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Die Stationen einer Liebe

Es gibt eine Szene, die Max nie vergessen wird. Wie gewohnt stand er am Fenster seiner Wohnung und sah hinaus auf die Straße. Er erwartete Annes Rückkehr. Erschrocken trat er plötzlich einen Schritt zurück, als er unten auf dem Bürgersteig Paul Micha entdeckte, den Kragen des grünen Lodenmantels hochgeschlagen, unsicher, nahezu ängstlich um sich blickend.

Max zog die Gardinen vorsichtig zu, so daß er von der Straße

nicht mehr zu erkennen war. Paul ging auf und ab, den Kopf gesenkt, nicht rechts noch links blik-kend.

Dann erschien Anne, sie hatte ihren Wagen in einer Seitenstraße abgestellt und zuckte zusammen, als ihr Paul plötzlich gegenüberstand. Er lächelte verlegen, als sie ihm zwei Küsse auf die Wangen gab. Anne schielte zur Wohnung hinauf, in der Max unerkannt jede ihrer Regungen beobachtete. Er glaubte zu sehen, daß Paul sie aufforderte, mit ihm zu gehen, daß sie ihm aber in eindringlichen Worten zu verstehen gab, dies sei .unmöglich. Pauls Lächeln wich zunehmend einer Hilflosigkeit, die er nicht zu verbergen wußte.

Als ein sich für kurze Zeit vor sie schiebender großer Lieferwagen den Blick wieder freigab, stand Anne schon mit einem Fuß auf der Fahrbahn, seine fleheYi-

den Blicke mit kurzen Gesten der Resignation beantwortend. Dann zwang sie ein vorübergehendes Abflauen des durch Ampeln geregelten Verkehrs, die Straße zu überqueren. Paul stand auf der anderen Straßenseite und sah, wie sie im fremden Hauseingang verschwand. Max konnte genau erkennen, wie sich sein Gesicht verzog und er es aufgab, sich seiner Tränen zu wehren. Langsam, mit schweren Schritten ging er weinend davon. Eine alte Frau drehte sich lange kopfschüttelnd nach ihm um.

Die Tränen dieses erwachsenen, von ihm betrogenen Mannes trafen Max mehr, als es alle erdenklichen Vorwürfe je vermocht hätten. Er hatte wissentlich, grausam, nur an sich denkend einen ihm vertrauenden Menschen ins Unglück gestürzt. Noch nie stand seine Sünde in ihrer ganzen brutalen Verworfenheit so klar vor seinen Augen. Es war ein tödlicher Anblick.

Sie haben diese Stunde nie beim Namen genannt, aber seitdem hat sich die Last eines dunklen Schattens über das Leben von Max und Anne gelegt. Beide spürten den Riß, der sie tagtäglich verfolgte. Sie wehrten sich gegen diesen Zugriff mit einer Leidenschaftlichkeit, als bliebe ihnen nur noch eine letzte Nacht, eine letzte Umarmung.

Im November flogen sie zusammen nach Rom und bezogen in der „Albergo di Bologna“ im Schatten des Pantheons für drei Wochen ein Zimmer. Beim Flug über die Alpen stießen sie miteinander an und schworen sich, diese Zeit zu nutzen, keine Probleme zu wälzen, über Krise und Wende kein Wort zu verlieren. Max arbeitete vormittags zwei Stunden in einer Agentur an einem seit langem geplanten Werbeprojekt, während Anne ihm half, italienische Texte zu übersetzen, oder Bekannte besuchte, bei denen sie als junges Mädchen den Haushalt geführt hatte.

Oft liefen sie Hand in Hand wie Verliebte stundenlang, kilometerweit durch die Stadt, vor allem nachts, wenn die Laternen ihr schwaches Licht auf die Pflastersteine der verwinkelten Gassen zwischen der Piazza Navona und der Kirche Santa Maria sopra Minerva warfen. Sie hatten ihre bevorzugten Trattorien, in denen die Ober ihnen mit freundlichen Verbeugungen Stammplätze reservierten und sich nicht genierten, dem „jungen Glück“, das sie auf Hochzeitsreise wähnten, augenzwinkernd zu gratulieren.

Der römische Herbst war sonnendurchflutet, mild noch in den Nachtstunden, und sie gehörten stets zu den letzten, die auf den Terrassen der Piazza de la Roton-

da aushielten, umgeben von einer turbulenten Atmosphäre junger, lachender, zechender Menschen, die sich hier über Gräbern hemmungslos dem Leben hingaben, das plätschernde Lied des Brunnens und das Gefiedel eines alten, bärtigen Geigers im Ohr.

„Weshalb bleiben wir nicht einfach hier?“ fragte Anne, heimlich an die Wunden rührend, und Max, der spürte, wie er von Stunde zu Stunde auflebte, schwieg jetzt gequält vor sich hin. Erst später, als sie die Hotelhalle betraten, sagte er: „Wir wünschen uns zu Tode.“

Ihm fiel auf, daß Anne wiederholt die Minervabasilika besuchte, die sich breit und ockerfarben hinter dem kleinen Elef antenobe-lisken erhebt. Als er sie danach fragte, antwortete sie nur, es sei wegen der Grabesstille und der Heiligen Caterina von Siena, die hier ruhe. Sie brachte kleine Schriften mit ins Hotel und las ihm daraus vor. „Eine schöne Gestalt“, sagte Max, „aber zu entfernt, was kann sie uns noch geben?“

„Sie hat das, was uns so fehlt, mein Junge: sanfte Entschlossenheit.“

Kurz bevor sie den Heimflug antraten, zog sie ihn eines Abends ganz nah an sich: „Das darf nicht alles umsonst gewesen sein, Max“, mit großen, ernsten Augen blickte sie ihn an, „du mußt zu dir

selbst finden, du mußt es endlich wagen“, und auf die Kirche im Hintergrund zeigend, „wenn das dein Wegist, sollst du wissen, daß ich ganz bei dir bin.“

Das Leben in Lüttich brachte die erwartete Enttäuschung, den Rückschlag, das Ausgeliefertsein. Sosehr sie sich auch bemühten, den Schock mit italienischen Speisen, Weinen, mit gemeinsamer Arbeit und stimmungsvoller Barockmusik von Corelli zu mildern, der Wiederbeginn war hart und hoffnungslos.

Acht Tage nach ihrer Rückkehr wurde .Max aus einer Besprechung mit Kollegen plötzlich ans-Telefon gerufen. Anne meldete sich mit einer Stimme, die er zu fürchten gelernt hatte: „Höre bitte zu, Paul schwebt in Lebensgefahr, er hat einen Selbstmordversuch unternommen, ich breche sofort auf.“

Max sprang in den Wagen und raste nach Hause. Er riß die Tür auf, aber Anne hatte das Appartement schon verlassen. Die Wohnung war säuberlich aufgeräumt, und auf seinem Bett lag ein Zettel aus ihrem Notizblock, auf dem mit blaßblauer, hektischer Schrift geschrieben stand: „Ich gehöre an seine Seite. Tausend Dank für alles. Wir werden uns immer lieben. Anne.“ Aus dem Roman„Der Mittagsdämon“, der im Verlag Styria, Graz, kommenden Frühling erscheinen wird.

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