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Die spanische Puppe der Frau von Pernstein

Es wird kaum einen Besucher Prags geben, der bei seinen Wanderungen durch die Altstadt und die Kleinseite nicht auch eines Tages auf die Kirche „Maria vom Siege" stößt, und beim Betreten dieser Barockkirche jene Statue erblickt, die wie der heilige Johannes von Nepomuk eine weltweite Verehrung, besonders in Lateinamerika, aber auch in Europa und Asien genießt: die Figur des „Prager Jesuleins", die sich in einem Glasschrein auf einem Altar aus grauem Marmor auf der rechten Seite der Kirche befindet.

Die Kirche, in der es steht, ist eine ehemalige Karmeliterkirche, die Kaiser Ferdinand II. im Jahre 1624 erbauen ließ und samt dem angrenzenden Klostergebäude dem Orden schenkte, weil er sich diesem zu besonderem Dank verpflichtet fühlte. Der General des Ordens, Domenicus a Jesu Maria, ein Spanier, hatte wesentlich zum Sieg der kaiserlichen Waffen bei der entscheidenden Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620 beigetragen: Zu Beginn der Schlacht war er, ein Marienbild in den Händen haltend, den kaiserlichen Truppen vorangeritten und hatte sie so zum Sieg geführt.

Aber nicht nur Domenicus a Jesu Maria stammte aus Spanien, sondern auch jenes „Prager Jesuskind", das so inbrünstig verehrt wird. Die Geschichte, wie diese Statue nach Prag gelangte, klingt fast wie ein Märchen.

Es war einmal ein König - so beginnt dieses Märchen -, der herrschte über ein großes und reiches Königreich. Aber er war immer traurig, war er doch einsam, denn er hatte keine glückliche Frau an seiner Seite, und keine lachenden Kinder bevölkerten seinen Palast. Da hörte er plötzlich, daß in einem fernen Land eine Schwester des dortigen Königs ebenso einsam und verlassen lebte und darauf wartete, gefreit zu werden. Rasch entschloß sich der König, in jenes ferne Land zu reisen und um die Hand der Prinzessin anzuhalten. Und so geschah es: Im fernen Land angekommen, traf er die Prinzessin. Beide waren entzückt voneinander und heirateten sogleich. Es wurde eine sehr glückliche, mit vielen Kindern gesegnete Ehe.

Und die Auflösung des Märchens: Jener König, der in dem großen reichen Land lebte, war niemand anders als Maximilian IL, der älteste Sohn Ferdinands I., der seinem Vater nicht nur in der Würde eines römischen Kaisers, sondern auch in der eines Königs von Böhmen und Ungarn, sowie als Herrscher von Ober- und Niederösterreich nachfolgte und in diesen Ländern von 1564 bis 1576 regierte.

Maximilian IL, geboren 1527, verbringt seine Jugend fast ausschließlich in der Umgebung seines Onkels, Kaiser Karls V., dessen Krone ja zunächst der jüngere Bruder Karls, Ferdinand L, und dann dessen ältester Sohn, eben Maximilian, erben soll. Mit dem Kaiser zieht er von Reichstag zu Reichstag, nimmt auch an allen Kriegen teil. Es ist eine sehr praktische Schule, in die Karl V. den künftigen Erben gehen läßt. Um ihn noch näher an sich zu binden, vereinbart Karl V. mit seinem Bruder Ferdinand I., daß Maximilian seine Tochter Maria, eine Schwester des späteren spanischen Königs Philipp IL, Maximilians Cousine, heiraten soll. Die Hochzeit wird für das Jahr 1548 festgesetzt.

Maximilian reist zunächst nach Augsburg, um sich von dem dort weilenden Karl V. zu verabschieden und letzte Instruktionen entgegenzunehmen. Von dort aus beginnt er seine Brautfahrt am 11. Juni, die ihn über München, Innsbruck, den Brenner, Trient und Mailand nach Genua führt, wo schon mehrere spanische Schiffe ankern, die ihn und sein großes Gefolge nach Spanien bringen sollen.

Zu diesem Gefolge gehören auch zwei adelige Herren aus dem böhmischen Königreich, ein Herr von Dietrichstein aus Nikolsburg und ein Herr von Pernstein aus dem gleichnamigen Schloß, der trotz des deutschen Namens uraltem tschechischen Adel entstammt.

Kaum angekommen, ehelicht Maximilian die ihm zugedachte Braut und beginnt sein Leben in Spanien. Zwei Jahre soll er dort für Philipp IL, der inzwischen sein burgundisches Reich inspizieren will, als Statthalter amtieren. Sein Vater Ferdinand L, der nur Latein, Französisch und Spanisch sprach, als er nach Österreich kam, und deshalb mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, da alle Gespräche über Dolmetscher geführt werden mußten, hatte seine Kinder jene Sprachen erlernen lassen, die sie einmal benötigen würden, und dazu gehörte .nicht nur Spanisch, sondern auch Französisch, Italienisch, Tschechisch und sogar Ungarisch. So kann sich Maximilian von Anfang an mit jedem in Spanisch unterhalten. Trotzdem fällt ihm die Eingewöhnung sehr schwer. Die Lebensart der Spanier und das ganze Land stoßen ihn ab, so daß er den Augenblick herbeisehnt, in dem er es wieder verlassen kann.

