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Digital In Arbeit

Die unwirklichste Geschichte der Welt

Seit Fünf Jahren arbeite ich als Malergehilfe bei der Firma Smetana. Mein Vater war ebenfalls Maler. Ein gewöhnlicher Maler und Anstreicher, kein Kunstmaler. Mein Vater war allerdings ein talentvoller Mann, er interessierte sich in seiner kargen Freizeit für Kunst und renovierte Gemälde wie ein erfahrener Meisterrestaurator. Ich habe von seiner Begabung wenig geerbt. Zwar beschäftige ich mich auch mit Kunst, verstehe gewiß mehr als die meisten meiner Kollegen im Betrieb, doch gelte ich mit Recht als simpler Anstreicher. Mein Chef anerkennt meine kunsthandwerkliclien Ambitionen und schickt mich oft in schöne Altbauten und Schlösser, wo es beim Malen oder Streichen auf ein wenig Fingerspitzengefühl ankommt. Solche Arbeiten sind mir am liebsten.

Es ist kein Wunder, daß mich daher mein Chef sofort in das Ministerium (der Name des Ministeriums tut hier nichts zur Sache) beordert, als es gilt, einen Mann für geschmackvolle Restaurierungsarbeiten dorthin abzustellen. Ab diesem Zeitpunkt arbeite ich ständig im Ministerium. Ich Fühle mich fast schon selbst wie ein Ministeriumsangestellter, schließlich verrichte ich meine Tätigkeit dort seit vielen Monaten ohne Unterbrechung. Sogar der Portier kennt mich schon bestens und behandelt mich wie einen Angehörigen des Ministeriums. Ich habe dem Portier heuer zu Silvester eine Flasche Kognak spendiert, wie die vielen Hofräte und Ministerialräte.

Anfangs hatte ich mich gewundert, daß ein einfacher Portier sichtlich ohne Grund so reichhaltig beschenkt wird. Aber seit längerer Zeit wundere ich mich nicht mehr, ich kenne jetzt nicht nur Details, sondern kenne auch Zusammenhänge, ich muß gestehen, mir sind da ganz andere auffällige und aufreizende Dinge untergekommen. Mir Fällt es nicht schwer, ungehindert zu beobachten und zu spionieren, denn fast alle Beamten halten mich Für irgendeinen albernen Lümmel, der zu nichts anderem Fähig ist, als einen Malerpinsel in der Hand zu halten.

Natürlich Führen diese Beamten oft die trockensten Dispute, ich höre dann gar nicht hin. Auch ihre anderen Gespräche - meist privater Natur - interessieren mich nicht.sehr. Ich sehe diese Beamten, wie sie sich alle zehn Minuten eine Zigarette anzünden, sich umständlich die Fingernägel ihrer zarten Hände maniküren oder sich diese Jungfrauenhände waschen, obwohl sie ganz rein sind.

Ich wasche mir jetzt auch öfters die Hände und entspanne mich in der Art der Beamten. Niemals betrachten sie meine Pausen kritisch. Ich habe noch nie so eine ruhige Kugel wie in diesem Ministerium geschoben. Eigentlich war ich nie ein träger Bursche, aber ehrlich gesagt, der Lebensstil meiner Umgebung gefällt mir.

Am meisten imponiert mir Herr Rentsch. Er kommt jeden Morgen Punkt neun in sein Bürozimmer. Er liest dann gründlich mehrere Zeitungen; er beginnt stets mit dem Sportteil, dann liest er den Kulturteil. Dann zieht er einen Akt aus dem Schrank, läßt den geöffneten Akt unbearbeitet auf dem Schreibtisch liegen. Das macht Herr Rentsch alles sehr langsam und gelangweilt. Aktiv wird er erst beim Verfassen von seinen Vierzeilern. Ich habe früher nicht gewußt, was ein Vierzeiler ist. Ein Vierzeiler ist ein Gedicht mit vier Zeilen. Ich zitiere ein Beispiel:

Der Computer findet alles gut

mit selbstgefälliger Miene.

Nicht leugnen läßt sich sein Talent,

ihm fehlt bloß beamtene Routine.

Das ist von mir. Herr Rentsch schreibt auch nicht viel besser. Ich werfe meine geistigen Produkte stets in das Klosett und betätige lange die Spülung. Was Herr Rentsch mit seinen jämmerlichen Vierzeilern anstellt, weiß ich nicht. Vielleicht ordnet er sie säuberlich und reiht sie neben den hochwichtigen Akten ein.

