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Digital In Arbeit

Die tägliche Mattscheibe

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Immer noch wird der Einfluß von Fernsehen gröblich unterschätzt. Die Informationssendungen sind gewichtige Prägepunkte in der politischen Landschaft Österreichs.

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Immer noch wird der Einfluß von Fernsehen gröblich unterschätzt. Die Informationssendungen sind gewichtige Prägepunkte in der politischen Landschaft Österreichs.

Die notwendige Diskussion der weiteren Entwicklung im Rundfunkbereich, das was unter dem Schlagwort „Neue Medien” läuft, muß zunächst zu verstehen suchen, was das Phänomen Fernsehen für das tägliche Leben bedeutet.

Immer noch wird der Stellenwert des Fernsehens im Alltag unterschätzt. In jedem Haushalt

Österreichs steht heute zumindest ein Fernsehgerät. Uber die Hälfte sind selbstverständlich schon Farbfernsehgeräte. In jedem zehnten Kinderzimmer Österreichs steht ein eigener Fernsehapparat. Dort gilt ganz besonders, aber auch generell: man wächst mit dem Fernsehen auf.

Die Prägung ist zunächst ein Verschleifen fester Positionen. Ziemlich deutlich hat dies die Forschung auf die politische Wirkkraft ausgewiesen. Die De-stabilisierung politischer Positionen, der Verlust an Weltanschauung im Politischen ist ein typisches Kennzeichen der Fernsehgesellschaft unserer Industriestaaten.

Was gefestigt und unbeein-sprucht weitergegeben wurde, wird über das Fernsehen in die politischen Mangel genommen. Anstelle der klaren Nachricht traditioneller, stabiler Gesellschaften tritt die Fülle der Widersprüche und der gegensätzlichen Meinungen. Die Weltanschauung wird auf vertauschbare Meinung reduziert.

Das diskursive Element kennzeichnet das Fernsehen. Dies gilt nicht nur für die vielen Diskussionssendungen im Programm, dies gut noch viel mehr für das diskursive Element gegensätzlicher Bildabfolgen.

Dieses diskursive Element kann theoretische Aufklärung bedeuten und schafft jedenfalls neue Formen demokratischer Prozesse. Oftmals aber geht das rationale Element im Rausche der Bilder verloren. Anstelle einer demokratischen Diskussion verschiedener Positionen tritt die Prägkraft explosiver Bilder.

Bilder ersetzen oftmals Sprache und Rationalität. Jeder kennt Sendungen, bei denen der Bildgehalt länger als der Text in Erinnerung bleibt. Jeder kennt jedoch auch Sendungen, in denen das gesprochene Wort vom Widerspruch der Bilder überlagert und überdeckt wurde.

Die Fernsehgesellschaft entwickelt schrittweise eine neue Form der Kommunikation. Man spricht nicht miteinander. Man hat in vergangenen Jahrhunderten über Bücher und Zeitungen auch verschlüsselte, aber sehr abstrakte Nachrichten miteinander ausgetauscht. Nun tauscht man Bilder.

Technische Probleme, vor allem aber die Kostensituation, haben bei Einführung des Fernsehens in allen europäischen Ländern zur Gründung öffentlicher Anstalten mit einem Monopolstatus geführt.

Fast überall kam es über kurz oder lang, angesichts der enormen politischen Bedeutung des Fernsehens, zum Kampf um das Machtmittel, das hier zur Verfügung stand. Öftmals siegte in dieser Auseinandersetzung die jeweilige Regierung, der es gelang, die Anstalt mehr oder weniger dienstbar zu machen. Die damit verbundene Schlechterstellung der Opposition enthielt zunächst die Benachteiligung irgendeiner Partei, dahinter - und ungleich bedeutsamer - stellt sich grundsätzlich das demokratiepolitische Problem der veränderten Chancen für den Machtwechsel.

Der Amtsbonus der Regierung und das neue Phänomen der Präsenz der Politiker in den Haushalten über das Fernsehen spielten in vielen europäischen Ländern zugunsten der Stabilisierung der an der Macht befindlichen Mehrheit.

Das politische Interesse zwingt dazu, zunächst einmal den Bereich der Information etwas näher anzusehen.

Man kann sagen, daß die „Zeit im Bild” das zentrale Einstiegstor des Publikums in den Programmkonsum des Abends darstellt. Mit dieser „ZiB” eröffnet das Publikum nicht nur den Fernsehabend, sondern mit dieser „ZiB” erwartet man sich auch die wichtigsten Informationen über den Tag.

