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Die USA im Perot-Fieber

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H. Ross Perot, der drahtige Multimilliardär aus Texas und Immer-noch-nicht-Kandidat, hat den ersten Durchgang der US-Präsidentenwahl nach Punkten klar für sich entschieden. Perot führt bei bundesweiten Meinungsumfragen mit 38 Prozent vor Bush mit 30 und Clinton mit 26 Prozent der Wählerstimmen.

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H. Ross Perot, der drahtige Multimilliardär aus Texas und Immer-noch-nicht-Kandidat, hat den ersten Durchgang der US-Präsidentenwahl nach Punkten klar für sich entschieden. Perot führt bei bundesweiten Meinungsumfragen mit 38 Prozent vor Bush mit 30 und Clinton mit 26 Prozent der Wählerstimmen.

Politische Beobachter gehen mittlerweile davon aus, daß Ross Perot gute Chancen hat, der nächste Präsident der USA zu werden. Kein unabhängiger Kandidat, meist Protestkandidaten, hat zwar jemals die Wahlen gewonnen; keiner unter ihnen hat aber in einem so frühen Stadium des Wahlkampfs bereits eine so breite Unterstützung bei allen Wählerschichten verzeichnen können. Oder anderes gerechnet: Perot liegt in allen großen Bundesstaaten des Westens, Südwestens und in Florida klar in Führung.

Gouverneur Clinton hat bisher lediglich in seinem bevölkerungsarmen Heimatstaat Arkansas eine Mehrheit. Präsident Bush liegt in New York und einigen kleinen Ostküstenstaaten vorne. Unter diesen Voraussetzungen könnte Perot theoretisch die nötige Mehrheit von 270 Wahlmännerstimmen auf sich vereinen.

Freilich gibt es die großen Unbekannten im Kampf um das Präsidentenamt. Perot hat ein schlechtes Image bei - wahlentscheidenden - Frauen und Minderheiten. Clinton, der derzeit klar am dritten Platz tümpelt, wählte noch keinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten. Gelingt ihm eine geschickte Personalentscheidung, liegen die Karten wieder ganz anders.

Dasselbe gilt natürlich für Ross Perot. Mit der Bestellung von Hamilton Jordan und Ed Rollins zu seinen Wahlkampfleitern hat er bereits zwei gute Karten gezogen; beide sind bekannte Spitzenmänner aus dem -demokratischen respektive republikanischen - Beraterzirkus der US-Politik und beide haben höchst erfolgreich dazu beigetragen, daß die ehemaligen Außenseiter Jimmy Carter beziehungsweise Ronald Reagan zu Präsidenten der USA gekürt wurden.

Einstweilen liegen die USA ganz im „Perot-Fieber". Die Medien finden in ihm eine unerschöpfliche Story und tragen zu seiner allgegenwärtigen Popularität bei. Trotzdem entsteht der paradoxe Eindruck, Perot habe lediglich „Prinzipien" aber kein „Programm" anzubieten.

„Wir müssen die besten sein"

Perot hat klare Vorstellungen vom tristen Schicksal der USA. Er ist ideologisch kaum vorbelastet und neigt zu pragmatischen Lösungen. Perot weiß

- im Unterschied zu Bush und Clinton

- etwa um das enorme Risiko eines Freihandelsabkommens mit Mexiko: „Ich bin philosophisch kein Protektionist, aber als Geschäftsmann verstehe ich die sehr pragmatische Entscheidung, was es heißt, wenn ich in Mexiko eine Fabrik aufmachen kann, wo ich meinen Arbeitskräften einen Dollar die Stunde bezahle und mit keinen Sozialleistungen und Umweltabgaben belastet bin." In den USA wird aber nach den Worten Perots „mit jeder Fabrik gleich eine Kleinstadt zugesperrt"

Perot will - für das konservative Amerika eine ungeheuerliche Idee -nach dem Muster Japans und Europas branchenweise strategische Industriepolitik betreiben. „Wir müssen sicherstellen, daß wir die besten und ersten in der Welt sind", verkündet er in seiner texanischen Überheblichkeit, in der alles „Weltklasse" zu bieten hat. Er hat - im Unterschied zu den meisten Politikern und Wirtschaftsbossen - begriffen, daß es „bizarr ist, daß wir beispielsweise keine elektronischen Geräte für unsere Konsumenten herstellen. Das sind doch die Industrien der Zukunft. Und wenn wir diese Branche ignorieren, stehen wir bald auf dem Niveau eines Entwicklungslandes."

Perot glaubt nicht an den unter Wall-Street-Ökonomen verbreiteten Mythos, daß die Industrieproduktion so ohne weiteres in Billiglohnländer abwandern kann: „Die Beschäftigten in der Autoindustrie können doch nicht plötzlich Computersoftware erzeugen. Die meisten Menschen in diesem Land haben dafür gar nicht die Voraussetzung in ihrer Ausbildung bekommen." Mit scharfen Worten macht er die kurzfristigen Gewinnstrategien der Banker, Börsenhändler und Manager für die enormen Strukturschwächen der amerikanischen Wirtschaft verantwortlich: „Die wissen alle zusammen nicht, wie ein Auto oder Fernsehgerät gebaut wird, sondern können nur am Over-headprojektor ihre Phantasiekurven zeichnen."

Kraftmeierei

Perot kritisiert die Schwächen des finanziell ausgehungerten Bildungssystems und verlangt von den sportbegeisterten Gemütern Amerikas recht viel, wenn er betont: „Sport und Bildung sind nicht gleichberechtigt. Wenn ich entscheiden müßte, ich wüßte eine eindeutige Wahl zu treffen." Er verlangt sehr konkrete Maßnahmen, damit das akademische Niveau der Schüler aller Einkommensschichten „Weltklasse" bekommen könnte. H. Ross Perot wirft auch seine düsteren Schatten: Außenpolitisch sieht er überall die große Verschwörung gegenüber den USA. Dementsprechend gespenstisch klingt seine Geschichte, wie er in waghalsiger und kostspieliger Kraftmeierei sich einen Namen in Vietnam, im Iran oder Libanon gemacht hat.

Perot muß generell klären, was an semifaschistischen Kommandoallüren in seiner Brust steckt. Und einstweilen sind es noch unbestätigte Gerüchte, daß er von antisemitischen und rassistischen Vorurteilen geprägt ist.

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