Diesseits von Gut und Böse

Alte weiße Frau

1945 1960 1980 2000 2020

Warum Alice Schwarzer mit dem Protest der Hochschüler_innenschaft gegen ihre EInladung an die Angewandte eigentlich zufrieden sein könnte. Ein Gastkommentar von Theresia Heimerl.

1945 1960 1980 2000 2020

Warum Alice Schwarzer mit dem Protest der Hochschüler_innenschaft gegen ihre EInladung an die Angewandte eigentlich zufrieden sein könnte. Ein Gastkommentar von Theresia Heimerl.

„Wen die Götter lieben, der stirbt jung“, so ein antikes Sprichwort. Wer hingegen von den Göttern ungeliebt länger lebt, muss miterleben, wie seine Revolution gegen die ungeliebten alten Autoritäten im Sand, im Wohlstand oder in der Gleichgültigkeit verläuft. Und wem die Götter wirklich übelwollen, der wird selbst zu einer alten, ungeliebten Autorität, gegen die Junge revoltieren. Man kann das antike Sprichwort und die Folgen natürlich auch gendern: Damit sind wir bei Alice Schwarzer.

„Outdated and unacceptable“ – ist es nicht genau das, was Alice Schwarzer damals, als sie jung und eine Ikone des Feminismus war, vielen Männern vorgeworfen hat? Ist die einstige Vorkämpferin des Feminismus zu ihrem eigenen Feindbild von damals geworden?

Alice Schwarzer hat erreicht, wofür sie und mit ihr große Teile der Frauenbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren gekämpft haben: gesellschaftliches Ansehen, Macht, Geld, und all das unabhängig von einem Mann. Auch der Weg dorthin war jener, den vor ihr vor allem Männer gegangen sind: Selbstmarketing, journalistisch gekonnte Erregung von Aufmerksamkeit, Härte gegen sich selbst und andere und, ja, ein gewisses Maß an Skrupellosigkeit. Die Hälfte der Welt bedeutet auch die Hälfte der dunklen Seite.

Hegemoniale Weiblichkeit

Alice Schwarzer ist die Personifikation dessen, wofür es in der Wissenschaft bislang nur einen männlichen Fachbegriff gibt: hegemoniale Weiblichkeit. Wenn nun die Hochschüler_innenschaft der Angewandten gegen Schwarzer als „alte weiße Frau“ protestiert, sollte die so Angefeindete eigentlich zufrieden sein: Dass es so etwas überhaupt gibt, ist wesentlich ihr Verdienst. Die überwiegende Mehrheit der jungen und mittelalten Frauen heute erachtet jene Standards weiblicher Existenz für selbstverständlich, für die Alice Schwarzer einst gekämpft hat: rechtliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit, körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, gleiche Bildungsmöglichkeiten.

So manche junge Frau kann die „Kriegsgeschichten“ aus der alten Welt der alten Alice Schwarzer schlicht nicht mehr hören, zumal sie mit dem dogmatischen Predigtgestus etablierter RevolutionärInnen vorgetragen werden. Wenn Ronja von Rönne anno 2015 im zarten Alter von 23 Jahren in der Welt davon sprach, dass sie der Feminismus „anekle“, war das zwar pubertär-respektlos, aber verständlich: Trau keiner spaßbefreiten Alten über 50, schon gar nicht, wenn sie für dich als ehrgeizige junge Journalistin dein älteres Alter Ego sein könnte.