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Digital In Arbeit

Die Würde von Mühe und Bürde

I. Mai, der Tag der A rbeit: Verstehen wir Arbeit noch als Mitwirkung an der Schöpfung? Oder beklagen- wir nur noch das A rbeitsleid, das uns die Arbeit vermiest? Werden wir nur glücklicher, wenn wir weniger arbeiten? Also: mehr Urlaub, kürzere A rbeitszeit! Sind aber nicht jene ganz besonders unglücklich, die keine Arbeit haben? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich eine neue FURCHE-Serie in den nächsten Wochen: Die Leser sind herzlich zu dieser Diskussion eingeladen.

Was beherrscht heute die Nachrichtenwelt, füllt die Zeitungen, ist Thema in Hörfunk und Fernsehen? Zunächst natürlich die Berichte über Kriege, Katastrophen, Unfälle, Skandale, sozusagen die offenbar unvermeidliche Basis jeder Berichterstattung, daneben aber in zunehmendem Maß der Ärger mit der Technik, der Streit um die Atomenergie, die Verschmutzung von Luft und Wasser, Bürgerinitiativen gegen Planungen von Kraftwerken und Straßen, gegen Standortwahlen von Fabriken und Heilstätten, ja sogar schon gegen Tiefgaragen, von denen man doch annehmen könnte, daß sie in ihrer Verborgenheit niemanden stören.

Teilweise sind die Fachleute, die solche Projekte auszuarbeiten haben, selbst an den Widerständen schuld, auf die sie stoßen. Erstens haben sie noch nicht gelernt, die Gründe für ihre Entscheidungen einleuchtend darzulegen, und zweitens finden sich unter ihnen immer welche, die Gegengutachten aus dem Ärmel schütteln. So muß unter den Laien die Ansicht entstehen, daß ihr eigenes Urteil kompetenter sei als das der untereinander zerstrittenen Fachleute.

Nun gibt es natürlich immer ein Für und Wider. Technik ist stets ein Eingriff in die Natur. Während die Anzahl der Tiere einer Gattung, die auf einem bestimmten Gebiet leben können, durch natürliche Regulatoren unter der zulässigen Höchstgrenze gehalten wird, hat der Mensch es unternommen, die Natur so umzugestalten, daß er diese Höchstgrenze weit zu überschreiten vermag.

Eine solche Umgestaltung hat ihren Preis, und dieser besteht nicht in erster Linie aus den sich ergebenden Pannen, so sehr sie heute die Allgemeinheit beschäftigen, was an sich zu begrüßen ist, da so manchmal Fehlentwicklungen vermieden und einmal gemachte Fehler rascher beseitigt werden.

Viel wichtiger erscheint das heute weitgehend vergessene Problem, daß eitle technische Welt, wie wir sie geschaffen haben, nicht jenen Regulatoren unterliegt wie die natürliche Welt, sondern von Menschen ständig in Gang gehalten werden muß, da andernfalls in einer erdgeschichtlich kurzen Zeit von ein paar Jahrhunderten die Natur das alte ökologische Gleichgewicht wieder herstellt.

Und da jeder, vom Landstreicher bis zum Präsidenten, Nutznießer äer technischen Welt ist, hat er zwangsläufig auch seinen Beitrag dazu zu leisten, sie in Gang zu halten. Das erscheint logisch. Aber wie wenige sind sich dieser Verpflichtung, die ihrer Arbeit erst Würde verleiht, wirklich bewußt.

Für allzuviele ist ihr Beruf nur ein Verkauf von Leistung gegen Geld, womit sie sich aus der menschlichen Freiheit begeben und sich zu Sklaven der industriegesellschaft machen. Niemand bestreitet die Notwendigkeit einer der Leistung angemessenen Bezahlung, aber frei ist der Mensch nur, wenn ihm das Gefühl, etwas Gutes geleistet zu haben, wichtiger ist als der Verdienst eine leider derzeit unmoderne Anschauung.