Im Gegensatz zu Maximilian gefällt es aber dem Herrn von Dietrichstein außerordentlich gut in Spanien, wohl auch deshalb, weil er sich sogleich in eine schöne spanische Seno-rita aus gutem adeligen Geschlecht, das in besten Beziehungen zur königlichen Familie steht, verliebt und diese auch kurz entschlossen heiratet. Maximilian benützt diese Verbindung, um den Herrn von Dietrichstein zu seinem Gesandten in Madrid zu machen, wobei er ihn noch schnell in den Fürstenstand erhebt, damit er in Spanien ein entsprechendes Ansehen genießt. Die Historiker müssen Maximilian für diesen Entschluß sehr dankbar sein, denn Dietrichstein ist ein fleißiger Gesandter, der viele und ausführliche Berichte schreibt, die sich als hervorragende Quellen zur spanischen Geschichte erweisen sollen. Insbesondere beziehen sich fast alle Studien über das Leben und die Tragödie des ältesten Sohnes Philipps IL, des Don Carlos, auf diese Quellen.

Auch der zweite böhmische Herr aus dem Gefolge Maximilians, der Herr von Pernstein, verliebt sich in eine spanische Dame, die, nicht minder schön, ebenfalls aus bestem Hause stammt. Sie heißt Maria Maximiiiana Manriquez de Lara. Er muß jedoch erleben, daß die Angebetete all sein Werben und den Wunsch sie zu ehelichen, ausschlägt. Denn die Spanierin ist natürlich Katholikin, während Pernstein der sogenannten „böhmischen Konfession" angehört, einer Konfession zwischen Protestantismus und Hussitismus, und es erscheint ihr unmöglich, als strenge Katholikin einen „Ketzer" zu heiraten. Aber Pernstein hingegen gibt keine Ruhe und scheint doch auch bei ihr Gefallen gefunden zu haben, denn eines Tages erklärt sie ihm, er könne ihr Jawort erhalten, wenn er den katholischen Glauben annähme. Pernstein muß diese Frau sehr geliebt haben, denn zuletzt erfüllt er ihre Forderung und tritt tatsächlich zur katholischen Kirche über. Außerdem zwingt er alle seine Familienmitglieder, ebenfalls KathoiiKen zu weroen, damit seine Künftige Gemahlin nicht in einer protestantischen Umgebung leben muß.

Im Jahre 1555 fand die Hochzeit statt und bald darauf machte sich die junge Frau von Pernstein zur Reise in ihre neue Heimat auf. Rückblickend muß man den Mut dieser Frau bewundern. Sie zieht in ein Land, in dem sie außer ihren Mann niemanden kennt, in ein Land, dessen Lebensgewohnheiten ihr ebenso fremd sind wie dessen Sprache. Sie muß sich bei ihrem Abschied gewiß sein, daß es ihr wohl niemals vergönnt sein würde, Spanien, ihre Eltern und Geschwister wiederzusehen. Trotz dieser Bedenken folgt sie ihrem Angetrauten in dessen Heimat. Als Erinnerung an ihre alte Heimat nimmt sie eine recht große Holzpuppe mit, mit der sie als Kind immer gern gespielt hat.

Die Ehe scheint recht glücklich zu sein. Bald kommt ein Mädchen auf die Welt, das auf den Namen Polyxe-na getauft wird. Erwachsen geworden, heiratet diese Polyxena bald einen Wilhelm von Rosenberg, einen Angehörigen des reichsten böhmischen Adelsgeschlechts, dem praktisch ganz Südböhmen gehört, und nach dessen frühen Tod einen Herrn Zdenko von Lobkowicz, der durch 30 Jahre den Posten eines Oberkanzlers von Böhmen bekleidet. Als ihre Mutter 1608 stirbt, erbt Polyxena die spanische Puppe. Im Jahre 1628 übergibt Polyxena von Lobkowicz diese Figur den Karmeliterpatres in Prag. Überliefert sind bis heute die Worte, mit denen sie ihre Schenkung begleitete: „Meine Väter, hiermit übergebe ich Ihnen, was mir am teuersten ist. Verehren Sie dieses Bildnis, dann wird Ihnen nichts mangeln." Die Karmeliterpatres nehmen gerne das lieblich blickende Kind in ihre Obhut, ziehen ihm ein blaues Kleid über und stellen es in ihrem Offertorium zur Verehrung auf, wobei sie, einer spanischen Karmelitertradition folgend, erklären, diese Statue sei ein Abbild des himmlischen Jesuskindes. Das „Prager Jesulein" ist geboren.

Das neue Andachtsbild erfreut sich sehr bald großen Zuspruchs. In Scharen strömen die Menschen herbei, um vor dieser Figur niederzuknien. Vielleicht sind sie von der Lieblichkeit des Bildes fasziniert; oder kommen die Andachten, die die Karmeliterpatres vor dem „Jesulein" halten, den religiösen Bedürfnissen der Menschen besonders entgegen? Nicht lange sollte sich das „Prager Jesulein" solcher Beliebtheit erfreuen. Die Zeiten sind rauh, in der Welt wütet der Dreißigjährige Krieg, der auch Böhmen immer wieder in Mitleidenschaft zieht. Noch und noch ziehen Heerscharen durch das Land, eigene und fremde, und verwüsten es.

