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Die rare Frau Ingenieur

1945 1960 1980 2000 2020

Die Frauenbeschäftigung konzentriert sich auf einige Berufe, die heute wirtschaftlich wenig Zukunftschancen haben. Dazu einiges aus der österreichischen Statistik.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Frauenbeschäftigung konzentriert sich auf einige Berufe, die heute wirtschaftlich wenig Zukunftschancen haben. Dazu einiges aus der österreichischen Statistik.

„Niki Lauda engagiert den ersten weiblichen Piloten in Österreich.“ Solche und ähnliche Meldungen sind den heimischen Medien noch immer eine Schlagzeile wert. Denn tatsächlich ist es hierzulande eine Rarität, wenn eine Frau einen typisch „männlichen“ Beruf ergreift. Dabei wäre es gerade für die Mädchen wichtig, sich von den traditionellen Berufsbildern und Ausbildungsmustern zu trennen. Denn viele der herkömmlichen Frauenberufe entsprechen heute nicht mehr den Bedürfnissen der Wirtschaft.

Wenn die Frauen die Wahl ihrer Ausbildung in Zukunft nicht

überdenken, nehmen sie sich damit selbst die Chance auf einen beruflichen Aufstieg, eine ordentliche Bezahlung und in vielen Fällen sogar auf einen Arbeitsplatz.

In Österreich sind nicht nur in den Führungsetagen der Unternehmen und Institutionen hauptsächlich Männer anzutreffen (nur knapp acht Prozent der führenden Angestellten sind Frauen), Männer dominieren auch in den technischen und den meisten handwerklichen Berufen.

So standen nach den Zahlen aus dem Mikrozensus 1987 in den technischen Berufen 11.000 Frauen 124.800 Männern gegenüber. Ähnlich sehen die Verhältniszahlen in den handwerklichen Berufen aus. Immerhin gab es im vergangenen Jahr bereits 16.100 Elektrikerinnen und 2.300 Schmiedinnen, Schlosserinnen oder Werkzeugmacherinnen.

Die Domäne der Frauen bleibt weiterhin der Dienstleistungs-, Handels- und Büro&ereich. Häufig arbeiten Frauen auch als Lehrerinnen oder Erzieherinnen, immerhin waren 1987 knapp 92.000 Frauen in dieser Sparte tätig.

Auch die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen sind auffallend hoch. Nach Ergebnissen vom September 1987 (Mikrozensus) sind dies bis zu 40 Prozent bei gleicher Qualifikation. Nach Angaben von Gudrun Biffl vom Wirtschaftsforschungsinstitut ist diese Lohndifferenz in Österreich seit 1950 gleichgeblieben. Zum Vergleich: In Schweden gibt es praktisch keinen Unterschied mehr zwisehen Männer- und Frauenlohn.

Mangelnde Ausbildung kann kaum mehr als Grund für diese Unterschiede gelten. Denn die Frauen haben stärker von der Bildungsexplosion profitiert als die Männer. So ist der Anteil der weiblichen Akademikerinnen an der Bevölkerung von 1971 bis 1981 von einem auf 2,3 Prozent angestiegen, hat sich also mehr als verdoppelt. Der Männeranteil stieg in dieser Zeit nur um ein Drittel auf 4,8 Prozent. Mädchen drängen auch immer stärker in allgemein-und berufsbildende höhere Schulen sowie in Fachschulen. 1981 gab es in Österreich bereits mehr Frauen mit einem solchen Schulabschluß als Männer. Deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es aber nach wie vor im unteren Bereich: Immerhin hatten 1987 noch fast 40 Prozent aller berufstätigen Frauen nur Hilfsarbeiterqualifikation, also nur Pflichtschulabschluß, bei den Männern nur mehr knapp 32 Prozent.

Leider schützt aber die höhere Bildung die Frauen - im Gegensatz zu den Männern — nicht vor Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Die Mädchen treffen offensichtlich die falsche Auswahl. Nach wie vor drängen sie in Handels- und Fremdenverkehrsberufe, ins Büro oder zur Friseurlehre. Eine Studie des österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (ÖIBF) vom Oktober 1986 ergab, daß weit mehr als 80 Prozent der arbeitslosen Lehrabsolventen damals eine Stelle in diesen wenigen Berufen suchten.

Aber auch bei den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen treffen Mädchen meist eine typisch „weibliche“ Auswahl: Handelsschule, Handelsakademie und das „Wirtschafts-kundliche“ bleiben Favoriten, ungeachtet der Tatsache, daß die Wirtschaft im Zuge der Umstrukturierungen durch neue Technologien immer weniger Absolventen dieser Schultypen braucht.

Ilan Knapp vom ÖIBF meint dazu: „Burschen streben scharenweise in die Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) und haben damit beste Berufsaussichten. Mädchen setzen weiter auf Büroberufe.“ Neuesten Zahlen zufolge ist der Anteil der Mädchen an der HTL zwar auf 16 Prozent gestiegen, doch die Burschen dominieren.

Ein ähnliches Bild bieten die Universitäten. Studentinnen, die immerhin bereits 44 Prozent aller Hochschüler ausmachen, bevorzugen nach wie vor humanistische Fächer, die Dolmetsch-Ausbildung und Pharmazie, aber kaum technische Studien, deren Absolventen die Wirtschaft dringend benötigt. Im Wintersemester 1987/88 betrug der Anteil der weiblichen Hörer in Elektrotechnik 2,1, in Maschinenbau 2,3 und bei den Montanwissenschaften 6,7 Prozent.

Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben Frauen aber nicht nur wegen ihrer Ausbildung. Wer Familie und Kinder haben will, wird meist für einige Zeit aus dem Berufsleben herausgerissen. Der sogenannte Wiedereinstieg nach der „Familienphase“ ist in vielen Berufen schwierig bis unmöglich.

Nicht von ungefähr streben so viele Frauen in den Lehrberuf. Denn sind Lehrerinnen erst einmal pragmatisiert, können sie fast immer nach der Geburt eines Kindes bis zu drei Jahren zu Hause bleiben, ohne den Arbeitsplatz zu verlieren. Diese und ähnliche Vorteile haben in Österreich nur noch Bundes- und die meisten Landesbediensteten sowie Mitarbeiterinnen einiger Firmen wie der Verbundgesellschaft oder der ÖMV Handels AG.

Unerreicht sind hierzulande aber Modelle wie jenes von BASF in Deutschland, wo Mütter und Väter wahlweise bis zum Ende des ersten Schuljahres ihres Kindes zu Hause bleiben können und dann an gleichwertiger Stelle wieder im Betrieb aufgenommen werden. Diese Mitarbeiter nehmen während ihrer Karenzierung Urlaubsvertretungen und dergleichen wahr und können sich beruflich weiterbilden.

Gleiche Chancen am Arbeitsmarkt für Mann und Frau müssen nicht Utopie bleiben. Notwendig sind nach Ansicht von Bildungsexperten ausreichende Information der Mädchen über ihre Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten, Erweiterung dieser Möglichkeiten und verstärkte Angebote zur Weiterbildung. Eine wichtige politische Forderung ist die nach einem verlängerten Karenzurlaub mit Beschäftigungsgarantie und Fortbildungsangeboten.

Schließlich müßten auch die Männer einsehen, daß Gleichberechtigung im Erwerbsleben mehr als ein schönes Wort sein muß. Denn, so Ilan Knapp: „Wir können es uns in Zukunft nicht leisten, auf die Frauen zu verzichten.“

Die Autorin ist Chefredakteurin von „Ehe und Familie'4.

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