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Die Welt der Anne Frank

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Eine Ausstellung im Wiener Palais Palffy ruft nicht nur Anne Frank, sondern auch das Schicksal der Holländer im Zweiten Weltkrieg und ihren Widerstand in Erinnerung.

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Eine Ausstellung im Wiener Palais Palffy ruft nicht nur Anne Frank, sondern auch das Schicksal der Holländer im Zweiten Weltkrieg und ihren Widerstand in Erinnerung.

Niemand weiß, wer die „U-Boote“, die in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte jüdische Familie, der Nazi-Polizei verraten hat. Am 4. August 1944 stürmt sie den durch ein drehbares Bücherregal getarnten Zugang zum Hinterhaus in der Prinsengracht. Der allerletzte von Holland nach Auschwitz abgefertigte Judentransport bringt die deutsche, 1933 nach Holland emigrierte und hier von der Nazi-Wehrmacht überrollte Familie Frank ins Todeslager.

Ein winziges Mosaiksteinchen im Wahnsinnsgeschehen der Judenausrottung. Das Schicksal einer einzigen Familie unter vielen tausenden, die Hitler entkommen waren und sich in Sicherheit wähnten, in Österreich, der Tschechoslowakei, Holland, Frankreich, Belgien, Dänemark und einer Reihe anderer Länder, und die von den Mördern eingeholt wurden.

Das Andenken der deutschen Bankiersfamilie Frank wäre verweht und ausgelöscht, hätte nicht ein zwischen Zuversicht und Niedergeschlagenheit schwankendes, frühreifes und hochintelligentes Mädchen seine inneren Nöte und Konflikte einem Tagebuch beziehungsweise einer imaginären Freundin namens Kitty anvertraut. Hätte nicht der diese Verhaftung durchführende österreichische Polizist, dessen Name erst zwanzig Jahre später bekannt wurde und der selbstverständlich „nur seine Pflicht getan“ hat, eine Aktentasche ausgeleert, um anderes, ihm wichtiger Erscheinendes hineinzupacken und mitzunehmen. Hätten nicht Nachbarn das herausgefallene Tagebuch aufbewahrt. Und hätte nicht der Vater des Mädchens als einziger dieser Familie Auschwitz überlebt und in der Herausgabe des Tagebuches und in der Pflege des Andenkens an seine jüngere Tochter einen neuen Lebenssinn gefunden.

Es ist sehr schwer, sich in den geistigen und seelischen Zustand von Menschen zu versetzen, die ihren „Lebenssinn“ darin finden, diesen Vater zu schmähen, ihm mieseste Motive zu unterstellen und für die es offenbar von größter Bedeutung ist, zu beweisen, das Tagebuch der Anne Frank sei gefälscht oder zumindest redigiert worden.

Es gibt diese Menschen auch in Wien, und man muß mit ihnen rechnen. Ihre Präsenz vor dem Wiener Palais Palffy bei der Eröffnung der Ausstellung „Die Welt der Anne Frank“ und ihre Flugzettel beweisen es. Der Haß ist lebendig geblieben. Mit ihm der Nährboden der Gewalt. Alle Hoffnung kann nur auf die Aufrechterhaltung politischer Verhältnisse gerichtet sein, die potentielle Mordbefehls-Erteiler nicht mehr hochkommen lassen. Die Hoffnung, derartige Befehlsgeber könnten keine ausführenden Organe mehr finden, auch jetzt und hier, wäre eine Illusion.

„Das Tagebuch der Anne Frank“, das 1947 zuerst unter dem Titel „Het Achterhuis“ erschien („Das Hinterhaus“), wurde mit Verzögerung, aber um so unaufhaltsamer, zum Welterfolg. Es erschien in 18 Millionen Exemplaren in über 50 Sprachen. Es ermöglicht jungen Menschen, sich mit dem jungen Mädchen, das auch gerne radeln oder schwimmen möchte und seine Jugend in Todesgefahr in einem Versteck verbringt (vom Untertauchen bis zur Entdeckung vergingen zwei Jahre und ein Monat), zu identifizieren. Es macht das Leid der Millionen in einem Einzelschicksal faßbar. Tatsächlich - wer junge Gehirne vergiften und antisemitisch infizieren will, muß dieses Buch fürchten.

Die Präsenz der Vergifter und der Vergifteten ist nicht wegzuleugnen, sie ist handgreiflich in einer Stadt, in der man Gedenkstätten für Naziopfer rund um die Uhr bewachen muß, in der immer wieder jüdische Gräber geschändet werden, in der man bei der Planung eines Denkmals für Sigmund Freud wohl oder übel mit regelmäßig anfallenden Reinigungskosten rechnen muß.

Die Unverbesserlichen und Unbelehrbaren sind sicher in der Minderheit. Anderenfalls müßte man sich ja fragen, ob man noch Demokrat sein kann. Man darf vermuten, daß die Österreicher, die anno 1938 ohne Druck und Wahlmanipulation Hitler gewählt hätten, schon damals in der Minderheit waren. Wäre der harte Kern der Hitlergegner so klein gewesen, wie heute manchmal vermutet wird, wären doch nicht Zehntausende nichtjüdische Österreicher in Konzentrationslagern und Gefängnissen umgekommen. Was uns heute auf den Kopf fällt, ist nicht ein Manko an überzeugten, human denkenden Menschen, nicht ein Ubergewicht solcher mit antisemitischen Vorurteilen, sondern das eilige, von parteitaktischen Überlegungen diktierte Zuschmieren aller Gegensätze unter dem Motto „Menschen, Menschen samma alle“, in dem alle klaren Standpunkte untergingen. Aber samma wirklich alle Menschen?

Die Ausstellung „Die Welt der Anne Frank“ wird kaum jemanden von verfestigten Vorurteilen befreien, aber sie wird jungen Menschen helfen, zu erkennen, wie schnell unter bestimmten Voraussetzungen solche Vorurteile zur grauenhaften Tat führen. Und welche schreckliche Rolle in einem solchen Geschehen der sein eigenes Denken ausschaltende, nur „seine Pflicht tuende“ Bef elüs-empfänger spielt. Man sieht in dieser Ausstellung die Fotos der „ihre Pflicht Tuenden“, die Menschen zusammentreiben, mit dem Gewehr in der Hand bewachen, am Rand der Grube den „Gnadenschuß“ geben, an der Rampe von Auschwitz die Arbeitsfähigen von denen trennen, die sofort ,4ns Gas gehen“.

Anne Frank wurde im Oktober 1944 noch mit ihrer älteren Schwester Margot nach Bergen-Belsen gebracht, wo beide Mädchen am Typhus starben. Erst vor wenigen Jahren machten Menschen, die nicht verdrängen, sondern trauern, den Versuch, eine Schule in der Nähe des ehemaligen Lagers nach Anne Frank zu benennen. Aber der Widerstand im Gemeinderat war unüberwindlich.

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