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Die „Symphonie" ist ein Männerchor

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Der bereits ausführlich vorgestellte „Weltkatechismus" (FURCHE 50/1992) liegt nun auf deutsch vor. Eine Expertin für Katechetik nimmt dazu Stellung.

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Der bereits ausführlich vorgestellte „Weltkatechismus" (FURCHE 50/1992) liegt nun auf deutsch vor. Eine Expertin für Katechetik nimmt dazu Stellung.

Diese Rezension entstand unter dem Eindruck des Europäischen Katechetischen Kongresses (13.-16. Mai 1993 in Freising), der erstmals Mitglieder aus 23 Nationen vereinigt hat. Der für Katechese zuständige Mann des Vatikans, Luciano Verrilli von der Kleruskongregation, sagte zwei Dinge zum „Katechismus der katholischen Kirche": Dieser sei Bezugspunkt der Katechese und - er sei nicht vollkommen. Werden diese beiden Fakten zusammen gesehen, ist vieles entschärft. Wird nur der eine oder andere Tatbestand wahrgenommen, sind Konflikte unvermeidlich.

Der 1985 auf der Bischofssynode von Bischöfen der Dritten Welt angeregte „Weltkatechismus" wurde in sechsjähriger Arbeit erstellt. Bereits der erste Entwurf war am Catechis-mus Romanus des Konzils von Trient (1545-1563) orientiert: Glaubensbekenntnis - Sakramente - Gebote -Gebet. Der erste Entwurf ging im Dezember 1989 an alle Bischöfe, die mit circa 25.000 Verbesserungsvorschlägen sowie Stellungnahmen zum Ganzen und zu einzelnen Teilen reagierten. Ein Vergleich von Entwurf und endgültigem Text (vom Papst 1992 approbiert) zeigt, daß sehr viel verändert wurde, und zwar zum Positiven.

Das am meisten umstrittene Kapitel, die Morallehre, wurde praktisch neu gestaltet, vor die Vaterunsererklärung wurde ein Abschnitt „Das Gebet im christlichen Leben" eingeschoben; abstrakte oder gar lateinische Teilüberschriften wurden konkretisiert, der Text von mehr als 4.000 Abschnitten auf2.865 gekürzt. Trotzdem zählt die deutsche Ausgabe insgesamt 816 Druckseiten.

Die durchlaufende Zählung erinnerte mich bei meiner Kritik des Entwurfs an die Canones des Codex Iuris Canonici, ein Vergleich, den Ulrich Ruh in seiner Rezension in der Herder-Korrespondenz aufgegriffen hat. Heute vergleiche ich ihn in seiner literarischen Gestalt eher mit den „Stromata" (Teppiche) des Kirchenvaters Klemens von Alexandrien, der in diesem achtbändigen Werk sehr viele Zitate sammelte.

Denn Zitate gibt es genug: aus der Bibel, den Kirchenvätern und kirchlichen Schriftstellern, aus Konzilien -

am meisten aus dem II. Vatikanischen Konzil - und von Päpsten. Johannes Paul II. ist mit 138 Zitaten vertreten (kein Wunder, daß ihm der Katechismus gefällt). Dafür sind insgesamt nur neun Frauen mit Aussprüchen genannt, und nicht einmal mit ihren besten. Die Symphonie der Stimmen, die der Papst eingangs preist, ist entschieden ein Männerchor. Nebenbei bemerkt hat es auch der Heilige Ignatius von Loyola nur auf drei Erwähnungen gebracht. Bekanntlich gibt es wenige Bischöfe, die Jesuiten sind.

Weihbischof Christoph Schönborn hat (in einem Interview mit den „Christlich-PädagogischenBlättern") den Gedanken des Glaubens als durchlaufenden „roten Faden" genannt; „Dieser Katechismus ist als eine organische Darlegung des ganzen katholisehen Glaubens gedacht. Man muß ihn somit als eine Einheit lesen", steht überdies im „Prolog" (Nr. 18, S. 41 der deutschen Ausgabe).

Dennoch meine ich, daß man der literarischen Eigenart des Werkes eher gerecht wird, wenn man die einzelnen Teile als je verschieden betrachtet, da sie von verschiedenen Verfassern stammen. Einwände zum Beispiel im moraltheologischen Bereich setzen nicht die Verdienste des 2. Teils (oder 4.) herab; dieser entfaltet sehr schön die Sakramente aus dem österlichen Geheimnis der Kirche und dessen liturgischer Feier. Dies allerdings auf Kosten eines anthropologischen Ansatzes. Wo nämlich die Sakramente im Leben der Menschen ansetzen, ist sehr knapp behandelt. Auch der vierte Teil ist gelungen.

