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Die Wurzeln der Misere

Es ist ungemein schwer, über die Dummheit etwas Gescheites auszusagen. Ein so dankenswertes Unternehmen eine Weltgeschichte der Dummheit auch wäre, es müßte schon an der Unbrauchbarkeit der meisten bisherigen Untersuchungen scheitern.

Als Robert Musil, der seine blendende Aphoristik über tausend Seiten seines „Mann ohne Eigenschaften" funkeln ließ, 1937 in Wien einen Vortrag über die Dummheit hielt, wunderte sich mancher über das geistesmagere Resultat der später gedruckt erschienenen Studie. Freilich konnte Musil, der damals noch Positivist war, gerade über das brennend aktuelle Thema der menschlichen Dummheit nichts Gültiges aussagen. Der Geist, der lediglich Vernunft und Bildung aufruft, wird kaum einem im Grund metaphysischen Problem gerecht werden. Um so erstaunlicher, daß das bisher profundeste Werk über die Dummheit, Gustave Flauberts nachgelassener Roman „Bouvard und Pecuchet", den breiten Leserkreisen so gut wie unbekannt geblieben ist.

Das Jahrhundert des Fortschritts! Unter der spezifischen Dummheit dieser Epoche hat niemand so sehr gelitten wie Flaubert. „Ich rühre einen Teig an, in dem ich das 19. Jahrhundert ersticken werde", notierte er zur Zeit als er an „Madame Bovary" schrieb. Schon der Jüngling plante ein „Lexikon der Dummheit". „Ich bereite mein Kotzen vor", sagte er bei den Vorarbeiten zu „Bouvard und Pecuchet", und ehe er sich an die Niederschrift macht, schreibt er an Maupassant, es sei ihm so schwer ums Herz, als ob er im Begriff stünde, eine Reise um die Welt anzutreten...

Es wurde eine Reise um die Welt des neunzehnten Jahrhunderts. Als der Autor am 8. Mai 1880 starb, hinterließ er mit dem unvollendet gebliebenen Roman eine einzigartige Reisebeschreibung, eines der bittersten Bücher der Weltliteratur, demnach - gleich Swifts „Gulliver" - einem humoristischen Roman sehr ähnlich.

Wem Empörung und Enttäuschung gleichermaßen zuteil wird, dessen Gesicht zeigt eine Grimasse, die für Lachen gehalten werden kann.

Paris 1838. An einem heißen Sommerabend lernen sich zwei Büroschreiber kennen. Beide sind alleinstehend. Bouvard, Witwer, dick und rund — Pecuchet, Junggeselle, lang und hager. Das unsterbliche Paar alter Schwanke ist beisammen, wird iinzertrennlich. Als Bouvard eine Erbschaft macht, beschließen sie, das öde Kopistendasein aufzugeben und sich auf dem Land anzusiedeln. Das Abenteuer beginnt.

Auf ihrem Gut in Chavignolles beginnen die beiden Ex-Kopisten als Bauern, indem sie sich landwirtschaftlich belesen und die Ratschläge der Pächter praktizieren. „Zuweilen zog Pecuchet sein Handbuch aus der Tasche und studierte stehend einen Absatz; die Schaufel neben sich in der Haltung des Gärtners, der den Titel des Buches zierte." Aber, ach, das „Zurück zur Natur", bewerkstelligt durch Wissenschaft, endet im völligen Debakel.

Von der Landwirtschaft kommen sie zur Chemie, zur Medizin, zur Astronomie, Naturgeschichte, Archäologie, Geologie, Begeisterung für Mittelalter, zum Antiqui-tätensammeln. Das alles wird vorher gründlich studiert, der Glaube an die Fachliteratur wird immer erst durch das Resultat erschüttert. Schließlich dringen beide, schon weit weg von der Landwirtschaft, in die Gefilde von'Religion und Künste. Dort scheitern sie nicht weniger kläglich. Nach zehn Jahren, nachdem sie sich mit erstaunlichem Bil-dungsgerümpel vollstopften, verzweifeln sie auch an der Kunst. „Der Wert der Kunst besteht für jeden in der Seite, die seinen Interessen entspricht."

Die Revolution von 1848 macht sie zu Freiheitsfreunden und Politikern. Pecuchet sucht das beste wirtschaftliche System, so landen sie bei der Nationalökonomie. „Sie unterrichteten sich über Angebot und Nachfrage, Kapital und Zins, Einfuhr-Ausfuhrverbot." Daneben beschäftigen sie sich mit der Lektüre von Rousseau, Saint-Simon, Fourier. Doch die Revolution endet im Staatsstreich von Louis Bonaparte. „Bouvard dachte: .Ach, der Fortschritt, welch ein Schwindel!' Er fügte hinzu: ,Und die Politik, eine schöne Schweinerei !"' Uber Pecuchets Vorliebe für die freiheitlichen Theoretiker: „Deine Sozialisten verlangen immer die Tyrannei", sagte Bouvard zu Pecuchet.

