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Die Stunde der Emanzipation

1945 1960 1980 2000 2020

In Zusammenhang mit der Vorstellung der.'.Roten Markierungen ö'80” hat sich die FURCHE (Nr. 9/19801 mit dem Verhältnis der SPÖ zur Kirche auseinandergesetzt. Diesmal geht es um den Themenbereich ÖVP und katholische Kirche. Vor fünf Jahren hatte der damalige Ö VP-Obmann Josef Taus durch einen Vorstoß in Richtung.. Politischer* Katholizismus” heftige Diskussionen ausgelöst.

1945 1960 1980 2000 2020

In Zusammenhang mit der Vorstellung der.'.Roten Markierungen ö'80” hat sich die FURCHE (Nr. 9/19801 mit dem Verhältnis der SPÖ zur Kirche auseinandergesetzt. Diesmal geht es um den Themenbereich ÖVP und katholische Kirche. Vor fünf Jahren hatte der damalige Ö VP-Obmann Josef Taus durch einen Vorstoß in Richtung.. Politischer* Katholizismus” heftige Diskussionen ausgelöst.

Man sollte diese Taus-Initiative nicht bloß als Episode betrachten. Sie ist vielmehr wohl der letzte Versuch, die programmatische Verankerung der Partei im „christlichen Menschenbild” auch institutionell zum Tragen zu bringen.

Rein taktisch ist wohl festzuhalten, daß eine besondere Aktivität der ÖVP im Sinne spezifisch katholischer Forderungen der Partei keine zusätzlichen Sympathien einbringen und sicher keine sozialistisch wählenden Katholiken zuführen kann.

Damit erhebt sich nicht nur für die Kirche, sondern auch für die ÖVP - die Frage, wie die Katholiken als Katholiken politisch wirksam werden können. Dabei ist ein Doppeltes zu unterscheiden. Als Individuen können natürlich die Katholiken in jeder Partei tätig sein.

Das Problem ist nur, ob und wie sie als Gesamtheit auftreten können. Die Bischöfe können die Führung dabei nicht übernehmen, nicht zuletzt deshalb, weil es von den theologischen Voraussetzungen her gar keine Möglichkeit gibt, einen einzigen verbindlichen politischen Standpunkt abzuleiten ...

Es gibt nämlich de facto nicht nur einen politischen Katholizismus, sondern mehrere. Die Entwicklungen sind dabei noch im Fluß. Faktisch bedeutet es aber, daß auch bei sehr zentralen Fragen Katholiken differierende Antworten geben und theologisch rechtfertigen werden. Es wird jede Partei ihre Katholiken finden und hat sie zum Teil schon.

Besonders in der SPÖ sind die programmatischen und organisatorischen Bemühungen darum im Gang. Es ist nicht die Aufgabe dieser Überlegungen, die Probleme zu lösen, die sich fündie Kirche daraus ergeben, daß es in mehreren Parteien einen „katholischen Flügel” gibt. Vielmehr sollten die Konsequenzen überlegt werden, die die ÖVP ziehen müßte.

Zunächst ist zu registrieren, daß es Versuche gibt, die kirchliche Führung dazu zu bringen, den Einsatz der Volkspartei für das „christliche Menschenbild” stärker zu honorieren. Es kann prognostiziert werden, daß außer Gelegenheitserfolgen hier kein Durchbruch mehr möglich ist. Eine andere Erwar-, tung kann nur der hegen, der die theologischen Strömungen der Gegenwart nicht kennt.

Es ist natürlich klar, daß diese Entwicklung für kirchlich traditionell eingestellte ÖVP-Wähler und -Mitglieder einen Schock verursacht hat oder noch verursachen wird. Man sollte programmatisch in der Partei nur mehr davon sprechen, daß die ÖVP denen, die, ilir „christliches Menschenbild” in politisches Handeln umsetzen wollen, die Möglichkeit dazu gibt.

Die programmatische Grundlage der Partei kann das „christliche Menschenbild” aber deshalb nicht mehr sein, weil der Begriff heute nicht mehr jene Eindeutigkeit hat, die die Ableitung von Richtlinien für ein einheitliches politisches Handeln erlauben würde. Letztlich war die Übernahme dieses Prinzips von der Voraussetzung eines homogenen Katholizismus mitbestimmt, von dem man hoffen konnte, daß er durch diese programmatische Festlegung in seiner Gesamtheit für die ÖVP gewonnen werden könnte.

Der Katholizismus ist jedoch weniger denn je uniform. Es gilt ja auch die terminologische Unscharfe zu vermeiden, die darin liegt, daß man „christlich” sagt und „katholisch” m?int. Es gibt de facto keine „christliche Kirche” und auch keine theologische Instanz, die feststellt, was allgemein christlich ist.

Wenn die ÖVP auf christlichen Grundsätzen aufbauen will, so kann ihr nicht erspart bleiben, selbst festzustellen, was das inhaltlich bedeutet. So wird die Partei nicht darum herumkommen, mit verschiedenen katholischen Gruppierungen einen intensiven Dialog zu führen, um auf diese Weise -und nicht durch erhoffte einheitliche Stellungnahmen des Episkopats - zu erfahren, was die Katholiken von der Partei erwarten.

Damit wäre auch bestimmten katholischen Gruppierungen die Entwicklung eigener Vorstellungen von dem, was kirchlich und katholisch ist, möglich, ohne daß sie dazu der kirchenamtlich organisierten Infrastruktur bedürften. Die Katholiken in der ÖVP müssen sozusagen mit ihrer Mündigkeit ernst machen, und die Partei muß ihnen dazu die Möglichkeit geben.