Im Tierreich muß zwar das Recht des Stärkeren herrschen, damit sich nur die kräftigsten Exemplare fortpflanzen und der unveränderte Bestand der Art gewährleistet ist. Daß beim Menschen jedoch eine solche Haltung ein Atavismus ist, geht - auch abgesehen von ent sprechenden Lehren - aus tausenderlei Anzeichen hervor. Der Egoismus, die menschliche Form des Rechtes des Stärkeren, ist gesellschaftlich geächtet, mögen ihm noch so viele heimlich huldigen.

Egoistische Eltern versagen in der Kindererziehung, egoistische Ärzte und Krankenschwestern sind undenkbar, egoistische Politiker stolpern über kurz oder lang.

Wir wissen im Grunde alle, daß der Mensch eben für den Mitmenschen da ist, die Eltern für die Kinder, die Ärztg für die Kranken, die Politiker für die Wähler - und auch alle andern Berufe, an ihrem Platz. Wir erwarten, daß sich die andern an diese Erkenntnis halten, die öffentlichen Dienste, die Erzeuger, Händler und Dienstleistungsbetriebe. Und was ist mit uns selbst?

Die Würde der Arbeit, die wir für die Gemeinschaft leisten, ob Direktor oder Kanalräumer, hat zweierlei Aspekte. Ein angemessener Arbeitsplatz ist natürlich wünschenswert, kann aber allein nicht die Befriedigung gut geleisteter Arbeit vermitteln, die jeder Arbeit, was immer sie sei, erst Würde verleiht.

Man begreift das leichter, wenn man selbst längere Zeit manuell tätig gewesen ist, in einem Beruf, in dem man zufrieden auf die währenddes Tages geleistete Arbeit zurückblicken konnte, und nicht nur in einem Büro mit seinem täglichen Einerlei, dem jene Zäsur fehlt, die eine abendliche Rückschau erlaubt. Und man begreift auch besser die drängenden und oft wiederholten Mahnungen des Wojtyla-Papstes, der dies aus eigener Erfahrung weiß.

Man kann auch nicht durch Jahrzehnte den Kampf gegen höhergestellte Mitarbeiter gutheißen und sich auf das Erkämpfen von Lohn- und Urlaubsforderungen beschränken, ohne unter der Arbeiterschaft den Eindruck zu erwek- ken, das wäre das Wesentliche und führe zu größerem Glück. Nein, es hat nur zu jenem Konsumdenken geführt, über das sich heute so viele abfällig äußern, ohne sich selbst davon freizumachen.

Wir müssen umdenken, daran besteht kein Zweifel, und mit der alten Forderung „Liebe deinen Nächsten“ wenigstens soweit ernst machen, daß wir in diesem Nächsten, ob hoch oder tief gestellt, einen Partner bei der gemeinsamen Aufgabe sehen, unsere technische Welt in Gang zu halten, und nicht einen zu bekämpfenden Gegner.

Wir müssen uns auch von dem Neidkomplex freimachen, der uns durch die ständige Betonung des Rechtes auf Forderungen anerzogen wurde. Und wenn uns unsere Würde und die unserer Arbeit am Herzen liegt, sollten wir uns darauf besinnen, daß es hauptsächlich an uns liegt, unserer Arbeit Würde zu verleihen, indem wir sie gemeinsam mit allen andern gut verrichten; wir sollten nicht darauf warten, ob vielleicht jemand anderer das Problem für uns löst. Organisationen, so zweckmäßig sie oft sein mögen, sind nie imstande, die persönliche Initiative zu ersetzen.

Wenn man frei sein will, darf man nicht nur wie ein Tier zum Futtertrog laufen, auch wenn dieser als Wohlfahrtsstaat deklariert wird. Dabei geht die Selbstachtung und auch die gegenseitige Achtung, die Würde des Menschen und die seiner Arbeit verloren.

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