroen-Herrscher in Lykien" ins Bewußtsein vieler Österreicher gerückt.

Die jüngsten Grabungen unter der Leitung von Jürgen Borchhardt vom Institut für Klassische Archäologie der Wiener Universität weisen sogar all j ene sensationellen Ergebnisse auf, nach denen man auch aus der um 372 vor Christus von dem lykischen Dynasten Perikles (nach lykischem Sprachgebrauch: Perikle) zur Residenzstadt ausgebauten Siedlung eine Fremdenverkehrsattraktion vom Rang der lykischen Städte Xanthos, Myra und Telmessos machen könnte.

Denn Borchhardt, der seit 1968 das in den Tagen des Perikles wahrscheinlich 4.500 Einwohner zählende Limyra erforscht, fand Reliefs mit der Darstellung eines bislang auf der lykischen Halbinsel noch nie freigelegten Bauwerkes.

Entdeckt wurden die in greco-per-sischem Stil gehaltenen Reliefs bei Grabungen in der Unterstadt im Verband der im siebenten Jahrhundert nach Christus von den Byzantinern erbauten Stadtmauer. Vorläufig wurden insgesamt sechs mit lebensgroßen Figuren reliefierte Steinblöcke aufgebracht. Deren ikonographisches Programm weist darauf hin, daß sie aus der Ära der von 404 bis 334 vor Christus dauernden zweiten Perserherrschaft stammen. Aus einer Zeit also, in der das nach Homer von

Lykiern bewohnte waldreiche Bergland im Südwesten Anatoliens zwar zum Achämenidenreich gehört hatte, aber nichtsdestoweniger von lykischen Königen regiert worden war.

Alle diese Dynasten hatten sich politisch an Persien, kulturell an Griechenland orientiert. Perikles, einer der letzten und mächtigsten lykischen Könige, zu dessen Reich sämtliche Städte von Telmessos (heute Fethye) im Westen bis zur Hafenstadt Phaseiis (beim heutigen Kemer) im Osten gehörten, ehe er es infolge falschen politischen Engagements an den benachbarten karischen König Maussolos in Halikamassos (heute Bodrum) verlor, bildete keine Ausnahme. So beschäftigte er ebenso wie die lykischen Dynasten von Xanthos und Trysa (j etzt Gölbasi) sowohl für sein Heroon (Grabmal) wie auch für diese m Bruchstücken aufgefundenen Friese griechische Bildhauer und Steinmetzen.

Billige griechische Künstler

Dies geschah nicht deshalb, weil er seine Abstammung von zwei der berühmtesten griechischen Heroen abgeleitet hatte: von Perseus, der die Gorgo Medusa bezwang, und Bellerophon, dem Bändiger des Flügelrosses Pegasos und Siegers über die ganz Lykien mit ihrem feurigen Atem vergiftende Chimaira. Sondern griechische Künstler - Baumeister, Maler, Handwerker, Dichter, Sporterzieher, Silberschmiede und Münzpräger -kamen nach dem Zusammenbruch Athens vor allem billiger.

Auf dem ersten, als Füllmaterial in die Stadtmauer eingemauert gewesenen Block ist das Fragment einer von links nach rechts fahrenden Quadriga zu sehen. Der zweite Block gibt eben-

falls eine Quadriga wieder - allerdings bewegt sich diese von rechts nach links. Der dritte Block weist eine Hand auf, die in die Zügel faßt. Block vier wird von einem Wagenrad geziert. Auf dem fünften und sechsten Block erkennt man persische Waffen und Herrschersymbole, wie sie auch das die Schlacht von Issus zwischen Alexander dem Großen und Dareios verherrlichende„Alexander-Mosaik" vom Archäologischen Museum in Neapel zeigt. Nämlich: einen geschuppten Panzer, einen Schwertgurt, eine persische Satrapen-Tiara mit Backen- und Nackenlaschen, wobei der Oberteil der Tiara als frei fallender Zipfel gestaltet ist.

Das aus 40 Wissenschaftlern bestehende Ausgräber-Team deutet das zu Stein gewordene Bilderbuch der Geschichte als eine in der lykischen Kunst immer wieder variierte Szene. Als Zentralfigur tritt stets ein lyki-scher Dynast in Gestalt des Kommandeurs eines Streitwagenkorps auf. Hier ist der Dynast Perikles, der den Bewohnern seiner Residenzstadt deutlich machen wollte: Ich, der König, bin jederzeit kampfbereit, ich wache über euch.

Wahrzeichen der Polis?

Auf diesen Blöcken findet sich aber auch die Ansicht einer auf hügeligem Gelände errichteten Festung mit mehrgeschossigem Palas. Da die Blöcke zu einem massiven, im Grundriß rechteckigen Monument von 3,85 Meter Länge, 1,80 Meter Breite und 2,50 Meter Höhe gehört haben, drängt sich die Annahme auf, sie hätten einst die Basis für eine freiplastisch gearbeitete Gruppe - ein bronzenes Reiterdenkmal? - gebildet. Es dürfte als Wahrzeichen der Polis auf der Agora (Markt) der Unterstadt gestanden sein. Rund tausend Jahre später hatte man es nach wechselvollem Schicksal, geprägt von ptolemäischer und römischer Oberhoheit, von seinem Standort verschleppt. Seine verwertbaren Bruchstücke benützte man als Füll-

material der neuen Stadtmauer.

Jürgen Borchhardts Kommentar zu den Reliefs, nach denen Michael Weese vom Institut für Modellbau der Wiener Akademie für Angewandte Kunst bereits eine Rekonstruktion geschaffen hat: „Das Relief mit der Ansicht der Burg des Perikles veranschaulicht uns, wie eine Residenz der miteinander wetteifernden kleinasiatischen Fürstentümer aussah. Ausgegraben hat man bis jetzt keine einzige. In Limyra, das in der lykischen Sprache Zemuri hieß, können wir sie eines Tages bergen."

Allein neun von den 150 jährlich stattfindenden archäologischen Untersuchungen in der Türkei werden

im Areal der lykischen Halbinsel durchgeführt. Die österreichischen Grabungen in Limyra mit den sechs Nekropolen, einem römischen Theater und dem Kenotaph für den 4 nach Christus auf der Heimreise nach Rom in Limyra verstorbenen Gaius Caesar, Enkel und Adoptivsohn des Kaisers Augustus, werden seit 1984 vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert. Die Funde kommen in das Museum von Antalya, wo bereits jene vom vollständig aufgedeckten Heroon des Perikles sowie dem zu einem Drittel freigelegten Heiligtum zu Ehren Pto-lemaios II. und seiner Gemahlin Arsi-noe II. aufbewahrt werden.

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