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Die sowjetische Herausforderung

Zzunächst einige wichtige Daten aus der 99 Seiten umfassenden Pentagon-Studie:

• Die sowjetischen Bodenstreitkräfte sind inzwischen auf 180 Divisionen (motorisierte, Panzer- und Luftlandedivisionen) angewachsen. Insgesamt hat Moskau heute 4,8 Millionen Mann unter Waffen.

• Einsatzbereite Panzer verfügen die Sowjets über 50.000, außerdem über 20.000 Artilleriegeschütze. Den Panzerdivisionen stehen immer mehr die moderneren, besser bewaffneten und schnelleren Tanks der Typen T-64 und T-72 zur Verfügung.

• Zur direkten Unterstützung der Bodentruppen in Kampfgebieten sind inzwischen schon 5200 Hubschrauber in den Dienst gestellt worden, wobei die Zahl der

Kampfhelikopter-Typen Mi-8 und Mi-24 (siehe Foto oben) ständig zunimmt.

• Von der vieldiskutierten SS-20-Mittelstreckenrakete sind bis Juli 1981 schon 250 Stück in Stellung gebracht worden, jede einzelne ausgerüstet mit drei Sprengköpfen. 175 SS-20 mit 525 Sprengköpfen sind auf Europa gerichtet, die restlichen auf China und Japan.

• Das strategische Arsenal der Sowjetunion umfaßt inzwischen über 7000 Kernsprengköpfe, verteilt auf 1398 landgestützte Interkontinentalraketen (ICBM), 950 U-Boot-gestützte Interkontinentalraketen (SLBM), 156 Langstreckenbomber (die 150 Backfire-Bomber, die ebenfalls als Kernwaffenträger in Frage kommen, nicht miteingerechnet).

• Daß die Rote Armee dauernd mit modernstem Material ausgerüstet wird, dafür sorgen 135 zentrale Waffenschmieden mit 3500 Zulieferbetrieben. Die Zahl der Wissenschafter und Techniker, die in der Sowjetunion in der militärischen Forschung und Entwicklung tätig sind, wird auf 900.000 geschätzt (im Vergleich zu etwa 600.000 in den USJA).

• Der Verteidigungssektor insgesamt genießt in der industriellen Produktion der UdSSR höchste Priorität, das zeigt sich nicht nur im Anwachsen der Rüstungsindustrie in den letzten 25 Jahren, sondern auch in der Entwicklung und Indienststellung ständig neuer Waffensysteme; kein Land der Erde tut in dieser Hinsicht mehr.

• Um ihre Macht in allen Teilen der Welt auszudehnen und zu festigen, haben die Sowjets verschiedenste Instrumente der Expansion parat, um einen „Partner“ für sich zu gewinnen beziehungsweise unter direkten Einfluß zu bringen: Waffenverkäufe, Militärberater, Wirtschaftshilfe, das Vorschicken von Stellvertretern, Verträge, Subversion, Luftlande- und Spezialeinheiten, die Marine.

• Fazit des Dokuments: Die kombinierten Fähigkeiten der sowjetischen Bodentruppen, strategischen Raketen-Streitkräfte, Luftwaffe, Luftabwehr und Marine sind darauf gerichtet, die Ausdehnung der sowjetischen Macht nach außen zu gewährleisten und den politischen, wirtschaftlichen und militärischen "Einfluß des Kremls rund um die Welt zu festigen. „Das ist die Herausforderung, der wir gegenüberstehen“, schließt die Pentagon-Studie.

Einer solchen Veröffentlichung haftet natürlich der etwas saure Beigeschmack von Regierungspropaganda an, wenngleich Verteidigungsminister Caspar Weinberger anläßlich der Präsentation versicherte, daß die Studie „so sachlich wie möglich ... den Charakter und das Ausmaß der sowjetischen Aufrüstung“ darzustellen versuche.

Das mag im großen und ganzen auch stimmen. Was frappierte, war der Zeitpunkt der Veröffentlichung — wenige Tage bevor US-Präsident Ronald Reagan das neue amerikanische Nuklearprogramm bekanntgab—und die Tatsache, daß amerikanische Vergleichszahlen fast überhaupt nicht vorkommen.

Deshalb erweckt die Studie auch den Eindruck, ob die Sowjets den Amerikanern inzwischen schon in allen militärischen Gebieten mehr oder weniger überlegen oder mit ihnen zumindest gleich auf sind - sogar im technologischen Bereich. Träfe dies zu, müßte man wohl auch von einem bedrohlich gewordenen Ungleichgewicht im militärischen Kräfteverhältnis zwischen den beiden Supermächten sprechen.

Hingegen geht das Londoner

IISS (siehe Stichwort Seite 2) in seinem jüngsten Jahresbericht nach wie vor von einem funktionierenden Kräftegleichgewicht zwischen den beiden Supermächten aus, wobei der Westen nach wie vor über die bessere Technologie (also: Qualität) verfüge, während die UdSSR im konventionellen Bereich und quantitative Vorteile aufzuweisen habe. Allerdings: Die Rüstungsbilanz verschiebe sich stetig zugunsten des Ostens- ein Trend, der Gegenmaßnahmen des Westens erfordere.

