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Die Verantwortung der Naturwissenschaft

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Wegen der oft gigantischen A uswirkungen ihrer Entdeckungen darf Forschung nicht nur mit dem Hirn, sondern muß vor allem auch mit Herz und Verantwortungsgefühl betrieben werden. Dies fordert der Schweizer Naturwissenschaftler Thürkauf und verweist darauf, daß verantwortete Wissenschaft, sich stets der Grenzen ihrer Erkenntnis bewußt sein muß.

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Wegen der oft gigantischen A uswirkungen ihrer Entdeckungen darf Forschung nicht nur mit dem Hirn, sondern muß vor allem auch mit Herz und Verantwortungsgefühl betrieben werden. Dies fordert der Schweizer Naturwissenschaftler Thürkauf und verweist darauf, daß verantwortete Wissenschaft, sich stets der Grenzen ihrer Erkenntnis bewußt sein muß.

Im Verlauf der letzten hundert Jahre hat der Siegeszug der Technik dazu geführt, daß die Philosophie aus der Naturwissenschaft verdrängt wurde. Dadurch wurde diese ausschließlich auf ein physikalisch-chemisches Denken reduziert. In der auf solche Weise vereinfachten Naturforschung wurde sowohl die ästhetische als auch die moralisch-ethische Urteilskraft für gegenstandslos erklärt und dementsprechend eine wertfreie Wissenschaft proklamiert.

In der auf einer solchen Wissenschaft beruhende Technik kennt man somit nur eine technische Verantwortung, die per Checkliste übertragbar ist.

Im Gegensatz dazu kann eine moralische Verantwortung nicht delegiert werden. Der Versuch, moralische Verantwortung zu delegieren, führt, wie Karl Jaspers sagt, in die Verantwortungslosigkeit. Die Situation soll mit einem Beispiel anschaulich gemacht werden:

Ein Lokomotivführer kann bei Schichtwechsel die Verantwortung für das Führen des Eisenbahnzuges voll und ganz seinem Kollegen übertragen, der ihn ablöst. Es handelt sich dabei ausschließlich um eine technische Verantwortung.

Wir wechseln zu einer anderen Maschine: In einer chemischen Fabrik wird Napalm hergestellt, das Feuerbombenmittel zur massiven Verstümmelung und Vernichtung von Menschen. Bei Schichtwechsel kann der leitende Chemiker die technische Verantwortung für das Funktionieren der Anlage seinem Kollegen übertragen. Aber die moralische Verantwortung dafür, daß er sich an der Fabrikation eines Menschenvernichtungsmittels beteiligt, nimmt er mit nach Hause, an den Familientisch.'

Er nimmt sie immer dorthin mit, wo ihn niemand vertreten kann; zum Essen, ins Krankenbett, in den Schlaf und - welche Ansicht er über dessen großen Bruder, den Tod, auch haben mag - mit in sein Grab.

Es gibt keine Checkliste für das Tragen von moralischer Verantwortung. Jeder muß mit ihr selber und auf seine Weise fertig werden. Moralische Verantwortung ist immer persönlich wie die Liebe und das Gewissen, in welchen; sie wurzelt. Sie bezieht sich auf das Herz, auf jenen Bereich der menschlichen Individualität, der mit dem Kopf allein - also wissenschaftlich - nicht erfaßbar ist.

Jeder Versuch, die Liebe wissenschaftlich zu erfassen, führt in die Lieblosigkeit, die von einer bekannten Sorte moderner Psychologen demonstriert wird. Auf der Bühne der heutigen Naturwissenschaft darf nur mit Kopf und Hand gespielt werden, nur denken und experimentieren sind erlaubt. Das Herz wird zu einer Blutpumpe degradiert, fühlen und lieben sind im Laboratorium verboten. Die Lieblosigkeit und die daraus folgende Häßlichkeit sind geradezu Attribute moderner Wissenschaftlichkeit geworden . . .

Ein Pilot, der die Leistungsgrenzen seiner Maschine nicht kennt, ist gewiß kein verantwortungsbewußter Pilot, was aber nicht ausschließt, daß er ein kühner Flieger sein kann. Solange er eine einsitzige Maschine über unbewohntem Gebiet fliegt, ist seine Ah-nungslosigkeit gewissermaßen Privatsache.

Als Kommandant eines Verkehrsflugzeuges aber muß er wissen, wie weit er mit seiner Maschine gehen darf. Denn jetzt hat der Pilot Passagiere, denen gegenüber er eine Verantwortung trägt.