Hier gewinnt nun die Feststellung von Josef Taus, die Alois Mock jüngst wieder betonte, daß nämlich die Partei einen liberalen Flügel hat, eine wichtige Korrekturfunktion. Spezifische Catho-lica müssen sich, auch in der Partei, in der Auseinandersetzung mit liberalem Denken bewähren.

Es wäre ja für die ÖVP auf längere Frist gesehen verhängnisvoll, wenn sie zu einem Sammelbecken reaktionärer kirchlicher Gruppierungen würde. De facto könnte ja dann ein liberaler Flügel nicht'mehr zum Tragen kommen. Nicht zuletzt angesichts der gegenwärtigen Krise der FPÖ muß sich aber die ÖVP als die eigentliche Heimat der Liberalen profilieren, die die SPÖ eigentlich nicht sein kann und nach Kreisky wahrscheinlich auch nicht sein wird.

Es mag nun paradox anmuten, aber es ist sozusagen im Sinne antizyklischer Investition notwendig, daß die ÖVP in einem bewußten Emanzipationsprozeß größere Distanz zur Kirche und ihrer

..christlichen” Programmatik gewinnt, während gleichzeitig die SPÖ einen gewissen Annäherungsprozeß betreibt, solange nicht extrem marxistische Positionen Uberhand gewinnen.

Diese letztlich wohl unvermeidlichen Entwicklungen sind auf dem Hintergrund dessen zu sehen, was man mit dem Stichwort „Äquidistanz” bezeichnet. Im sogenannten „Mariazeller Ma: nifest” war es von der Kirche abgelehnt worden, Äquidistanz zu den Parteien zu haben. Rein formal wurde gesagt, daß sich eine Partei durch ihr Verhalten ein kirchliches Nahverhältnis sozusagen erst verdienen muß.

Heute kann die Amtskirche ein solches Nahverhältnis auch bei den Katholiken gar nicht mehr herstellen. Außerdem ist inzwischen klargeworden, daß dieses Kriterium eigentlich nicht wirklich anwendbar ist. Seit 1952 versucht die Amtskirche so vorzugehen, daß sie ihre Präferenzen höchst andeutungsweise und indirekt ausdrückt. Dabei konnte und mußte man die ÖVP etwas weniger gut behandeln, wenn man die SPÖ behutsam zu einem positiveren Kurs der Kirche gegenüber gewinnen wollte. Die katholischen Kernschichten in der ÖVP zeigten dafürdurchaus Verständnis.

Formal hat der österreichische Synodale Vorgang 1974 den entsprechenden Text des „Mariazeller Manifestes” von 1952 wörtlich aufgenommen und die Bilanz gezogen: „Dieser Weg, den die Kirche in Österreich im Geist des Mariazeller Manifestes konsequent gegangen ist, hat sich als richtig erwiesen . . .”

Seit dem Ende der 60er Jahre mußte sich die Kirche den Vorwurf der „Äquidistanz” gefallen lassen. 1975 hat der Wiener Erzbisehof Kardinal König die diesbezügliche Frage in einem Interview für die „Freiheit” folgendermaßen beantwortet: „Ich habe den Ausdruck Äquidistanz nie gebraucht, ich glaube, daß es sich hier eher um eine Prägung der Journalisten handelt.”

Äquidistanz als Prinzip hat die Kirche für sich nie akzeptiert und sie wurde von ihr auch nicht ernsthaft verlangt, wie sich etwa aus dem Gespräch von Bundeskanzler Kreisky mit den österreichischen Kirchenzeitungen ergibt: „Es gibt in der ÖVP sehr viel politischen Katholizismus, es ist auch zuviel verlangt, daß die Kirche gleiche Distanz halten müsse.”

In der Gegenwart erhält dieser Ausdruck eine neue Facette. Konnte man Äquidistanz früher als ein bewußtes kirchliches Verhalten verstehen, so ist es heute eher die Realität, daß sich die Katholiken von der kirchlichen Autorität nicht mehr politisch festlegen lassen.

Damit ist für eine Partei, die sich auf christliches Gedankengut programmatisch stützt, die Stunde der Emanzipation gekommen und damit der endgültige Abschied von allen Formen des brachium saeculare. Einen Satz in der 5. These zur Parteireform kann man durchaus als einen solchen Ansatz Verstehen: „Die politische Kraft der Volkspartei stammt aus der weltanschaulichen Vielfalt ihrer Traditionen.”

Diese weltanschauliche Vielfalt ist ein typisch liberales Anliegen. Jedes politische Ziel und jede politische Aktivität des Katholizismus, die sich in diesem Rahmen bewegt, kann der Partei willkommen sein.

Man könnte das „Mariazeller Manifest” vom Standpunkt der Partei aus umformen und sagen: „Das Verhältnis der Partei zu den politischen Katholizismen ist variabel: Es ist abhängig vom Grad der programmatischen und praktischen Gemeinsamkeiten im Erstreben humaner Grundwerte.”

Der Verfasser ist Universitätsdozent am Institut für ludaislik an der Universität Wien. Seine Darlegungen sind dem Beitrag „ÖVP, katholische Kirche und Äquidistanz” in dem Sammelband ..Aspekte. Argumente. Alternativen” (Verlag Richter und Springer) entnommen.

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