Im Herbst 1631 besetzen sächsische Truppen Prag, sie bleiben fast ein halbes Jahr dort, setzen überall in den katholischen Kirchen protestantische Prediger ein, so auch in der Karmeliterkirche, plündern immer wieder die Prager Paläste, Kirchen und Klöster. Auch die Karmeliterkirche suchen sie heim, und bei einer solchen Plünderei reißt ein Soldat die Figur des „Prager Jesuleins" von seinem Platz und wirft sie hinter den Altar. Nicht nur, daß dabei dem „Jesulein" beide Arme gebrochen werden, es bleibt von nun an verschollen.

Bis 1635 liegt es hinter dem Altar, dann endlich findet es zufällig ein Priester, sieht die gebrochenen Arme und Hände und bittet den Prior, ihm Geld zu geben, um diese reparieren zu lassen. Aber das Kloster ist ganz verarmt und der Prior muß ihm die Bitte abschlagen. Endlich gibt ein Spender das nötige Geld für die Reparatur und das so wiederhergestellte „Jesulein" wird vor der Tür zur Sakristei aufgestellt. Doch den Patres gefällt der Platz nicht und so bauen sie eine eigene Kapelle für das Bildnis. Nachdem ihnen auch dieser Ort nicht behagt, stellen sie die Figur auf den Hochaltar, finden aber dann, daß auch dies nicht gut sei, weil dadurch die Feier der Liturgie gestört werde. Inzwischen ist die Figur sogar einmal gestohlen, aber wieder gefunden worden. Als schließlich die Schweden Prag besetzen und die ganze Stadt plündern, geschieht dem Kloster und der Kirche nichts. Beide erhalten sogar einen Schutzbrief. 1648 ist der schreckliche Krieg zu Ende. Auf der Karlsbrücke finden die letzten Kämpfe zwischen den Schweden und den Kaiserlichen statt, die von den Prager Studenten unterstützt werden. Endlich zieht Friede ins Land ein, alles kann aufatmen.

Und mit dem Frieden beginnt eine Zeit des Wiederaufbaues. Es ist die große Epoche des böhmischen Barock, in der in Prag unzählige Kirchen und Klöster entstehen. Zugleich ist es eine Zeit der religiösen Wiedergeburt. Die Menschen wenden sich wieder mehr Gott zu und auch die Verehrung des „Prager Jesulein" wächst ständig. Missionare, die aus Böhmen kommen und nach Amerika, Afrika oder Asien reisen, um diese Erdteile zu missionieren, nehmen oft eine Kopie des „Jesulein" mit und verbreiten seinen Kult überall, so daß sein Bild oder eine Kopie der Figur auf der ganzen Welt anzutreffen sind.

Im Jahre 1655 stiftet ein reicher böhmischer Aristokrat eine kleine Krone - sie ist eine Nachbildung der ru-dolfinischen österreichischen Kaiserkrone - und mit ihr wird das „Jesulein" feierlich gekrönt. Fleißige Aristokratinnen fertigen prächtige Gewänder aus Samt und Seide, mit Gold bestickt, und je nach der liturgischen Zeit wird das Kind mit Kleidern in den entsprechenden Farben bekleidet. Auch ein Hermelinmantel wird dem „Jesulein" gestiftet und so stellt es sich in geradezu königlicher Pracht den Besuchern aus aller Welt dar. 1741 findet man endlich den richtigen Platz: auf der rechten Seite der Kirche wird ein Altar aus grauem Marmor erbaut und über dem Altar das „Prager Jesulein" in einem neuen großen Glasschrank ausgestellt. Und dort steht es bis heute. Einmal erhielt es ein Gewand von besonderer Seite: Maria Theresia, die das „Jesulein" ebenfalls sehr verehrte, bestickte ihm zu Ehren ein Gewand aus grünem Samt mit viel Goldzierat, wozu die Kaiserin sicherlich viel Zeit benötigte.

Derjosephinische Klostersturm, der in Österreich über 700 Klöster auflöste, machte auch vor der Niederlassung der Karmeliter auf der Prager Kleinseite nicht halt. 1784 wurde das Kloster aufgelöst. Aber die Kirche wurde nicht säkularisiert, sondern blieb als Kirche erhalten. Sie wurde dem Malteserritterorden zur Verwaltung übergeben, der sein Wappen, den berühmten achteckigen Stern, auf allen Altären anbringen ließ. Auch der Reichsapfel, den man dem „Jesulein" in die Hand drückte, trägt an seiner Spitze ein Malteser Kreuz. Der Altar mit dem „Prager Jesulein" blieb erhalten und ist bis heute eine Sehenswürdigkeit, mehr noch, eine Zufluchtsstätte für Menschen aus aller Welt, die Hilfe erflehen und Trost suchen, und deren gibt es auch heute genug.

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