Die Methoden der Naturwissenschaft sind von einer solchen Struktur, die es einem Chemiker oder Physiker erlaubt, auf einem Spezialgebiet geniale Leistungen zu vollbringen, ohne sich um die Erkenntnisgrenzen kümmern zu müssen. Mit anderen Worten: Es ist durchaus möglich, Nobelpreise für Chemie und Physik zu erringen, ohne sich jemals die Frage gestellt zu haben: „Was ist Chemie, Physik?"

Die moderne Naturwissenschaft ist dermaßen technisiert und entphilosophiert, daß sie ohne Einbuße an Erfolgen unreflektiert betrieben werden kann. Daß die Erfolge von dieser Tatsache geprägt werden, liegt auf der Hand.

Solange ein Wissenschaftler, der sich um die Erkenntnisgrenzen seiner Tätigkeit nicht kümmert, für sich bleibt, wenn er keine Erfindung über die Schwelle seines Laboratoriums läßt, so. mag dies, wie beim Piloten, Privatsache sein. Werden seine Erfindungen aber von der Industrie ausgewertet - hat der „Pilot" also „Passagiere" -, so ist seine Wissenschaft nicht mehr wertfrei und er ist für die Folgen moralisch voll verantwortlich ...

Damit ein Naturwissenschaftler in Hinsicht auf seine Tätigkeit als Chemiker oder Physiker eine moralische Verantwortung tragen kann, muß er wissen, daß der Erkenntnisbereich seiner Methoden nur bis an jene Stelle reicht, wo das Leben beginnt.

Bekanntlich herrscht unter den Materialisten die Meinung, daß es gewiß einmal möglich sein werde, Leben im Laboratorium zu synthetisieren. Diese Hoffnung gehört aber nicht in die naturwissenschaftliche, sondern in die theologische Fakultät. Denn sie ist nicht eine Frage der Wissenschaft, sondern des Glaubens.

Wenn - was beim enormen Aufwand in den molekularbiologischen Laboratorien zu erwarten ist - demnächst ein. einfaches Virus synthetisiert werden kann, so werden die physikalisch-chemischen Prozesse dieses einfachen Virus bekannt sein. Da das Virus aber nicht ausschließlich physikalisch-chemisch, d. h. nur durch Zusammenwirken von Chemikalien und sonst nichts anderem entstanden ist, sondern - wie

der enorme Aufwand der Molekularbiologen beweist - hauptsächlich durch die vom Geist gelenkten Hände des Menschen, wird das Geheimnis des Lebens dann gelüftet sein, wenn das Geheimnis des Menschen enträtselt ist. ..

In Hinsicht auf die moralische Verantwortung der Naturwissenschaftler gegenüber dem Leben ist zu bemerken, daß die Methoden nicht den tatsächlichen Gegebenheiten des menschlichen • Lebens entsprechen, da sie sich auf Kopf und Hand, auf Denken und Experimentieren beschränken. Es fehlt das Herz, das Fühlen!

Im modernen Laboratorium ist das Herz nicht nur gegenstandslos, sondern verboten. Die Gefühle müssen ausgeschlossen werden: es sind nur sachliches Denken und objektives Experimentieren erlaubt. Wie die moderne Technik zeigt, ist eine solchermaßen exklusive Naturforschung in materiellen Belangen erfolgreich.

Sie ist aber nur zu verantworten, wenn erstens die Erkenntnisgrenze respektiert wird, die dort verläuft,, wo das Leben beginnt, und wenn zweitens die Wissenschaftler sich der Einseitigkeit ihres Handelns bewußt sind.

Selbstverständlich zeigen physikalisch-chemische Meßgeräte stets die ihnen entsprechenden Meßwerte an, wenn man sie an ein Lebewesen anschließt. Was anderes sollte sie anzeigen? Daraus und weil man ein Leben lang nichts anderes gemacht hat, als physikalisch-chemisch gedacht, darf man aber nicht schließen, daß es nichts anderes gibt als Chemie und Physik .. .

Aus der herzlosen, also unmenschlichen Naturwissenschaft - die jenen Gelehrten, die sie für sich behalten, nicht genommen sein soll - wird bei der Anwendung eine ebenso herzlose und unmenschliche Technik.

Die Technokraten beziehen sich nur auf die hervorbringende Urteilskraft des reproduzierbaren Experiments. Die anschauende Urteilskraft der Gestaltenwelt, die ästhetische Urteilskraft der Künste und die moralisch-ethische Urteilskraft der sittlichen Daseinsbereiche sind für die moderne Naturwissenschaft gegenstandslos.

