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Die Stahlindustrie hat Zukunft

1945 1960 1980 2000 2020

Der Automation in der Stahlindustrie war ein internationales Symposium in Wien gewidmet. Wohl gibt es keine Patentlösungen für die derzeitigen Probleme, wohl aber Ansatzpunkte für Auswege

1945 1960 1980 2000 2020

Der Automation in der Stahlindustrie war ein internationales Symposium in Wien gewidmet. Wohl gibt es keine Patentlösungen für die derzeitigen Probleme, wohl aber Ansatzpunkte für Auswege

Diese Veranstaltung war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: durch den internationalen Charakter, durch die Vielfalt der aufgezeigten Probleme, durch die unterschiedliche, oft sogar gegensätzliche Einstellung der Sprecher wie auch der Teilnehmer, eine Einstellung, die jeder wohl mitgebracht hatte, aus dem Gesichtswinkel unterschiedlicher Ausbildung, unterschiedlicher Interessenlage und persönlicher Meinung.

Bemerkenswert war auch, daß kaum einer der Vortragenden versuchte, Prognosen zu stellen.zu polemisieren oder Patentlör sungen anzupreisen. Es war eine Veranstaltung der Sachlichkeit, der Sorge, der vielen Fragezeichen!

Der gravierendste Widerspruch besteht natürlich im Auseinanderklaffen von Kapazität und Nachfrage einerseits, Nachfrage und Bedarf andererseits. "Die weltweite Stahlkrise (auch in Japan gibt es sinkende Zuwachsraten und sogar Produktionsüberschüsse) hat viele Ursachen, aber sie alle lassen sich schließlich auf Fehlentscheidungen des Managements hinsichtlich der Investitionspolitik zurückführen.

Von 1950 bis 1970 wurde die Kapazität der Rohstahlerzeugung in den OECD-Ländern in etwa verdreifacht, was der Zunahme kaufkräftiger Nachfrage ungefähr entsprochen hat.

Als aber die Kapazitätserweiterung im gleichen oder sogar steigenden Ausmaß weiterging (nicht nur neue, größere und leistungsfähigere Einheiten schössen besonders im EG-Raum und in Japan aus dem Boden, auch neue Verfahren, wie z. B. das LD-Verfahren oder das Stranggießen, Automatisierung und Optimierung z. B. der Hochöfen und des Walzprozesses erhöhten die Kapazität) und der Markt nicht mehr mithielt, sah man sich plötzlich dem Schreckenswort „Uberkapazität" gegenüber.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel der Kapazitätserweiterung kommt aus Japan. Auf einer künstlichen, ins Meer hinausgebauten Insel entstand zwischen 1969 und 1979 ein neues, hochmodernes Stahlwerk neben dem alten Werk, das modernisiert wurde und weiter arbeitete.

Eine Verdoppelung der Rohstahlkapazität auf 22 Millionen Tonnen pro Jahr wurde mit einer um 50 Prozent höheren Beschäftigung erreicht Die neue Walzstraße etwa produziert mit 216 Arbeitern um 80 Prozent mehr als die alte Straße mit 524 Arbeitern.

Uberkapazität? Gewiß, wenn man die kaufkräftige Nachfrage als Maßstab nimmt. Die durchschnittliche Auslastung der Stahlwerke im OECD-Raum beträgt derzeit 60 Prozent. Demsteht allerdings ein weltweiter Bedarf von 1,5 Milliarden Tonnen pro Jahr gegenüber, was der doppelten Menge der derzeitigen Produktionskapazität entspricht.

Die Stahlkrise reduziert sich also, wie Herbert Hiebler (Leoben) deutlichmachte, auf ein Verteilungs- und Zahlungsproblem. Man fühlt sich in die 30er-Jahre zurückversetzt, als man in Amerika die Lokomotiven mit Weizen heizte, während Millionen Arbeitslose nichts zu essen hatten. Die einen hungerten, weil sie zu wenig bekamen, die anderen hungerten, weil sie zu viel produzierten. Soll sich dieser Wahnsinn im Computerzeitalter wiederholen?

Apropos Computer: aus Schweden wurde über ein neues Stahlwerk berichtet, bei dessen Gestaltung die Arbeiter selbst, die Vertreter der Gewerkschaft sowie Ergonomen, Soziologen und Psychologen mitgewirkt hatten. Zwei Jahre nach Aufnahme der Produktion wurde eine Untersuchung über das Befinden der Arbeiter an ihren neuen Arbeitsplätzen durchgeführt.

