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Die Suche nach Antigone

Vor einigen Tagen erwähnte ich bei einer Abendgesellschaft, zu der ein führender, vielbeschäftigter Politiker geladen hatte, daß Wolfgang Kraus soeben sein neues (fünftes) Buch veröffentlicht habe: „Die Wiederkehr des einzelnen.” Der Gastgeber holte spontan aus der Bibliothek die zuletzt erschienenen Kraus-Bände: „Kultur und Macht” und „Die verratene Anbetung” - beide sichtlich gebraucht, mit zahlreichen Merkzetteln zwischen den Seiten. Das lange Gespräch über den Autor gipfelte in der Feststellung, wie gut es gerade heute für Osterreich und darüber hinaus ist, daß es diesen bedeutenden Essayisten und Kulturkritiker unter uns gibt, daß es Wolfgang Kraus nie bei glänzenden Analysen und scharfsinni-. gen Diagnosen bewenden läßt, sondern auf besonnene, mutige Art immer wieder konkrete Forderungen und Vorschläge bringt, daß er sich selbst und uns alle von unserem bedrückenden Kulturpessimismus, Spät- und Endzeitgefühl, zu befreien versucht.

Wolfgang Kraus ist einer, der an die Selbsterneuerung des Lebens, an den Willen und an den Mut der wenigen glaubt, die unter „Veränderung” eine Wendung zum Besseren und Höhereh verstehen; er glaubt an den einzelnen und seine Wiederkehr; er sieht Anzeichen hierfür- seien sie noch so selten, bescheiden und zaghaft-, er sucht gangbare Auswege: „Ich beharre darauf, daß gerade die kleinen Schritte, die im Bereich des einzelnen liegen, von grundlegender Wichtigkeit sind”; er will ein Beispiel geben: „Das Buch selbst ist ein Schritt auf dem Weg zu persönlicher Freiheit, der Versuch, im richtig verstandenen Sinn ein einzelner zu sein.”

Der weltweit überhandnehmenden Bürokratie gelte es durch Aufbrechen der verfestigten Strukturen, durch „unkonventionelle Lösungen”, durch Hinwegsetzen über bisher geheiligte Beamtenregeln, durch Dezentralisation beizukommen. „Wichtig ist allerdings*, daß dabei keine Parteikarrieristen, sondern bedeutende Fachleute und Persönlichkeiten herangezogen werden”-eine gerade heute nicht stark genug zu unterstreichende Forderung! Aber die Schuld liegt nicht allein bei der Bürokratie, beim Staat, den Parteien und Interessenvertretungen. „Denn erst die Sucht nach Totalversorgung, der Versuch möglichst viel Risiko auf den Staat abzuwälzen, haben die heutigen überdimensionalen Beamtenstrukturen geschaffen.” Der einzelne liefert sich mit seinen unersättlichen Ansprüchen dem Staat, dem Apparat aus, ob er's merkt oder nicht.

Dazu kommt „eine zweite, noch viel gefährlichere Bedrohung, die aus der Müdigkeit und luxuriösen Verwöhntheit der meisten Bewohner westlicher Demokratien kommt”. Das Wettrennen nach nie gekannten Dimensionen des Wohlstands und des materiellen Prestiges hat uns blind gemacht für den eigentlichen Sinn und Zweck der materiellen Wohlstandssteigerung: nämlich die darin enthaltenen Möglichkeiten zu nützen. Kraus deutet das mit einer auch sprachlich sehr schönen Metapher* an. „Die Möglichkeiten aber bestehen darin, das Parterre der materiellen Erwerbungen zu verlassen und einen Stock höher zu steigen. Wird das versäumt, dann gibt es ein unendliches Parterre und sonst nichts”. Als Therapie wird vorgeschlagen: eine innere Mutation in den Bereich des geistig orientierten Handelns, Selbstverwirklichung als zu erlebende Sinnhaftigkeit und glückvoller Lebensinhalt, das persönlich abgestimmte Einhalten von Proportionen zwischen eigener Kreativität und dem hilfreichen Verhalten anderen gegenüber, Achtung vor der Natur, Klarheit über einen verantwortlichen Lebensplan, kurz „ein Persönlichkeitsideal, das manche humanistische Züge trägt”.

