Aus für "Addendum" von Dietrich Mateschitz: Wieviel Wahrheit ist der Demokratie zumutbar?

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Demokratie braucht Wahrheit, aber sie ist kein Unternehmen, das mit jeder Form von Wahrheit produktiv umzugehen vermag. Ein Gastkommentar zum Ende von „Addendum“.

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Demokratie braucht Wahrheit, aber sie ist kein Unternehmen, das mit jeder Form von Wahrheit produktiv umzugehen vermag. Ein Gastkommentar zum Ende von „Addendum“.

Der reichste Mann Österreichs, Dietrich Mateschitz, hat seine Wahrheits- und Rechercheprojekte eingestellt, die zunächst mit großem medialem Ankündigungsgestus den Österreicherinnen und Österreichern vorgestellt wurden. Warum eigentlich? Wie groß mögen jene „Untiefen“ sein, die das mittlerweile steile Gefälle von Reichtum und Macht gegen Armut und Ohnmacht hervorgebracht hat? Wie viele Politiker und solche, die am Milliardentopf mitnaschen wollen, umschleichen und betrillern die Reichen mit Mitteln, die nicht ans Licht der Öffentlichkeit geraten sollen?

Welche Erkenntnis soll hier noch zutage gefördert werden, außer die menschlich-allzu-menschliche Wahrheit, die da lautet: Für die Karriereseelen ist der Geldsack unwiderstehlich, der ihnen sozusagen vor der Nase hängt – und, gewiss, die Macht. Aber dem Red-Bull-Chef ging es ja wohl weniger um die „dunklen“ Ecken und Kanäle, in denen sich das „Networking“ der Milliardäre und Millionäre bewegt.

Also stellt sich die Frage, welche Gründe akkurat einen der weltweit erfolgreichsten Österreicher in Wutbürgerlaune nach verborgenen schmutzigen Wahrheiten im Staat suchen ließen. Friedrich Nietzsche meinte, dass eine gütige Natur uns das meiste an Wahrheiten verborgen halte; wie auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend, so ritten wir über einem Abgrund an Grässlichem, Ungeheuerlichem, dessen Anblick wir nicht zu ertragen vermöchten, ohne dabei verrückt zu werden. Nun, dar­auf ließe sich trocken erwidern: Man muss ja nicht gleich metaphysisch werden.

Welche Konsequenz haben Publikationen

Trotzdem ist die Frage keineswegs abwegig, wozu wir noch mehr an Wahrheit, Offenlegung, Transparenz brauchen. Ich weiß, viele sind der Meinung, die Wahrheit sei jederzeit jedermann zumutbar. Man will im Namen der Demokratie gegen die Einsicht der Bertolt-Brecht’schen Devise angehen: „Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkel sieht man nicht.“ Ich hingegen, der ich schon einige Jahrzehnte auf meinem Philosophenbuckel habe, teile diese Meinung nur bedingt: Zu viel Wahrheit, Offenlegung und Transparenz können auf lange Sicht die Demokratie gefährden.

Der Rechnungshof bekrittelt seit Langem die Praxis politischer Parteien, weil sie sich sträuben, ihre finanziellen Interna vollends offenzulegen, sondern im Gegenteil davor zurückschrecken, entsprechend rigorose Gesetze zu beschließen; und der Rechnungshof hat zweifellos einen äußerst heiklen Punkt getroffen. Die Transparenz der Parteienwirtschaft muss eines der Grundanliegen jedes demokratischen Staates sein, der seine gesetzgebenden Organe vor dem Beeinflussungswillen außerparlamentarischer Kräfte schützen will, ob es sich dabei um Milliardäre oder Generäle handelt.

Der reichste Mann Österreichs, Dietrich Mateschitz, hat seine Wahrheits- und Rechercheprojekte eingestellt, die zunächst mit großem medialem Ankündigungsgestus den Österreicherinnen und Österreichern vorgestellt wurden. Warum eigentlich? Wie groß mögen jene „Untiefen“ sein, die das mittlerweile steile Gefälle von Reichtum und Macht gegen Armut und Ohnmacht hervorgebracht hat? Wie viele Politiker und solche, die am Milliardentopf mitnaschen wollen, umschleichen und betrillern die Reichen mit Mitteln, die nicht ans Licht der Öffentlichkeit geraten sollen?

Welche Erkenntnis soll hier noch zutage gefördert werden, außer die menschlich-allzu-menschliche Wahrheit, die da lautet: Für die Karriereseelen ist der Geldsack unwiderstehlich, der ihnen sozusagen vor der Nase hängt – und, gewiss, die Macht. Aber dem Red-Bull-Chef ging es ja wohl weniger um die „dunklen“ Ecken und Kanäle, in denen sich das „Networking“ der Milliardäre und Millionäre bewegt.

Also stellt sich die Frage, welche Gründe akkurat einen der weltweit erfolgreichsten Österreicher in Wutbürgerlaune nach verborgenen schmutzigen Wahrheiten im Staat suchen ließen. Friedrich Nietzsche meinte, dass eine gütige Natur uns das meiste an Wahrheiten verborgen halte; wie auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend, so ritten wir über einem Abgrund an Grässlichem, Ungeheuerlichem, dessen Anblick wir nicht zu ertragen vermöchten, ohne dabei verrückt zu werden. Nun, dar­auf ließe sich trocken erwidern: Man muss ja nicht gleich metaphysisch werden.

