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Die Vergangenheit abschaffen?

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Mehrere Stunden lang diskutierten kürzlich im slowenischen Bildungsheim Tainach in Kärnten Vertreter der slowenischen Volksgruppe mit Journalisten Österreichs Minderheitenfrage in allen ihren Aspekten. Immer wieder tauchte dabei die Erinnerung an die Fünfzigjahrfeier der Volksabstimmung von 1920 auf, in deren Folge sich schließlich der Ortstafelsturm von 1972 entwickelte, immer wieder auch die Sorge, ob nicht der bevorstehende 60. Jahrestag erneut Anlaß zur Eskalierung des Streits bieten könnte - vor allem dann, wenn Extremisten beider Seiten den Appellen, gemeinsam den Gedenktag zu begehen, entgegenarbeiten könnten. Bis im Schlußwort die Forderung erklang: Verzichtet auf den 10. Oktober! Verzichtet auf einen Anlaß, langsam vernarbende Wunden erneut aufzureißen! Applaus auf der einen, Protest auf der andern Seite bewiesen, daß hier an ein Tabu gerührt worden war. Heinz Stritzl, Redaktionsleiter der „Kleinen Zeitung" in Klagenfurt, und Felix Gamillscheg, Leiter der Katholischen Medienakademie, vertreten hier die Pro- beziehungsweise Kontra-Position.

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Mehrere Stunden lang diskutierten kürzlich im slowenischen Bildungsheim Tainach in Kärnten Vertreter der slowenischen Volksgruppe mit Journalisten Österreichs Minderheitenfrage in allen ihren Aspekten. Immer wieder tauchte dabei die Erinnerung an die Fünfzigjahrfeier der Volksabstimmung von 1920 auf, in deren Folge sich schließlich der Ortstafelsturm von 1972 entwickelte, immer wieder auch die Sorge, ob nicht der bevorstehende 60. Jahrestag erneut Anlaß zur Eskalierung des Streits bieten könnte - vor allem dann, wenn Extremisten beider Seiten den Appellen, gemeinsam den Gedenktag zu begehen, entgegenarbeiten könnten. Bis im Schlußwort die Forderung erklang: Verzichtet auf den 10. Oktober! Verzichtet auf einen Anlaß, langsam vernarbende Wunden erneut aufzureißen! Applaus auf der einen, Protest auf der andern Seite bewiesen, daß hier an ein Tabu gerührt worden war. Heinz Stritzl, Redaktionsleiter der „Kleinen Zeitung" in Klagenfurt, und Felix Gamillscheg, Leiter der Katholischen Medienakademie, vertreten hier die Pro- beziehungsweise Kontra-Position.

Zu den eindrucksvollsten Erlebnissen zählt für mich Jahr für Jahr die österreichisch-italienische Gedenkfeier am Plöcken-paß, einem der umkämpftesten Abschnitte der karnischen Front im Ersten Weltkrieg. Nach dem Totengedenken bei der Heldenkapelle am Vormittag folgt' am Nachmittag im italienischen Timau eine schlichte Feier in der Wallfahrtskirche „Zum alten Gott" mit ihren Hunderten Erinnerungstafeln an gefallene Soldaten. Ehemalige Feinde begegnen einander ohne Groll, im Wissen um das damals unabänderliche Schicksal als Nachbarn und der Zukunft zugewandte Europäer.

Wenn jüngst bei einer Veranstaltung im gemischtsprachigen Gebiet Kärntens vom Leiter der Katholischen Medienakademie, Dr. Felix Gamillscheg, der Vorschlag gemacht wurde, den Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung, den 10. Oktober, als Landesfeiertag abzuschaffen, so verblüfft daran in erster Linie nicht die „unbefangene Verwegenheit", wie ein Berichterstatter meinte, sondern die Fremdheit, mit der ein historisch Gebildeter auf einen solchen Gedanken verfallen konnte. Die Geschichte eines Volkes ist, wie in anderen Zusammenhängen stets und zu Recht betont wird, ein großes Gemälde, aus dem man nicht nach Belieben Stücke herausschneiden oder retuschieren kann.

Im konkreten Fall schon gar nicht, weil am 10. Oktober vor 60 Jahren in Südkärnten ein Akt des Selbstbestimmungsrechtes eines Volkes abrollte, der ihm nach einem opfervollen, wenn auch zuletzt wegen überlegener militärischer Kräfte des Eindringlings verlorenen Waffenganges zugestanden wurde. Daran können in den letzten Jahren aufgetauchte Umdeutungsversuche nichts ändern. , i Die Männer, die den "Kämpf im Winter 1918/19 aufnahmen, wußten ! niehts.'Oderrnur sehrsWehSg'über dlas diplomatische Ringen im Hintergrund. Sie sahen ihr Land in Gefahr und handelten.

Die Bestätigung der Richtigkeit ihrer Handlungsweise brachte die von den Siegermächten gewährte Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920. Weshalb soll dieses Datum aus der Geschichte Kärntens gelöscht werden?

