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Die ungebrochene Treue

Berlin, Januar 1945. In dem gefürchteten Gestapo-Gefängnis von Moabit wartet ein Haftung auf die Vollstreckung seines Todesurteüs. Es gelingt ihm durch Beihilfe eines Aufsehers, in dem doppelten Boden seines Eßgeschirrs Zettel herauszuschmug-geln, deren wichtigste Aussagen später in dem weltberühmt gewordenen Buch „Im Angesicht des Todes“ herausgegeben wurden. Einer dieser Sätze lautet: ,ßrot ist wichtig - Freiheit ist wichtiger — am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die nie verratene Anbetung.“

Die Aussage, die der am 2. Februar 1945 hingerichtete Jesuitenpater Alfred Delp uns hinterlassen hat, möge uns hineinführen in das Geheimnis, den Auftrag und die Sendung dieses Festtages. In mehr als 2000 Prozessionen ziehen ja heute wieder etwa eine Million katholische Christen durch unser Österreich, betend und singend, den „Gottleichnam“, den Leib des Herrn in ihrer Mitte.

Das diesjährige Fronleichnamsfest aber trägt sicher eine ganz besondere Note: denn bloß knappe drei Wochen trennen uns noch von dem Ereignis, auf das sich Österreich rüstet, den Besuch Papst Johannes Pauls II. Auch seine Pastoralreise während dieser viereinhalb Tage in unserem Land steht unter dem Thema „Ja zum Glauben — Ja zum Leben“, das der Herr in der Brotrede des Johannesevangeliums uns hinterlassen hat (Joh 6,43: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“

Aber geht es denn wirklich um das Leben? Verkünden wir nicht „den Tod des Herrn, bis er wiederkommt?“ (1 Kor 11,17). Haben wir noch das Gespür, das Alfred Delp in dem Hunger seiner Kerkerzelle haben mußte, daß Brot wichtig ist? Auch jene betuchten Großstädter von Korinth hatten das Gespür dafür verloren, daß die Sättigung der Armen in der Gemeinde die Voraussetzung dafür bildet, daß man Leib und Blut des Herrn zu sich nehmen kann.

„Sooft ihr dieses Brot esset und den Kelch trinket, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er wiederkommt.“ Eine Todesnachricht aber ist keine Frohbotschaft. Vor dem Tod verstummt der Mensch, aber von dem Leben, das Jesus Christus durch seinen Tod allen Menschen eröffnet hat, kann nicht laut genug geredet werden. Denn in seinem Gang zum Kreuz ist Gottes eigenes Leben dahin herabgestiegen, wo wir selbst nicht hin können: in die Nacht, wo uns das Leben genommen ist. Verstehen Sie also, daß wir Christen in der Not unserer Zeit keinen anderen Dienst unseren Mitmenschen so sehr schuldig sind, als diesen: den Tod des Herrn zu verkündigen. Das aber können wir nur, wenn wir aus der Gemeinschaft leben, die uns selber gegeben ist: aus Gottes Gemeinschaft mit den Menschen, die nach dem Leben hungern und dürsten. Und dies ist ja schließlich das Thema, unter dem auch der Papstbesuch stehen wird: Ja zum Glauben - Ja zum Leben.

Das erste, was an diesem Ja zum Glauben zum Herrn im Sakrament der Kirche immer wichtig war, ist dies: daß hier wirklich Verwandlung geschieht. Es ist nicht bloß ein Zeichen. Es ist auch nicht so, daß der Leib Christi sozusagen zu dem Brot noch hinzutrete, als ob das zwei gleichartige Dinge wären. Wenn der Leib Christi kommt, dann ist er ja Größeres, anderes, nicht etwas wie. das Brot. Es geschieht Verwandlung, die wir nicht einfach messen können. Wo Christus gewesen ist, kann es nicht nachher so sein, als wenn er nie vorbeigegangen wäre. Wo Er seine Hand gelegt hat, ist Neues geworden, und dies verweist zugleich darauf, daß Christsein Verwandlung sein muß, Bekehrung und nicht sozusagen irgendeine Verzierung zum übrigen Leben dazu.

Und ein zweites: Was hier geschieht, ist nicht nur eine Vereinbarung, die unter uns getroffen wurde, nicht ein Spiel, sondern Wirklichkeit. Wer ja zu diesem Glauben in Jesus, dem Christus sagt, der weiß, daß hier der Herr selbst handelt und Neues macht. Was hier geschieht, ist nicht Umfunktionieren, sondern Selbsthingabe, die bleibt, und weil sie bleibt, deswegen beten wir den Herrn in der Hostie an. Niemand also kann kommunizieren, der nicht zuvor auch angebetet hat. Wir stehen heute in großer Gefahr, daß unsere Kirchen Museen werden und daß es ihnen dann geht, wie es Museen ergeht: Wenn sie nicht bewacht sind, werden sie beraubt. Sie leben nicht mehr. Das Maß der Lebendigkeit der Kirche, das Maß ihrer inneren Offenheit wird sich darin zeigen, daß sie ihre Türen offenhalten kann, weil sie durchbetete Kirche ist.

Das Wichtigste aber ist, sagt Alfred Delp, die ungebrochene Treue und die nie verratene Anbetung. So kann dieses Ja zum Glauben in ein Ja zum Leben verwandelt werden, denn der Herr schenkt sich uns leibhaftig. Deshalb muß ihm unsere leibhaftige Antwort des ganzen Menschen entsprechen, das heißt, Eucharistie muß immer über die Grenzen der Kirche hinausreichen, uns als leibhaftige Menschen einfordern.

Aber ist nicht gerade dies eines der tragischesten Kennzeichen unserer Zeit: diese Spaltung zwischen Glauben und Leben? Für viele Christen sind dies zwei verschiedene Welten, die beziehungslos nebeneinander stehen. Der sonntägliche Gottesdienst und der Alltag der Woche haben nichts mitsammen zu tun. Dies mag viele Ursachen haben. Eine davon ist gewiß die Meinung, der Glaube unterdrücke das Leben. Gott wird als der große Neider angesehen, der mir jede Freude mißgönnt und mich von den Menschen trennt. Fasziniert von den Dingen dieser Welt, von Macht, Reichtum, Schönheit und Genuß kann der Mensch auf Gott vergessen. Betroffen vom Elend und der Not in der Welt, kann er an Gott verzweifeln; und trotzdem können die Lebenserfahrungen auch zu Glaubenserfahrungen werden.

Dann nämlich, wenn die Minderung des Lebens als eine Begegnung erfahren wird. Wer sich den Nöten des Menschen stellt, den Hungernden, Kranken, den Notleidenden aller Art tatkräftig hilft, der täuscht sich selbst nicht mit leeren Worten. Dies im Glauben zu begreifen und zu bekennen, ist angesichts der Zukunftsängste und der zunehmenden Weltuntergangsstimmung so vieler Menschen besonders aktuell.

Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag. So lautet das Wort des Herrn in der Brotrede der Synagoge zu Kapharnaum. Lassen Sie diesen Bezug des Fronleichnamsfestes nicht untergehen. Das Ja zum Glauben ist immer ein Ja zum Leben, zum neuen, unzerstörbaren Leben. Denn Eucharistie ist das Unterpfand, daß das letzte Wort über mein persönliches Leben, aber auch über das Schicksal der ganzen Welt nicht Sinnlosigkeit, nicht Chaos und Untergang heißen, kann, sondern Vollendung in Christus.

Der Autor ist Leiter des Generalsekretariates für den Papstbesuch 1988. Auszug aus einer Ansprache im ORF am 2. Juni 1988.

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