Fast durchwegs wurden die neugestalteten Arbeitsplätze und Einrichtungen positiv bewertet und als Verbesserung gegenüber der früheren Arbeitssituation eingeschätzt. Eine Ausnahme bildete lediglich die Ofenmannschaft, deren in vielen Jahren praktischer Arbeit erworbene Erfahrungen und Fachkenntnisse durch die Computerisierung desganzen Prozesses weitgehend entwertet, deren Arbeitsinhalt durch zusätzliche Arbeitsteilung weitgehend reduziert wurde.

Daß es auch anders geht, zeigte ein Beitrag aus Japan, wo man offenbar von der Grundauffassung ausgeht, daß eine Arbeitsorganisation im Sinne Taylors zwar eine Zerlegung des Arbeitsprozesses bedeutet, aber nicht notwendigerweise von einer Zerlegung und Sinnentleerung menschlicher Tätigkeiten begleitet sein muß.

Da man der Meinung ist, daß der Arbeiter den Arbeitsprozeß in seinem Bereich besser beherrscht und auch besser versteht als jeder übergeordnete Ingenieur oder Manager, wird die Gestaltung ihrer Arbeit weitgehend den Arbeitern selbst überlassen, die sich in der Regel für abwechslungsreichere und höherwertige Tätigkeiten qualifizieren, um den Verlust des bisherigen Arbeitsinhalts durch Computer oder andere Automatisierungsmaßnahmen wettzumachen.

Worin besteht also die Zukunft der Stahlindustrie? Wie kann sie gewährleistet werden? Hat — wenn überhaupt — nur die Industrie eine Zukunft oder auch der Mensch, der als Produzent oder als Konsument mit dieser Industrie verbunden ist?

Das Symposium hat gewiß keine Antworten geliefert, aber Fragen deutlich gemacht, Alternativen .aufgezeigt und Anregungen gegeben, über die sich jeder seine eigenen Gedanken machen muß.

So hat der Vorschlag des Gewerkschafters Josef Wille, die Arbeitszeit der europäischen Stahlarbeiter generell auf 30 Stunden pro Woche (bei vollem Lohnausgleich) zu senken, in der Öffentlichkeit eine heftige Diskussion ausgelöst. Daneben gab es zahlreiche andere Vorschläge, z. B. die Anregung, durch Produktionsdrosselung Marktanpassungen zu erreichen, sei es auf dem Weg über europäische Absprachen, sei es durch strukturelle Maßnahmen, etwa den Ausbau der Finalindustrie.

Beachtung fand auch eine Bemerkung des Vorstandsdirektors des deutschen Stahlkonzerns Hoesch, dessen Fusion mit Krupp die deutsche und wohl auch die europäische Stahlszene in neue Unruhe versetzt. Er stellte die Frage zur Diskussion, ob denn angesichts der zunehmenden Dimensionen und Komplexität moderner Riesenkonzerne, vor allem angesichts des gigantischen Kapitalbedarfs, den jede Modernisierung auslöst, solche Unternehmungen überhaupt noch in privater Hand verbleiben können.

Wenn es dem Beobachter gestattet ist, seine eigenen Gedanken und Schlußfolgerungen kurz anzudeuten, dann sieht er die Zukunft der Stahlindustrie nicht als Selbstzweck, sondern als eine Zukunft mit und durch den Menschen: nicht in der Orientierung auf einen schrumpfenden Markt, sondern auf einen wachsenden Bedarf; nicht in technischer Enthaltsamkeit, sondern durch bewußte und planmäßige Anwendung der modernsten Technik; nicht im Ersatz, sondern im vollen Einsatz menschlicher Fähigkeiten und Kenntnisse.

Aber das alles müssen leere Phrasen bleiben, wenn es nicht gelingt, technische, wirtschaftliche und organisatorische Maßnahmen dem Prozeß demokratischer Meinungs- und Willensbildung zu unterwerfen, wenn es nicht gelingt, das erwachende Selbstbewußtsein mündiger Bürger über die derzeitigen Grenzen der „Ja — Nein" Entscheidungen gegenüber Großprojekten zur schöpferischen Mitgestaltung und Mitbestimmung ihrer eigenen Arbeit zu führen.

Die Traditionen in Japan, die Experimente in Skandinavien, die Forschungen und Projekte auch österreichischer Sozial- und Arbeitswissenschafter sollten dafür hinreichende Anregungen und Ansätze bieten.

Der Autor ist Leiter der Osterreichischen Studiengruppe Automation und industrielle Arbeitnehmer. Er berichtet über das Symposium „Automation in der Stahlindustrie", das am 24. und 25. Februar 1982 in Wien stattfand.

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