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Digital In Arbeit

Die Uhr

Früher ist eine gewöiinliche Armbanduhr ein Luxusgegenstand gewesen. In meiner Jugend noch bekam man seine erste Uhr erst zur Firmung und darauf freute man sich schon jahrelang. Der Firmpate mußte tief in die Tasche greifen, aber meistens tat er es gern, denn es war ja auch für ihn ein stolzes Gefühl, wenn dann sein Firmling beim Firmungsspaziergang wichtigtuerisch alle zwei Minuten seinen linken Arm hob, den Rockärmel zurückschob und die Zeit auf seinem nagelneuen Firmungsgeschenk ablas.

Die heutige moderne, durchschnittliche, digitale Uhr, von der jedes Kind schon mehrere besitzt, kostet praktisch gar nichts mehr. Sie sind derart billig geworden, daß auch viele Firmen sie als Werbegeschenke verwenden. So eine billige, aber hübsche, originell gestylte Uhr hab ich auch einmal geschenkt bekommen, die ich über zwei Jahre lang benutzt habe und mit der ich außerordentlich zufrieden war.

Doch dann ist das Plastikarmband abgebrochen und ich konnte sie nicht mehr am Arm tragen. Ich gab sie in meine rechte Sakkotasche, worin sie bleiben sollte, bis ich mir eine neue besorgt hätte.

Ein paar Tage später im Casino -einem der teuersten Freizeitvergnügen, die es gibt - kündigte sich nach einigen Gewinntagen für mich wieder einmal ein Verlusttag an. Ich merkte es bald, das Spiel lief zäh. Es waren auch viel zu viele Leute im Casino und das Gedränge groß.

Ich hatte mich gerade entschlossen aufzuhören, da rempelte mich jemand von hinten an. Die Leute benahmen sich wirklich unverschämt an diesem Tag. Ich drehte mich empört um, weil ich keine Entschuldigung gehört hatte, aber alles schaute weg und so wußte ich nicht, wer es gewesen ist.

Darauf schloß ich mein Permanenzenbuch, ging weg vom Tisch und zählte meine mir verbliebenen Jetons ab, die ich immer vorne in meine Hemdtasche lege, damit sie mir nicht herausgestohlen werden können. Ich wollte auf die Uhr schauen und gehen. Hob auch den Arm - aber natürlich, sie war ja nicht mehr auf meinem Handgelenk. Ich griff also in die rechte Rocktasche, in die ich sie gelegt hatte - sie war nicht da. Ich griff in die linke, da war sie auch nicht. Das gibt es doch nicht, dachte ich, ich hab sie doch ganz sicher in die rechte Rocktasche gelegt. Ich griff noch einmal hinein, nichts. Verwirrt fuhr ich mit beiden Händen in die Hosentaschen und wühlte darin herum - doch sie kam nicht zum Vorschein.

„Die Uhr ist weg!" schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Natürlich! Vorhin! Der Rempler! Da sind Taschendiebe am Werk gewesen, da haben sie mir meine Uhr herausgestohlen. Meine wertlose Uhr, die ausgedieht hatte. Mit dem abgebrochenen Armband, das nicht mehr erneuert werden konnte. Die ich in nächster Zeit ohnehin -weggeworfen hätte.

Meine Stimmung, die wegen des Verlustes am Tiefpunkt angelangt war, änderte sich schlagartig. Gut gelaunt setzte ich mich an die Bar und blickte mich sodann nach den Taschendieben um. Aber die waren nicht zu entdek-ken.

Man stelle sich ihre Enttäuschung vor! Der eine rempelt mich an, um mich abzulenken, der andere greift in meine Rocktasche, entdeckt keine Jetons, kein Feuerzeug, keine Zigaretten, keinen Autoschlüssel, nimmt dann als einzigen Gegentand darin meine kaputte Uhr heraus, übergibt sie einem Dritten, der sie sofort verschwinden läßt - und alles war umsonst. Die Aktion zwar gelungen, weil sie nicht erwischt worden sind, aber trotzdem ein Fehlversuch. Die Beute eine billige Uhr, die noch dazu unbrauchbar war. Für mich, kann man sagen, ist diese mißlungene Fingerspitzenarbeit sozusagen eine elegante Art der Müllentsorgung gewesen.

Einen Augenblick hatte ich mir ja überlegt, ob ich den Diebstahl dem Casino melden sollte. Aber nein, dachte ich dann, das ist sinnlos. Doch nicht einer Institution, die selbst den Leuten das Geld aus den Taschen zieht.

Und dann kam mir plötzlich der Satz in den Sinn, der mir zuerst eingefallen war, als ich bemerkt hatte, daß mir meine Uhr gestohlen worden war: „Die-Uhr-ist-weg!" hatte ich gedacht. Ein Satz mit vier Worten. Aber kein gewöhnlicher Satz. Denn jedes Wort besteht aus drei Buchstaben.

„Vier mal drei ist zwölf!" dachte ich, nahm spontan einen Jeton, eilt zu meinem Spieltisch und setzte ihn auf 12.

Die Kugel rollte schon im Tableau. Sie wurde langsamer und immer langsamer. Und dann fiel sie. Wohin? Auf 12! Ob man es glaubt oder nicht: auf 12!

Und damit war ich plötzlich im Plus. Knapp zwar, aber doch im Plus. Es war ein bescheidener Gewinn. Ein Abendessen ist sich ausgegangen, aber immerhin. Dank der Taschendiebe ein Abendessen. Völlig unvermutet. Das mir dann auch ganz vorzüglich geschmeckt hat.

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