Was stimmt nun: die These von der allgemeinen sowjetischen Überlegenheit, der auch die Verfasser des Pentagon-Dokuments zuzuneigen scheinen — oder die von den Experten des unabhängigen IISS vertretene Auffassung, daß das militärische Gleichgewicht zwischen Ost und West (noch) intakt sei? Ein Blick auf die strategischen Atomarsenale der beiden Supermächte hilft bei der Beantwortung dieser Frage etwas weiter:

Tatsache ist (dies unterstreicht auch das Londoner IISS), daß die Sowjetunion während der siebziger Jahre in technischen Dingen enorm aufgeholt hat — nicht zuletzt dank intensivem Technologie-Transfer aus dem Westen: im strategischen Bereich betrifft dies vor allem die Mehrfachsprengköpfe, die Treffgenauigkeit, also die Raketen-Leitungs-Technik und die Kommando-Kontroll- und Kommunikationssystem (K3).

Diese Entwicklungen erlauben es zunehmend auch der Sowjetunion, ihre strategischen Nukle-ar-Raketen auf militärische und industrielle Installationen und Einrichtungen in den USA zu richten — miteingeschlossen Ra-

keten-Silos und Kommandozentralen.

Die fortgeschrittene Technologie eröffnet somit beiden Seiten die Möglichkeit eines begrenzten und kontrollierten atomaren Erstschlags, nämlich um die Landraketen der gegnerischen Seite auszuschalten und so die entscheidenden militärischen und politischen Vorteile für sich zu verbuchen (sprich: den Gegner zur Aufgabe zu erpressen). Die optimale Abschreckung durch die beiderseits gesicherte Vernichtungsfähigkeit (MAD = Mutual Assured Destruction) scheint damit nicht mehr gewährleistet und also öffnet sich auch für die USA ein „Fenster der Verwundbarkeit“.

Die Pentagon-Studie geht darauf ein: „Zusammen haben diese Systeme (die sowjetischen landgestützten Interkontinentalraketen) die Fähigkeit, einen großen Prozentsatz der mehr als 1000 amerikanischen ICBM-Abschuß-vorrichtungen zu zerstören, wobei nur ein Teil des Gesamtpotentials eingesetzt werden muß.“

So gesehen ist die Pentagon-Studie Wasser auf die Mühlen jener Gruppe amerikanischer Mili-tärexpeften, die schon seit Jahren die Mär von der sowjetischen Überlegenheit auf allen Gebieten predigt und überzeugt ist, daß die gesamte Atomstrategie des Kremls darauf aufbaut, ein Atomkrieg sei zu gewinnen und sei Bestandteil der Moskauer Welteroberungspläne. US-Präsi-dent Reagan selbst stieß öfters in dieses Horn.

Zwar wird theoretisch die Fähigkeit der sowjetischen ICBM, die amerikanischen Landraketen zu zerstören, tatsächlich immer größer, aber was bei der inneramerikanischen Diskussion über die „Verwundbarkeit“ ihres landgestützten Atomarsenals gerne unter den Tisch gefallen, lassen wird:

• Es ist wenig wahrscheinlich, daß ein sowjetischer Entwaffnungsschlag überhaupt gelingen könnte. Denn Wind, Wetter, der Einfluß des irdischen Magnetfeldes oder gar Schwankungen der Erdgraviation erlauben wohl kaum Volltreffer in alle der insgesamt 1056 amerikanischen ICBM-Silos.

• Die USA haben 32 Prozent ihrer Trägerwaffen (mit 50 Prozent der atomaren Sprengköpfe) auf U-Booten, 17 Prozent (mit 26 Prozent der Nuklearsprengköpfe) auf ihrer Bomberflotte und 51 Prozent (mit „nur“ 24 Prozent der Sprengköpfe) auf Interkontinentalraketen aufgeteilt.

Schalten die Sowjets also, theoretisch, mit einem Erstschlag die landgestützten Trägerwaffen der USA aus, kann der amerikanische Präsident immer noch die Seeraketen oder die luftgestützten Raketen gegen Ziele in der UdSSR einsetzen. Und die sind mit immerhin drei Vierteln der 9200 amerikanischen atomaren Sprengköpfe (wobei der kleinste über die dreifache Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe ver> fügt) bestückt.

Für die Sowjets schaut die Aufteilung der Atom-Arsenale bei weitem nicht so günstig aus.

So weit offen kann also das „Fenster der Verwundbarkeit“ gar nicht sein und wie das neue amerikanische Nuklearpro-

gramm zeigt, scheint man dies auch in der US-Regierung erkannt zu haben. Das erklärt vielleicht auch, warum Reagan auf das sündteure unterirdische Stationierungssystem der MX-Inter-kontinentalrakete verzichtet hat und sie stattdessen vorerst in vorhandenen, aber verstärkten Raketensilos unterbringt.

Zumindest was den strategischen Bereich anlangt, sollte man sich also von allzuviel Schwarzmalerei in der Pentagon-Studie nicht täuschen lassen. Ganz gewiß aber stimmt das in diesem Dokument gezeichnete Bild der sowjetischen Bedrohung im eurostrategischen Bereich (Stichwort SS-20), das steht auch für das Londoner IISS außer Frage.

Das Kräfteverhältnis auf dem eurostrategischen „Theater“ und das wachsende sowjetische Eingreifpotential (vom IISS ebenfalls festgestellt) sind auch jene beiden Bereiche, die die Gegenspieler Moskaus im Pentagon offensichtlich die Alarmglocken läuten ließ:

Wohl weniger, um die US-Bür-ger zu warnen, sondern die - aufgrund des zunehmenden inneren Drucks der Friedensbewegungen — amerikanischen Rüstungswün-schdn gegenüber immer widerspenstiger werdenden europäischen NATO-Verbündeten. Ob in dieser Hinsicht eine 99seitige Studie über die sowjetische Militärmacht etwas nützen wird?

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