Da sie sich von Staat und Gesellschaft angeekelt abwenden, suchen sie persönliches Glück. Sie beschließen, die Liebe auszukosten. Grotesk endet dieses Kapitel für Bouvard, da die dicke Witwe seiner Wahl nur an Arrondierung ihres Grundbesitzes denkt, der verschämte Pecuchet dagegen holt sich eine venerische Krankheit. Ein darauffolgender Versuch, den Körper durch Leibesübungen zu stählen, endet mit einem bösen Unfall Pecuchets.

Sie flüchten in die Geisterwelt; vom Tischrücken kommen sie zum Spiritismus, von der Magie zur Philosophie, vom Glauben zum Aberglauben, von Wissenschaft zu Unsinn. Und es folgt die Konklusion, die mehr den Dichter bezeichnet als seine Figuren: „Da entwickelte sich eine bedauerliche Fähigkeit in ihrem Geiste, nämlich die, die Dummheit zu sehen und sie nicht zu ertragen."

In Gesellschaft und Privatleben, in allen Weltanschauungen ist ihr Schiffbruch vollständig. Sie widmen sich am Ende der Erziehung zweier Waisenkinder. Das Ergebnis ist grauenhaft. Langsam reift die Frucht des absoluten Nihilismus. Die Niederschrift Flauberts bricht hier an.

Das Ende des Romans, aus Flauberts nachgelassenen Notizen erkennbar, verrät prophetischen Gedanken: „...der pantheistische Radikalismus wird jedes Band mit der Vergangenheit zerreißen, und ein unmenschlicher Despotismus wird daraus hervorgehen ... Wenn die Zuckungen, in denen seit 1789 die menschliche Gesellschaft sich windet, endlos und, ohne die eine oder andere Lösung zu finden, anhalten, so wird dieses Schwanken uns durch seine eigene Kraft ins Verderben reißen. Es wird keine Religion, keine Moral mehr geben... "

Die Sintflut der Nichtigkeiten aller Erkenntnisse droht die beiden Helden zu verschlingen. „So ist ihnen alles unter den Händen zerbrochen." Doch die letzten Notizen Flauberts bringen eine ebenso unvermutete wie natürliche Lösung. Seine Spießbürger, die in den Himmel ihrer Zeit griffen und mit leeren Händen und gebrochenem Herzen dastehen, finden schließlich den Weg zur Zufriedenheit. Diese Lösung, finden wir, wirkt glaubwürdiger als die künstliche Himmelfahrt des alten Faust:

„Guter Gedanke, den jeder von ihnen heimlich genährt hat. Sie verheimlichen ihn, einer vor dem anderen. — Von Zeit zu Zeit lächeln sie, wenn er ihnen kommt, — dann sprechen sie ihn schließlich gleichzeitig aus: Abschreiben wie einst. — Sie lassen sich einen Schreibtisch mit doppeltem Pult anfertigen. — Einkauf von Eintragebüchern, Utensilien, Sandarak, Radiermessern, und so weiter. — Sie machen sich ans Werk."

Höchst merkwürdig, wie Flaubert sich in die Geschichte seiner immer strebend bemühten Biedermänner einlebt. Er gibt den beiden Kopisten, als sie sich aufs Land zum Studium zurückziehen, genau das Alter, das er selbst hatte, als er begann, ihr Schicksal aufzuzeichnen. Um sie recht eindrücklich zu beschreiben, wird er selbst Kopist. Seit 1871 liest und exzerpiert er mehr als 1500 Bände. Sein Bildnis, mit Glatze und Schnauz, gleicht dem Bouvards zum Verwechseln.

Es ist noch ein Wort über die Form dieses einzigartigen Romans zu sagen. Wie alle großen Epen schildert auch „Bouvard und Pecuchet" eine Wanderung. Von Odysseus bis zu den Nibelungen, von Don Quijote bis zum braven Soldaten Schwejk lebt das echte Epos von „aventures", vom Streifzug seiner Helden über die Erde. Flaubert weist einen neuen Weg: räumlich beschränkt auf die Ortschaft Chavignolles, dem Meister gleich, der einsiedlerisch in Croisset mit der Gestaltung ringt, wandern seine Helden durch die Vorstellungswelt ihres Jahrhunderts. Nicht mehr in der Weite des Raums wohnt das Abenteuer—die Zeit selbst wird zum Raum.

Fünfzig Jahre später wird James Joyce, der von Flaubert nicht wenig lernte („Joyce und Pecuchet", formulierte Ezra Pound), die Wanderung seiner beiden Helden auf den Raum von Dublin und die Zeit von vierundzwanzig Stunden beschränken.

Von den Spaßen, die der Conferencier Anton Kuh seinerzeit zum besten gab, ist mir einer haftengeblieben: „Das dümmste Jahrhundert war das neunzehnte, und warum? Weil es das zwanzigste gebar!" Faktisch liegen alle Keime zu den Verwirrungen unserer Zeit — man lese „Bouvard und Pecuchet" — mitten im neunzehnten Jahrhundert, gleichwie das Ende der Tragödie schon in der Exposition beschlossen ist. So ist es nur folgerichtig, daß „Bouvard und Pecuchet" auch in seiner literarischen Form dem modernen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts den Weg ebnete.

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