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Die Welt bricht auseinander

1945 1960 1980 2000 2020

Um menschliche Entwicklung geht es im Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) für 1992. Tatsächlich aber werden Fragen der Wirtschaft behandelt - und zwar die Rolle der globalen Märkte auf die Entwicklung der Länder der Dritten Welt.

1945 1960 1980 2000 2020

Um menschliche Entwicklung geht es im Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) für 1992. Tatsächlich aber werden Fragen der Wirtschaft behandelt - und zwar die Rolle der globalen Märkte auf die Entwicklung der Länder der Dritten Welt.

Von den enormen Problemen im Osten Europas in Anspruch genommen, übersehen wir hierzulande, daß Milliarden Menschen in der Dritten Welt unter wirtschaftlich immer schwierigeren Bedingungen leben müssen -und das nicht zuletzt durch unsere Afl zu wirtschaften: Das Gefälle zwischen arm und reich steigt laufend. War das reichste Fünftel der Weltbevölkerung 1960 noch 30 Mal reicher als das ärmste (was schon enorm ist), so hat sich diese Kluft 1990 auf den Faktor 60 vertieft! Berücksichtigt man die Ungleichverteilung innerhalb der Länder selbst, „so erhalten die reichtsten 20 Prozent der Weltbevölkerung mindestens das 150fache Einkommen der ärmsten 20 Prozent."

Welch gigantische Diskrepanz - selbst wenn man berücksichtigt, daß sich die Lebensbedingungen nicht einfach vergleichen lassen! Wie konnte es dazu kommen?

Dazu im Bericht: „Wirtschaftliches Wachstum verbessert nicht automatisch die Lebensumstände der Bevölkerung, weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene." Wieso? Weil die Verteilung des Produkts nicht funktioniert. „Die Armen haben in ihrem jeweiligen Heimatland nur beschränkten Zugang zu Krediten, Kapital, Technologie oder anderen Produktions-Inputs", heißt es im Bericht. Gerade diese Faktoren sind aber für die Produktivitätsfortschritte maßgebend.

Die ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung erhalten nur 0,2 Prozent der Bankkredite, haben nur einen Anteil von 1,3 Prozent der Weltinvestitionen, von 1,4 Prozent des Welteinkommens. Der Anteil der schwarzafrikanischen Länder am Welthandel hat sich seit 1960 um ein Viertel verrringert, jener der

ärmsten Länder im selben Zeitraum sogar halbiert. Zwar haben sich dort Grundschulbildung und Gesundheitsversorgung verbessert, dafür aber wurde in Sachen Technologie und Informationssysteme restlos der Anschluß verpaßt. Heute zählt jedoch fast nur mehr letzteres.

Mitverantwortlich für die schlechte Situation der E-Länder ist ist der Preisverfall bei Rohstoffen. Er wurde in starkem Maße durch den Druck der Industrieländer auf Rückzahlung der Schuldenberge der Dritten Welt verursacht: Um ihren Verpflichtungen nachzukommen, hatten die E-Länder ihre Exporte forciert und damit ein Überangebot und einen Preisverfall bei ihren Exportgütern ausgelöst. Im Bericht wird die absurde Folge festgehalten: „Je mehr die Schuldner zahlen, desto mehr schulden sie." Auch Weltbank und Währungsfonds kamen nicht zu Hilfe. Zwischen 1983 und 1987, als die Entwicklungsländer einen Abzug der kommerziellen Bankdarlehen zu verkraften hatten, fielen auch „die IWF-Nettotransfers von plus 7,6 Milliarden US-Dollars auf minus 7,9 Milliarden US-Dollars." Ähnliches bei der Weltbank.

Den Investoren geht es eben um Rendite. Und die wird nicht dort erwirtschaftet, wo billige Arbeit ist, sondern wo die technologischen Voraussetzungen optimal sind. Daher flössen 83 Prozent aller Auslandsinvestitionen in die Industriestaaten.

Auf internationaler Ebene aber funktioniert der soziale Ausgleich nicht. Das zeigen die Entwicklungshilfedaten. 0,7 Prozent ihres Nationalprodukts hatten die OECD-Länder in Aussicht gestellt. Im Durchschnitt hält man heute bei der Hälfte. Das ergibt einen Fehlbetrag von 51 Milliarden US-Dollar. Auch hier ein Versagen der Großen: Die USA und Japan sind für 80 Prozent des Mankos verantwortlich. Und auch hier eine Vernachlässigung der Ärmsten: Südasien etwa erhält fünf Dollar pro Kopf, die Länder des Mittleren Orients hingegen 55, obwohl letztere dreimal so wohlhabend sind wie die erste Ländergruppe.

Grau sind die Theorien von der internationalen Arbeitsteilung, die zur Wohlstandssteigerung aller Beteiligten beitragen soll. Aus sich heraus bewirkt das Marktsystem keinen Ausgleich. Der Markt reguliert eben nicht. Vielmehr fördert er offensichtlich Machtzusammenballungen, die ihre Interessen durchdrücken können. „Globale Märkte funktionieren nicht frei", heißt es im Bericht. Und das koste die E-Länder 500 Milliarden Dollar jährlich.

Dies mag eine grobe Überschätzung sein. Faktum ist aber, daß wir uns abschotten, wo unsere Wirtschaft unter Druck geraten könnte: etwa durch Einwanderungsbeschränkungen. Billige Arbeitskraft aus der Dritten Welt ist kaum willkommen. Wenn schon Immigranten, dann hochqualifizierte. Für manche Länder sind die Überweisungen von im Ausland tätigen einfachen Arbeitern aber sehr wichtig. 1989 ergaben sie einen Gesamtbetrag von 25 Milliarden Dollar.

Beschränkungen gibt es auch in vielen anderen Bereichen, in denen die E-Länder erfolgreich konkurrieren könnten: bei Textilien, Stoffen, Schuhen oder verarbeiteten tropischen Früchten... Diese Barrieren verhindern Exporte aus der Dritten Welt von jährlich rund 75 Milliarden, schätzt eine Weltbankstudie. Und diese Barrieren verstärken sich, hält der Bericht fest.

Aus der Sicht der Industrieländer ist das verständlich. Nur widerspricht es eben dem Prinzip der Freizügigkeit, das allgemein als das Erfolgsrezept schlechthin auf die Banner unserer Wirtschaftspolitik - auch in Sachen EG - geschrieben wird. Betrachtet man aber die Erfahrungen der Dritten Welt, so wird deutlich, daß Internationalisierung des Handels durchaus doppelgesichtig ist: Sie bringt zwar Produktivitätsfortschritte. Diese sind aber ungleich verteilt. Gefördert werden die Großen, die technisch Fortgeschrittenen, die Mächtigen, benachteiligt die Kleinen und Armen. Große Märkte begünstigen offenbar die Polarisierung in arme und in wohlhabende Gebiete und Gruppen, in Zentrum und Peripherie. Eine wichtige Lehre auch für uns.

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