Angeblich hat Herr Rentsch schon ein Buch mit Gedichten veröffentlicht. Das glaube ich nicht recht. Wen sollen solche Vierzeiler begeistern? Macht sich Herr Rentsch Gedanken über sein Leben? Macht er sich Gedanken über das Leben seiner Mitmenschen? Herr Rentsch erfüllt seine Pflicht, sogar vorzüglich, in seiner Dienstbeschreibung wird nur das Allerbeste über sein Beamtensein ausgesagt.

Oft hört er vormittags Radio. Ist das verboten? Der Vorgesetzte des Herrn Rentsch hat bisher noch nie etwas dagegen gehabt. Der Vorgesetzte hat einen Fernsehapparat in seinem Dienstzimmer stehen, im Winter sieht er sich mit großer Leidenschaft Skirennen an. Mein Gott, das schaut so aus, als würde ich Herrn Rentsch oder jemand anderen gern in ein schiefes Licht rücken. Das liegt mir sehr fern. Ich gebe zu, ich beneide Herrn Rentsch etwas, aber ich bewundere ihn sehr. Vor allem bin ich von seiner stoischen Ruhe angetan. Es gibt nur ein einziges Ereignis, bei dem Herr Rentsch schnell reagiert und von seinem Sessel aufspringt: Wenn es unten auf der sehr frequentierten Straße zwischen zwei Autos zu einem Zusammenstoß kommt. Unter dem Bürofenster des Herrn Rentsch befindet sich nämlich eine gefährliche Kreuzung, wo sich mindestens einmal in der Woche ein Unfall ereignet. Herr Rentsch hetzt dann wie ein Verrückter zum Fenster und beugt sich hinaus.

Übrigens rennen fast alle Beamten zu den Fenstern, dann gibt es in den Etagen des Ministeriums kein einziges Fenster, wo nicht ein Neugieriger hinausstarrt. Anschließend wird dann lange und heftig über die Schuld eines der beiden Fahrer diskutiert. Stets kommen sie zu einem Ergebnis. Stets kanzeln sie den Schuldigen ab. Sie verurteilen Menschen. Sie verwalten Menschen. Sie verwalten die Wörter. Sie verwalten die Verwaltung. Sie verwalten die Macht.

Und ich tauche den Kunsthaarpinsel in die gelbweiße Dispersionsfarbe und streiche zügig über die kahle Wand. Ich mache nachdenklich weiter. Die Beamten sehen mich mit Blicken an, die jede Interessenverbindung ausschließen. In kühnen Träumen denke ich manchmal: diese Unterschriftenmappe wird meine Unterschriftenmappe sein, diese Schreibmaschine wird meine Schreibmaschine sein, dieser Ministerialrat wird mein Ministerialrat sein.

Aber bin ich überhaupt dazu fähig, ein Beamter zu sein? Bin ich würdig, in den Staatsdienst zu treten? Besitze ich vor allem die notwendige Herzlosigkeit des echten Beamtentyps? Sehr oft habe ich erlebt, daß irgendwelche Personen zu einem Beamten pilgern und dann sagt dieser zynisch: „Gut, wenn Sie einen Baum aufstellen wollen, wir stellen einen ganzen Wald auf!“ Das ist keine leere Redensart. Ja, jedem Beamten stehen unendlich viele Wälder zur Verfügung.

Gewiß, es schleichen auch manchmal Querulanten und sonstige unangenehme Geschöpfe in die Kanzleien der Ministerien und veranstalten regelrechte Belagerungen. Doch schließlich werden diese Querulanten von einer bestimmten Beamtenschaft herangezüchtet.

Ich könnte heute schon Fahrdienstleiter sein, wie ein guter Freund von mir. Damals bin ich in der fünften Klasse des Gymnasium ausgetreten und habe danach meine Malerlehre angetreten. Übrigens besuche ich seit neuestem abends eine Maturaschule,

um mich - versehen mit einem erstklassigen Reifezeugnis - später im Staatsdienst zu bewerben. Ich habe während meiner Malertätigkeit genug Zeit zum Lernen.

