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Die Welt verweltlicht

Die Welt ist heute im Bewußtsein vieler Menschen nicht mehr das große Geheimnis, die Gabe Gottes an die Menschen, durch die er sie versorgt. Der Mensch glaubt, es allein schaffen zu können: Er erklärt sich selbst seine

Welt und versorgt sich selbst. Seine Welt ist seine eigene Gabe und Aufgabe, er muß sie nach seinen Bedürfnissen und Plänen gestalten und nutzen. Was zählt, ist nicht mehr die Schöpfungsordnung Gottes, sondern der Zukunftsentwurf des Menschen.

Wenn früher der griechische Philosoph Thaies von Milet sagen konnte: „Die Welt ist voll des Göttlichen“ , und wenn der Psalmist bekennen konnte: „Die Himmel künden die Herrlichkeit Jahwes und das Firmament berichtet von den Werken seiner Hände“ (Psalm 19,2), so haben heute viele Menschen in den Industrieländern den Eindruck, daß tmsere Welt keine Spuren des Göttlichen mehr verrät.

Sie ist leer des Göttlichen geworden, und der Mensch vermag nicht mehr, den Ruf der Himmel und das Zeugnis des Firmaments zu vernehmen. Denn Himmel und Erde sind nur noch Zeugen der Werke seiner eigenen Hände.

Die Naturwissenschaft und die moderne Technik verleihen dem Menschen der Industriegesellschaft Macht über die Natur und eröffnen ihm die Möglichkeit, sie nach seinen Kenntnissen und Plänen zu verändern und zu gestal ten. Und diese Macht wird mit der Zeit größer.

Sie erreicht nicht nur einige Aspekte der Natur und einige Bereiche ihrer Phänomene, sondern erstreckt sich in ihrem Anspruch auf das Ganze der Natur.

Das Neue dabei ist auch die Haltung des Menschen, der seine Macht nicht mehr auf der Grundlage einer passiven Entgegennahme des Bestehenden, einer passiven Unterordnung unter die Gegebenheiten der Natur ausübt. Er hat die vorsichtige Distanz zur Natur und den schonenden Respekt vor ihr abgelegt.

Er ist zu einer hauptsächlich aktiven, beherrschenden Rolle übergegangen. Damit hat er eine relative Unabhängigkeit von der Natur erlangt und versucht nun, diese Unabhängigkeit weiter auszubauen.

Nachdem er seine Verbundenheit mit der Schöpfung aufgebrochen hat, sucht der Mensch in der Logik seines Herrschaftsdranges die Unabhängigkeit von Gott, vom anderen Pol der Lebenseinheit früherer Zeiten, zu erringen.

Da seine Welt immer mehr von den Werken seiner Technik gefüllt wird und ihm nur noch als Gegenstand seiner eigenen forschenden Intelligenz und seiner eigenen schaffenden Kraft gilt, so kommt er zum Gefühl eigenen Schöpfertums. Er wird vom Drang getrieben, nunmehr -die Rolle des Schöpfers in eigener Verantwortung zu übernehmen.

Der Bereich seines Herrschaftsanspruches umfaßt das Ganze: die Natur, den Menschen, die Gesellschaft. Auch der Mensch ist zum Gegenstand seiner eigenen verändernden und planenden Tätigkeit geworden. Die Grenzen seiner Macht entspringen nicht mehr der Autorität vmd den Vorrechten einer höheren, göttlichen Instanz. Der moderne Mensch hat seine Unabhängigkeit von Gott erklärt.

Diese Welt ist nicht mehr eine; Gabe Gottes an den Menschen. Siei ist dem Menschen nur noch eine’ Aufgabe: Er nimmt die Gestai-’ tung seiner Gegenwart und die? Planung seiner Zukunft in die ei-; gene Hand nach Modellen und] Normen, die er sich selbst festlegt,; Denn die Wissenschaft und die; Technik vermitteln ihm das Ge-j fühl, daß er, im Hinblick auf die! von ihm zu erfüllende Aufgabe,^ relativ allwissend und relativ all-; mächtig geworden ist.

Seine schöpferische Rolle in der į Natur und der Natur gegenüber: vermitteln dem Menschen zwar; ein Gefühl der Erfülltheit, aber’ die Machtfülle weist Aspekte auf.i die nachdenklich stimmen. Zu-į nächst einmal wächst dem Men-Į sehen durch dift Übernahme der; Rolle des Schöpfers in der Naturi eine erdrückende Verantwortung^ zu. Denn sobald er eigenmächtig; in die Abläufe der Naturphäno-J mene eingreift, kann er sich nicht; mehr zurückziehen und den nunį gestörten Lauf der Dinge sichi selbst überlassen. 1

Er muß seine Tätigkeit fortsei-! zen imd bestimmen, in welchel Richtung der Lauf der Dinge nun’ gehen soll. Und gerade hier stößt; der Mensch auf die Mängel seiner: menschlichen Reife. Deim eine’

„Vor der Welt und vor Gott hat der Mensch keine Angst, wohl aber vor sich selbst…“

glückliche Entwicklimg der Dinge ist kein sich automatisch einstellendes Ergebnis wissenschaftlicher Forschung imd technischer Leistung.

Auch wenn die Technik uns im allgemeinen das geben kann, was wir brauchen und wünschen, so kann sie uns jedoch nicht sagen, was wir brauchen oder wünschen sollen.

Der moderne Mensch, der seine Lebensverbundenheit mit der Schöpf ung auf gebrochen und sich vom Schöpfer losgesagt hat, ist auf sich selbst verwiesen. Vor der Welt und vor Gott hat er längst keine Angst mehr. Angst hat er nunmehr vor allem vor sich selbst.

Vielleicht ist gerade diese Angst vor seiner eigenen Beschränktheit und der Widerstand gegen seine eigene Willkür das Signal für eine Wende in der Haltung des Menschen der Schöpfung gegenüber.

Vielleicht geht es dem Menschen unserer Zeit wieder auf, daß das Leben am besten aufgehoben ist in der sicheren Geborgenheit einer Lebenseinheit, die den Menschen in eine harmonische Verbindung mit Gott und der Schöpfung stellt. Hier vermag die Erfahrung der Gegenwart imd Wirkung Gottes zur Befreiung von der Angst vor sich selbst beizutragen.

Der Autor ist Professor für lEteligionswis-senschaf t in Münster, sein Beitrag ein Auszug aus: WIE SOLLEN TVIR MIT DER SCHÖPFUNG UMGEHEN? Von Adel Th. Khoury und Peter Hünemann (Hrsg.). Herderbücherei Band 1338. Freiburg 1987. 160 Seiten. 68 77,20.

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