Allerdings bedient sich der Katechismus weithin einer Insider-Sprache. Wer zu Liturgie und Leben der Kirche bereits eine lebendige Beziehung hat, wird schöne Gedanken und Sätze finden, wer mit der Sprache der Kirche nicht vertraut ist, wird bei allen Abschnitten Mühe haben, wenn auch in verschiedenem Ausmaß. Das hängt nicht nur mit der Verschiedenheit der Textsorten aus dreitausend Jahren zusammen, sondern mit einer grundsätzlichen Schwäche des Katechismus: er stellt kaum den Prozeß der theologischen. Erkenntnisgewinnung dar, sondern nur das Ergebnis.

Erstarrte Lava

Wie knapp sind hier die Ausführungen zu Dreifaltigkeit und zu Jesus Christus! Damit wirkt aber vor allem der erste Abschnitt oft wie eine Vulkanlandschaft: großartig, aber düster wie erstarrtes Lavagestein. Er enthält nichts mehr von dem Feuer und der Leidenschaft mit der über Jahrtausende hinweg um die zentralsten Fragen der Menschen gerungen wurde: Wer ist Gott und wer sind wir? Hat nicht Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Catechesi tradendae" gesagt: Christentum ist keine Buchreligion, keine bloße Lehre, sondern die Begegnung mit einer lebendigen Person, mit Jesus Christus. Wo begegnen wir auf diesen Seiten demjenigen, mit dem wir unser Leben, unser Leiden, unsere Todesnähe wagen können?

Als Lehrende für Katechetik und Religionspädagogik habe ich nach wie vor ein weiteres Bedenken. Kann man Inhalt und Methode auf eine Weise trennen, daß man den Inhalt der Systematischen Theologie und die Methode der Katedietik/Religionspäda-gogik zuteilt? Muß nicht die Systemati-sche Theologie selbst eine Sprache versuchen, die für die Denk- und Lebenswelt der Menschen von heute verständlich, nachvollziehbar ist? Wird sie sonst nicht steril? Wird so nicht die Katechetik zur bloßen „Anwendungswissenschaft"? Sind Religionslehrerinnen und Religionslehrer nicht viel mehr Menschen, die die christliche Überlieferung den ihnen Anvertrauten gleichsam in deren Denkwelt, Erfahrung und Sprache übersetzen und die umgekehrt die Anfragen und die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen an die christliche Botschaft herantragen und diese von neuen Gesichtswinkeln aus beleuchten? Die Bibel wird „katholisch" gebraucht, das heißt, als Bausteine für systematische Gedankengebäude. Bei manchen theologischen Aussagen gewinne ich den Eindruck, Karl Rahner sei noch gar nicht geboren. Ein Vortragsabend zum Thema „Weltkatechismus" hat bei der Diskussion gezeigt, daß sich nicht nur Frauen, sondern auch afrikanische Studenten ausgeschlossen fühlen, die bei den lapidaren Sätzen zur Polygamie Verständnis für die dahinterstehende Kultur vermissen.

Schöne Einzelaussagen, zum Beispiel zu den anderen christlichen Kirchen und zu den nichtchristlichen Religionen und zum allgemeinen Priester-tum der Gläubigen schlagen nicht auf das Gesamtkonzept durch.

Der „Katechismus der katholischen Kirche" ist der einer Kirche, die den Anschein erweckt, sich momentan -ob bewußt oder unbewußt - vorwiegend als Papst- und Bischofskirche zu verstehen. Der Katechismus wird den Dialog mit dem gesamten Gottesvolk aufnehmen müssen, dessen Glaubenssinn herausgefordert ist.

Univ.-Prof. Dr Herlinde Pissarek-Hudelist ist Professorin für Katechetik und Religionspädagogik an der Universität Innsbruck. KATECHISMUS DER KATHOLISCHEN KIRCHE. Oldenbourg (München-Wien), Benno Verlag (Leipzig), Paulusverlag (Freiburg), Veritas (Linz), 1993, brosch. öS 278-, Leinen öS 348,-.

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