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Die Retter kommen wieder zu spät

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Kroatien versteht Europa nicht mehr. Nach dem Verlust von einem Drittel des Landes verschlimmert sich die Lage stündlich. Jetzt geht es nicht mehr um „urserbisches" Gebiet, Zagreb ist bedroht. Die Kroaten fragen, ob sie je wieder ein einheitliches Land haben werden.

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Kroatien versteht Europa nicht mehr. Nach dem Verlust von einem Drittel des Landes verschlimmert sich die Lage stündlich. Jetzt geht es nicht mehr um „urserbisches" Gebiet, Zagreb ist bedroht. Die Kroaten fragen, ob sie je wieder ein einheitliches Land haben werden.

Der kroatische Franziskanerprovinzial, Medienfachmann und politische Beobachter Mirko Matausic stellt in einem Gespräch mit der FURCHE die Frage, ob Europa mit seiner Politik „die Agonie unseres Volkes verlängern will". „Was will die EG eigentlich erreichen? Wir brauchen die Anerkennung, dann könnten wir als selbständiges Land Bündnispartner suchen, je früher desto besser, sonst gibt noch mehr Tote."

Nach den Worten Matausics hat es keinen Sinn, Jugoslawien künstlich am Leben zu erhalten. „Nachdem soviel Blut geflossen ist, kann Jugoslawien nicht mehr weiterbestehen, man muß den Zerfall endlich zur Kenntnis nehmen." Nach Slowenien und Kroatien hat auch Mazedonien eine Unabhängigkeitserklärung abgegeben. Bei einem Besuch in Bosnien-Herzegowina konnte sich Matausic vor kurzem vom Willen der dort lebenden Moslems und Kroaten überzeugen, eine selbständige Republik anzustreben.

Millionen Flüchtlinge?

Europa müsse mit ein bis zwei Millionen Flüchtlingen rechnen, sollten die Serben in Kroatien siegen, meint Matausic. Er weist darauf hin, daß es in diesem Krieg nicht um einen ethnischen Konflikt, sondern um den ideologischen Kampf zwischen Tota-litarismus und Demokratie geht. „Jugoslawien ist deswegen zerfallen, weil es hier demokratische Wahlen gegeben hat. Als Demokratie kann Jugoslawien nur in einem losen Bund oder gar nicht bestehen. Die Aufrechterhaltung einer starken Zentralmacht, wie sie die Serben aufgrund ihrer Mentalität fordern, läßt sich nur mittels einer Diktatur durchsetzen."

Manche Serben kapierten, daß dieser Krieg längerfristig nur Serbien schade, meint Matausic und verweist auf jene kleine Friedensgruppe im Zentrum Belgrads, die dort versuche, vollständige Informationen über die Situation in Kroatien unter die Leute

Der Rosenkranz als letzte Hoffnung für die alte Frau aus Osljek

(AP)

zu bringen. Sonst gehe es den Serben nur um Landgewinn.

Die Bevölkerung bringt Präsident Franjo Tudjman wegen seiner vorsichtigen Politik gegenüber den Serben und der Bundesarmee immer deutlicher Unverständnis entgegen. Um die Gegner nur ja nicht zu provozieren, würde die kroatische Nationalgarde sogar von Orten abgezogen, die man zurückerobern hätte können. Das sei ein Spiel zwischen demonstrierter Schwäche und selbstbewußter Drohung. Die große Frage der Kroaten ist die nach der Möglichkeit, das von Serben besetzte und kontrollierte Gebiet im Süden und Osten zurück zuerobern. „Sollen die Kroaten ihr Territorium befreien oder unter serbischem Kommando leben?"

Matausic erinnert an das Beispiel Kuweit. Dort seien „die Retter" erst nach der Zerstörung des Landes gekommen. Kroaten fragen, „ob hierher überhaupt Retter kommen werden". Die Habsburger - so Matausic - hätten die Türken, die die südslawischen Völker bereits unterjocht hatten, auch erst zu bekämpfen begonnen, als es ihnen selbst an den Kragen ging. „Man muß rechtzeitig helfen. Kroatien hätte es damals verdient und verdient es auch heute. Wir gehören zum Westen, Serbien hat eine andere Kultur. Man darf nicht erst dann eingreifen, wenn man selbst bedroht wird. Und die Serben werden nicht halt machen, wenn sie einmal Kroatien besitzen."

Kritik an Tudjman

Präsident Tudjman verweist immer darauf, daß es gar nicht möglich sei, eine andere Politik zu betreiben. Kroatien besitzt kaum schwere Waffen, im freien Feld ist die Nationalgarde der Bundesarmee und den serbischen Freischärlern unterlegen, Chancen sieht man nur im Guerillakampf in den Bergen oder in den Städten.

Hinsichtlich der Kritik an Tudjman, er habe den Serben in Kroatien zu wenig Rechte gegeben, betont Matausic, daß dies nicht zum Kampf der Serben geführt habe. Die Tschetniks hätten sogar Dörfer und Städte angegriffen und regelrecht erobert, in denen ohnehin die serbische Mehrheit - teilweise auch kommunistisch ausgerichtet - an der Macht gewesen sei.

Zu Wochenbeginn machten die Zagreber erste Bekanntschaft mit den Luftschutzkellern. Am Montag gab es zweimal Alarm. Die Franziskaner haben ihre Seminaristen und Studenten in den Keller geschickt, der Gottesdienst am Abend wurde nicht in der Kirche, sondern im Refektorium im Erdgeschoß abgehalten. Autos dürfen in Zagreb am Abend nur mit Lichtschutz fahren, die Reklameleuchttafeln sind abgeschaltet, die Fenster verdunkelt. Gefahr droht Zagreb aus den von Polizei und Nationalgardisten blockierten Kasernen. „Wenn die Polizei die Kasernen stürmt, dann wird auf die Stadt geschossen", sagt Matausic, der in diesem Zusammenhang General Raseta zitiert, der in einer Pressekonferenz am Montag gewarnt habe, „daß sich die Armee verteidigen wird".

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