Gewiß könnte man dekretieren, daß es diesen Festtag an der Drau nicht mehr geben soll. Doch würden deshalb wirklich Feiern verhindert werden? Das Gegenteil wäre wohl der Fall, die Erinnerung an die Geschehnisse vor 60 Jahren würde nur noch intensiver begangen werden. Deswegen muß der 10. Oktober aber nicht für alle Zeiten die Mehrheitsbevölkerung von der slowenischen Volksgruppe trennen.

1920 wurde in Südkärnten kein ethnischer Kampf ausgetragen, sondern es ging um die Bewährung dieser geographisch so eindrucksvollen Einheit des Landes, in dem Menschen jahrhundertelang einmal mehr, einmal weniger glücklich - wie anderswo eben auch - zusammenlebten und ihre Heimat sehen. Daß sich rund 40 Prozent der Bewohner der Abstimmungszone für das neugeschaffene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen entschieden, kann heute nicht mehr Zankapfel sein. Gebietsverluste mußte Kärnten damals ohnehin - im Westen das Kanaltal, im Süden und Osten Seeland und das Mimeßtal - hinnehmen.

Nicht die Abschaffung des 10. Oktober ist zur Debatte zu stellen, sondern welchen ideellen Gehalt die Erinnerungsfeiern in Zukunft haben sollen. Mit Kärnten ist nicht nur ganz Österreich eingeladen, die Rettung eines der schönsten Flecken unserer Republik zu begehen, sondern auch die Nachbarregionen und jene Städte, mit denen Kärntner Gemeinden Partnerschaft pflegen. Dazu gehören Städte,und Gemeinden, die über ganz Mitteleuropa verstreut sind. Der 10. Oktober könnte also zu einem Fest der Begegnung werden!

Es geht nicht darum, einen Landesfeiertag abschaffen zu wollen, sondern - vielleicht zum ersten Mal überhaupt - einer Mentalität entgegenzutreten, die die Geschichte nach Siegern und Besiegten einteilt.

Erfreulicherweise steht der 10. Oktober heute unter dem Motto „Kärnten eins und ungeteilt", dominiert also die Freude über die erhaltene Integrität (wenigstens dieses Teiles) des österreichischen Staatsgebietes. Trotzdem ist die Tatsache nicht auszuschalten, daß die Volksabstimmung einen blutigen Abwehrkampf abschloß, in dem schließlich die einen siegten, die anderen unterlagen, und daß zwar 60 Prozent für Österreich, aber auch 40 Prozent dagegen votierten. Nicht alle diese haben die Konsequenz gezogen, die Heimat zu iverlassen. Wer geblieben ist - oder wer heute von Gebliebenen abstammt - wird seit 60 Jahren jeden Herbst daran erinnert, daß er - oder seine Vorfahren - zu den Unterlegenen zählten (und zählen?).

Ich bleibe nicht beim 10. Oktober stehen - auch wenn ich mir bewußt bin, nun von beiden Seiten „gehaut" zu werden: Die logische Fortsetzung dieses Verzichtes müßte die Schleifung sämtlicher „Helden"-Denkmä-ler sein, ob sie den „Helden" des Ab-wehfkampfes oder den „Helden" der Partisanen gewidmet sind. Wer je selbst an der Front war, weiß, mit welcher Skepsis gerade die Frontsoldaten, welcher Seite immer, diesem verlogenen Heldenmythos zugesehen haben. /

Darüber hinwegkommen zu wollen, hat nichts mit fehlendem Geschichtsbewußtsein zu tun - am Rande bemerkt: ich bin Historiker vom Fach -, auch nichts mit mangelhaftem Patriotismus. Kärnten ist Österreichs einziges Bundesland, das seinen Laridesfeiertag an ein politisches Ereignis knüpft, statt einen Heiligen zu feiem. Das hat seinen historischen Hintergrund. Muß es jedoch deswegen unabänderlich sein? Es wurden schön ältere, besser begründete Traditionen über Bord geworfen.

Österreich hat eine solche Fülle kultureller Großtaten auf seinem Konto stehen - an die auch gebührenderweise bei jedem Anlaß erinnert wird -, daß es darauf verzichten könnte, sich gerade jene Rosinen aus dem Kuchen der Geschichte herauszupicken, die mit Sicherheit einem Teil seines Volkes im Magen liegen bleiben.

Ich lasse auch den Hinweis nicht gelten, daß alle Völker ihre Heldendenkmäler aufgestellt haben, ihre Siegesfeiern halten - einer sollte doch anfangen, hier Wandel zu schaffen und zum Nachdenken anzuregen.

Und ich werde schließlich wenig Verständnis dafür aufbringen, wenn 1983 die Kinder unserer türkischen Gastarbeiter in der Schule friedlich neben ihren österreichischen Altersgenossen sitzend, vernehmen sollen, welche Barbaren ihre Altvordern vor 300 Jahren gewesen sein sollen ...

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