In der im Februar 1983 erarbeiteten qualitativen Studie von Ro-. bert Kissinger „Wünsche und Einstellungen des Publikums zur aktuellen Berichterstattung des ORF” werden sehr deutlich wesentliche Aspekte der Fernsehinformation sichtbar. Die „ZiB” ist zentrale Erstinformationsquelle über das tägliche Geschehen. Sie hat überdies eine hohe und ganz besondere Glaubwürdigkeit.

Drei Viertel der Befragten würden im Fall eines Widerspruches zwischen einer Nachrichtenmeldung im ORF und einer Zeitungsmeldung dem ORF die größere Glaubwürdigkeit geben. Das hat gerade im Fernsehbereich seine Abstützung durch den Bildgehalt des Nachrichtenangebotes.

Angesichts der authentischen Bilder über Ereignisse vermeint man Einblick in die Wirklichkeit zu bekommen. Man übersieht, daß schon die notwendige Verkürzung eines Ereignisses auf eine halbe oder eine ganze Minute nur mehr einen Ausschnitt sehen läßt.

Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten der Manipulation bei der Auswahl des Ausschnittes, bei der Kameraeinstellung, bei all dem, was unabsichtlich oder absichtlich an Verkürzungen und Eingriffen möglich ist.

Gerade die Wichtigkeit kommt in den Ziffern der Reichweite von „Zeit im Bild” ganz deutlich heraus. Vereinfacht gesagt, etwa die Hälfte der erwachsenen Österreicher, die Hälfte der Bürger also und damit der Wähler, ist täglich bei der „ZiB” versammelt.

Man muß sich einmal Bescheid geben, was diese Ziffern bedeuten. Offenkundig wird damit die Dimension der „ZiB” im täglichen Geschehen sichtbar. Sie ist Orientierungsmerkmal und sie ist überdies Drehpunkt in der Gestaltung des Abends. Der Beruf und die Heimkehr vom Beruf liegen davor. Die Abendmahlzeit wird zeitlich mit der „ZiB” abgestimmt. Nach der „ZiB” beginnt die eigentliche Gestaltung der abendlichen Freizeit.

Verglichen mit den Millionenziffern der „ZiB” sehen andere Sendungen aus dem Informationsbereich bescheiden aus. Dennoch muß man auch diese niedrigen, nur in die hunderttausend gehenden Ziffern in ihrer Bedeutung realisieren. Sie sind in jedem Fall für den, der politische Aus-sagensucht, Veranstaltungen, wie sie sonst nur in massiven Aktk nen und über Wahlkämpfe zustande gebracht werden können.

Überdies reichen sie in der politischen Zuordnung in das Publikum der Andersdenkenden oder gar des politischen Gegners massiv hinein. 1

Informationssendungen im Fernsehen sind also die großen Veranstaltungen schlechthin, Prägepunkte in der politischen Landschaft. Dennoch muß man vorsichtig auf Einschränkungen verweisen.

Die Begegnung ist grundsätzlich die der Erinnerung der Kommunikation. Die Darstellung des politischen Problems kann oberflächlich oder diffus sein und wird dadurch politisch bedeutungslos.

Die Darstellung kann ebenso politisch gefährlich werden, wenn sie einseitig und verzerrt wird. Dann schafft sie schwer rück-holbare Begegnungen des Wählers mit einem politischen Problem.

Schlechthin entscheidend können solche Sendungen werden, wenn es ihnen gelingt, die latente Unruhe der Bürger aufzugreifen und zu artikulieren. Dann transportiert Fernsehen schneller und emotionell tiefer als andere Medien den Akt der Bewußtseinsbildung quer über das ganze Land.

Wer sich solche Aspekte einmal vergegenwärtigt hat, begreift, warum die Auseinandersetzung um die Gestaltung der Informationssendungen von entscheidender Bedeutung für die Themenstellung, aber auch für die Ereignisse in der Politik ist.

Der Autor, früher ORF-Generalsekretär, ist Abgeordneter zum Nationalrat und Mediensprecher der OVP sowie Mitglied des ORF-Kuratoriums. Der Beitrag ist ein auszugsweiser Vorabdruck des im „Jahrbuch für Politik 1984” erscheinenden Artikels „Die seltsame Wirklichkeit des Fernsehens”.

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