Welche Konsequenz haben Publikationen

Trotzdem ist die Frage keineswegs abwegig, wozu wir noch mehr an Wahrheit, Offenlegung, Transparenz brauchen. Ich weiß, viele sind der Meinung, die Wahrheit sei jederzeit jedermann zumutbar. Man will im Namen der Demokratie gegen die Einsicht der Bertolt-Brecht’schen Devise angehen: „Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkel sieht man nicht.“ Ich hingegen, der ich schon einige Jahrzehnte auf meinem Philosophenbuckel habe, teile diese Meinung nur bedingt: Zu viel Wahrheit, Offenlegung und Transparenz können auf lange Sicht die Demokratie gefährden.

Der Rechnungshof bekrittelt seit Langem die Praxis politischer Parteien, weil sie sich sträuben, ihre finanziellen Interna vollends offenzulegen, sondern im Gegenteil davor zurückschrecken, entsprechend rigorose Gesetze zu beschließen; und der Rechnungshof hat zweifellos einen äußerst heiklen Punkt getroffen. Die Transparenz der Parteienwirtschaft muss eines der Grundanliegen jedes demokratischen Staates sein, der seine gesetzgebenden Organe vor dem Beeinflussungswillen außerparlamentarischer Kräfte schützen will, ob es sich dabei um Milliardäre oder Generäle handelt.

Zu viel Wahrheit, Offenlegung und Transparenz können auf lange Sicht die Demokratie gefährden.

Konträr dazu: Wie steht es um das angeblich gemeinwohlwahrende „Islam-Bashing“, das so vielen im Lande am Herzen zu liegen scheint? Die Internetplattform Addendum, von Mateschitz über seine Stiftung finanziert, hatte aufgedeckt, dass Kreise im Innersten der Wiener Schulverwaltung partout nicht wollten, dass der in den Schulklassen anhaltende Kulturkampf und die daraus resultierende Situation der Lehrerinnen ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Das war also eine dieser Wahrheiten, deren journalistisches „Breittreten“ keineswegs nur demokratiestärkend wirkte, obwohl sie den internen Reformwillen anstachelte. Kaum jemand stellte sich im Moment der Aufdeckung der schlimmen Verhältnisse die Frage, welche Konsequenzen die Art und Weise ihrer Publikation haben könnte.

Alle jene, denen das Immigrantenwesen ein Dorn im Auge war, machten ihrer Empörung lautstark Luft. Eine Anzahl von Lehrerinnen, namentlich in Brennpunktschulen, hatte endlich eine Wortführerin gefunden, noch dazu eine ehemalige Sozialdemokratin. Aber nur wenige schien zu interessieren, ob die ans Licht der Öffentlichkeit gebrachten Wahrheiten langfristig nicht mehr Schaden als Nutzen bringen würden, wenn man sie vom Standpunkt einer gelingenden Integration aus betrachtete. Diese hat darauf Bedacht zu nehmen, dass die Würde von Zugewanderten nicht verletzt und deren kulturelle Eigenart so weit wie möglich geachtet wird. Dass dazu auch ein gerüttelt Maß an Toleranz gehört, selbst im Hinblick auf die Widerständigkeit gegen unsere einheimischen Sitten – diese Wahrheit wurde der Offenlegung problematischer Haltungen unter den Jugendlichen zumindest zeitweise und ortsbedingt geopfert.

Wut gegen Corona-Wahrheiten

Mag sein, ich täusche mich. Denn, so die Frage, die jetzt wie aus der Pistole geschossen kommt: Sind solche Zustände nicht wahrheitsgemäß der österreichischen Öffentlichkeit zu präsentieren? Darauf würde ein weiser Staatsmann, eine weise Staatsfrau wohl differenziert antworten: Manche Wahrheiten sollten den Spezialisten vorbehalten bleiben, den Pädagogen und Kulturkundigen, weil die Öffentlichkeit aufgrund ihrer laienhaften, ja sogar bösartigen Aversionen mit pseudomoralischen Suchscheinwerfern nach Schuldigen Ausschau hält, um derart ihre Vorurteile zu bestätigen.

Das gilt übrigens auch für die sich aufbauende Wut gegen die Wahrheiten rund um jene Politiker, welche die Corona-Pandemie „managen“ müssen. Auch hier gehört zu einer verantwortungsvollen Politik die Einsicht, dass eine parteipolitisch motivierte und skandalträchtige Offenlegung von Wahrheiten (unterlaufene Fehler oder notwendige Restriktionen) anhand ihrer langfristigen Konsequenzen zu beurteilen ist. Die pendelschlagartigen Demonstrationen der Corona-Leugner sind ein Warnsignal. An diesem Punkt zeigt sich: Demokratie braucht Wahrheit, aber sie ist kein Unternehmen, das zu jeder Zeit mit jeder Form von Wahrheit produktiv, menschlich und ­gemeinwohlförderlich umzugehen vermag.

Dies zu begreifen ist gleichermaßen eine Aufgabe für die Gebildeten, die Journalistinnen, die Milliardäre und klugen Politikerinnen.

Der Autor ist em. Univ.-Prof. für Philosophie an der Uni Graz. Zuletzt: „Umdrehen und Weggehen. Eine Ethik der Abwendung“ (Braumüller).

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