Zum Thema Kultur und Staat hat Wolfgang Kraus, der seit Jahren eine wichtige kulturpolitische Beraterfunktion im Außenministerium ausübt, viel Bedenkens- und Verwirklichenswertes zu sagen. Wenn schon die Hilfe des Staates nicht mehr oder noch nicht vermieden werden kann, so sollte sie doch weder der Kultur eines staatlichen Kollektivs noch einer Vermehrung staatlicher Macht dienen, sondern .Jener Kultur, die unserer Herkunft und unserem Wesen entspricht: die aus der griechischen Antike und dem Christentum stammende Kultur der Individualität und der Gemeinschaft der Individualitäten”. Auf dieser Grundlage bringt Wolfgang kraus nun über drei Seiten hin mehr als ein Dutzend konkreter Vorschläge, die ebenso intensives Nachdenken und Nachsuchen wie langjährige Erfahrung in der Leitung der Gesellschaft für Literatur und in der Kultursektion des Außenministeriums erkennen lassen - mag man im einzelnen zustimmen oder nicht.

Mit zu dem Eindrucksvollsten in diesem auf jeder Seite fesselnden Buch gehört wohl das leidenschaftliche Plädoyer des Autors für die Freiheit und Individualität in der Kunst. Wir dürfen den Künstlern unserer Zeit nicht die idealistische Gestaltung menschlicher Vorbilder abveranlagen, solange der geistige Boden und die Zeitstimmung den Künstlern zu wenig an geistig-kulturellen und sittlich-religiösen Vorbildern und Leitbildern bieten. Die Kunst ist Ausdruck von Religion, Philosophie und Moral, und wenn sie fehlen, ist es ungerechte Uberschätzung, sie von den Künstlern zu verlangen: „Besonders die Eltern, die Erzieher, die Lehrer, die Professoren, die Redakteure der Massenmedien, die Journalisten, die Philosophen, Priester und Politiker, alle jene, die beispielgebende Aufgaben erfüllen, sind weitaus mehr für die Kunst verantwortlich als die meisten, die sie in der letzten Ausführung schaffen”. Immer wieder fällt wohltuend auf, wie Wolfgang Kraus sich schlicht und eindringlich in solchen Zusammenhängen an die Verantwortlichen wendet

Ebenso mutig und aufrichtig wirkt es, wenn er feststellt, daß „die gerade in unserem Jahrhundert und in jüngerer Zeit so oft geäußerte Meinung, die Verdienste um die Menschenrechte und vor allem die Errungenschaften der Aufklärung entstammten einem antireligiösen und antichristlichen Motiv, nicht aufrechtzuerhalten ist”. Man braucht nur in den Evangelien und in den Paulusbriefen nachzulesen, um die Ansätze der Menschenrechte in der Unmittelbarkeit des einzelnen zu Gott zu erkennen.

Am Schluß wird der Leser Zeuge einer ergreifenden Klage des Autors über das Verdrängen aller jener Kräfte, die geeignet sind, die eigene unverwechselbare Persönlichkeit des einzelnen aufzubauen. Wolfgang Kraus fragt da, ob die Vorbilder, mit denen die großen Philosophen, Dichter, Komponisten, Staatsmänner, die Schüler und Studenten Europas aufwuchsen, endgültig verschwunden sind. „Wo ist Antigone geblieben .... wo Diogenes, Epiktet, wo Leibniz und Kant, wo Goethe, wo Max Scheler, wo aber auch Karl Jaspers, Paul Claudel, S. Eliot und viele andere, die man vergessen hat”.

DIE WIEDERKEHR DES EINZELNEN. Von Wolfgang Kraus. Verlag Piper, München, 203 Seiten, öS 232,50

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