Wenn ich an meine ebenfalls einen Beruf ausübenden Mitschüler denke, wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie diese oft übermüdet und nervös sind, dann kann ich mich über mein Schicksal wahrlich nicht beklagen. Ich sperre mich oft in der geräumigen Besenkammer ein, zwischen Waschpulverpaketen stehen meine Skripten und Bücher, ein kleiner Studiersaal. Ich habe jedenfalls sehr von meiner werten Umgebung gelernt, alle diese geachteten Herren sind Meister im Einrichten von Idyllen und Schutzzonen.

Ich bin neunundzwanzig Jahre alt und habe gestern vor der Prüfungskommission die Matura bestanden. Ich will mir nichts vormachen, ich weiß, auch in Zukunft werde ich mich immens anstrengen müssen. Jahrzehntelang werde ich hintereinem Schreibtisch dösen, das ist doch sehr anstrengend. Außerdem ist dieses Hinter-dem-Schreib- tisch-Sitzen nicht meine wahre Neigung. Aber ich kann zum Glück meine Neigungen ändern, ich kann mir über Nacht andere Neigungen zulegen. Man muß aus seiner Lage immer das Beste machen …

Herr Rentsch zum Beispiel kann sich den Luxus erlauben, Dichter zu sein. Er ist ein echter Dichter,-er kümmert sich nicht um Leser, auch nicht um imaginäre. Herr Rentsch legt auf etwaige Veröffentlichungen keinen großen Wert, denn was sollte so eine Publikation schon bewirken? Ein paar Leser, das übliche Geschwätz der Boulevardpresse, sonst nichts.

Gestern ist Fürtier krank geworden Fürtier ist ein Malerkollege von mir. Ich hätte das nicht erfahren., aber mein Chef Smetana läßt mich holen und sagt: „Herr Fürtier ist krank geworden. Ich muß Sie aus dem Ministerium ab- ziehen, denn Sie müssen Fürtier ersetzen.“

Das trifft mich schwer: „Ich muß also an einer anderen Arbeitsstelle arbeiten?“

Der Chef scheint meine Gedanken zu erraten: „Keine Angst. Wenn der Fürtier wieder gesund ist, kehren Sie selbstverständlich wieder in das Ministerium

zurück.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Zu meinem Entsetzen werde ich in eine Strafanstalt abkommandiert, dort ist ein neuer Bürobau mit einer Spezialfarbe zu besprühen. Es wimmelt in der Strafanstalt nur so von feisten Beamten. Komisch, daß ein Mensch so dumm sein kann, um in eine Strafanstalt als Beamter zu gehen. Und ich frage einen jüngeren Beamten, was ihn dazu bewogen hat, hier als Beamter sein Leben zu fristen.

Der Beamte, ein mundfauler Typ, ist über meine Frage erbost und erstaunt zugleich, dann rafft er sich zu folgender Antwort auf: „Ich war früher Maurer. Dann kam ich eines Tages hierher, um zu arbeiten, ich mußte für eine hohe Mauer die Ziegel hinaufbefördern. Es war mitten im Sommer, ich schwitzte wie ein Pflasterer. Und neben mir standen lauter Beamte, sie rührten keinen Finger. Da beschloß ich, in die Justizverwaltung einzutreten. Es ist gutgegangen, ich wurde genommen. Ich habe es nie bereut. Ob Sie es mir glauben oder nicht, ich betätige nicht einmal das Auf- und Zusperren der Zellentüren. Ich lasse das von einem abgerichteten Häftling besorgen. Ich mache nichts, außer mir das Geld bei der Bank abholen.“

Früher hätte ich einen solchen Kerl als Schweinehund oder als Waschlappen eingestuft. Aber heute? Heute werden solche Typen en masse mit Orden und Dekreten ausgezeichnet. Das sind sozusagen alles treue Söhne unseres Volkes.

Ich biete dem phlegmatischen Beamten, der mir gar nicht so unsympathisch ist, ein Bier an. Doch er lehnt freundlich ab: „Im Dienst trinke ich nicht.“

Er hat einen festen Charakter. Ja, das Wichtigste für einen Beamten ist ein fester Charakter. Ich glaube, ich habe diesen.

Ich werde morgen bei der Firma Smetana kündigen. Dann werde ich in den Staatsdienst eintreten und Beamter werden. Meine Erleuchtung macht verheißungsvolle Fortschritte.

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