Deshalb ist die heutige Technik eine Kopf-Hand-Technik, in welcher die im Herzen wohnenden Werte der Liebe und der Schönheit keine Bedeutung haben. So müssen wir uns nicht wundern, wenn unsere Welt durch diese Technik immer liebloser und häßlicher wird.

Gewiß ist der Zivilisationsgrad der Menschheit gewaltig gestiegen, aber ebenso gewaltig ist der Zerfall von kulturellen Werten. Eine Kultur ohne Zivilisation ist nicht möglich, leider aber eine Zivilisation ohne Kultur, ein Zustand, dem sich die Technokraten mit Riesenschritten nähern. Die Technokratie ist die Staatsform der kulturlosen Zivilisation, von welcher die letzte Stufe abwärts führt zur Diktatur der Maschine - zum Technofaschismus. Das müßte nicht so sein. Eine Naturwissenschaft von Kopf, Herz und Hand ist durchaus möglich. Es ist jene Art von Naturforschung, die von Goethe begründet worden ist. Aber leider hat sich diese Wissenschaft nicht durchzusetzen vermocht: Es Haben sich nicht die Goethes, sondern die Edisons vermehrt.

Welche Maschinen und Chemikalien können mit der heutigen Technik gemacht werden? Alle, die den Gesetzen der Chemie und Physik nicht widersprechen. Den Gesetzen des Lebens dürfen diese Maschinen ohne weiteres widersprechen, das macht nichts - sie laufen trotzdem.

Alle Maschinen, die der Größe, der

Zahl nach maßlos sind, widersprechen den Gesetzen des Lebens, weil alles Leben an strenge Maße gebunden ist -eben an die Gesetze des Lebens. Alle lärmigen Maschinen widersprechen dem Leben - das Leben ist leise. Alle offenen Prozesse widersprechen dem Leben: Die Lebensprozesse beruhen auf Kreisläufen, sie beuten keine Rohstoffe aus und hinterlassen keine Müllhalden.

Chemiker, Physiker, Biologen und Ingenieure sind Schicksalsberufe der Jahrtausendwende. Von ihnen hängt es zu einem großen Teil ab, ob das Christentum aus einem Aufstieg oder einem Untergang des Abendlandes verwirklicht wird. An der Verwirklichung zweifle ich nicht, aber der Weg dazu wird immer zweifelhafter.

Wie Christus verkündet hat, ist eine Verwirklichung nur durch Liebe möglich. Was uns fehlt, ist nicht Kopf, sondern Herz: Nur wer ein großes Herz hat, kann sich einen großen Kopf leisten. Ein Kopf, der auf einem zu engen Herzen sitzt, läuft Gefahr, eine Intelligenzbestie zu werden.

Was wir dringend brauchen, sind Naturwissenschaftler und Ingenieure, die auch mit dem Herzen forschen und konstruieren. Die nicht nur die hervorbringende Urteilskraft der modernen Naturwissenschaft einsetzen, sondern auch mit der anschauenden, der ästhetischen und der moralisch-ethischen Urteilskraft arbeiten. Forscher, welche die Natur lieben und nicht als Ausbeutungsobjekt betrachten, die sehen, daß die Erde Heimat des Lebens ist, die Ehrfurcht vor dem Leben haben.

Solche Naturwissenschaftler und Ingenieure denken nicht bloß physikalisch-chemisch, sondern sie denken auch über die Chemie und die Physik, um den Erkenntnisbereich ihres Tuns zu erkennen. So werden sie sehen, daß der Erkenntnisbereich der Chemie und Physik dort endet, wo das Leben beginnt. Sie werden sich bewußt sein, daß

bei der Anwendung einer Technik die nur auf den Gesetzen der Chemie und Physik beruht, allergrößte Zurückhaltung am Platz ist - aus Ehrfurcht vor dem Leben .. .

Ich rufe alle Jungen auf, die eine Begabung für die Schicksalsberufe der Jahrtausendwende fühlen: Werdet Chemiker, Physiker, Biologen und Ingenieure mit Kopf, Herz und Hand! Wenn auch die Uberwindung des Materialismus gelingt, werdet ihr zu den Begründern einer Kultur von noch nie dagewesener Blüte gehören - zu den Verwirklichern des Christentums!

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus einem der Vorträge, die auf dem „Ersten Weltkongreß für Alternativen und Umwelt" gehalten wurden. Seine Ergebnisse wurden kürzlich in einem überaus interessanten Sammelband veröffentlicht. WELTKONGRESS ALTERNATIVEN UND UMWELT, PROTOKOLLE. Von Alois Engländer (Hrsg.). Zu beziehen über Morawa, öS 350.-

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