Diesseits von Gut und Böse

Aus für "Addendum": Wieviel Wahrheit ist der Demokratie zumutbar?

1945 1960 1980 2000 2020

Demokratie braucht Wahrheit, aber sie ist kein Unternehmen, das mit jeder Form von Wahrheit produktiv umzugehen vermag. Ein Gastkommentar zum Ende von „Addendum“ von Peter Strasser.

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Demokratie braucht Wahrheit, aber sie ist kein Unternehmen, das mit jeder Form von Wahrheit produktiv umzugehen vermag. Ein Gastkommentar zum Ende von „Addendum“ von Peter Strasser.

Der reichste Mann Österreichs, Dietrich Mateschitz, hat seine Wahrheits- und Rechercheprojekte eingestellt, die zunächst mit großem medialem Ankündigungsgestus den Österreicherinnen und Österreichern vorgestellt wurden. Warum eigentlich? Wie groß mögen jene „Untiefen“ sein, die das mittlerweile steile Gefälle von Reichtum und Macht gegen Armut und Ohnmacht hervorgebracht hat? Wie viele Politiker und solche, die am Milliardentopf mitnaschen wollen, umschleichen und betrillern die Reichen mit Mitteln, die nicht ans Licht der Öffentlichkeit geraten sollen?

Welche Erkenntnis soll hier noch zutage gefördert werden, außer die menschlich-allzu-menschliche Wahrheit, die da lautet: Für die Karriereseelen ist der Geldsack unwiderstehlich, der ihnen sozusagen vor der Nase hängt – und, gewiss, die Macht. Aber dem Red-Bull-Chef ging es ja wohl weniger um die „dunklen“ Ecken und Kanäle, in denen sich das „Networking“ der Milliardäre und Millionäre bewegt.

Also stellt sich die Frage, welche Gründe akkurat einen der weltweit erfolgreichsten Österreicher in Wutbürgerlaune nach verborgenen schmutzigen Wahrheiten im Staat suchen ließen. Friedrich Nietzsche meinte, dass eine gütige Natur uns das meiste an Wahrheiten verborgen halte; wie auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend, so ritten wir über einem Abgrund an Grässlichem, Ungeheuerlichem, dessen Anblick wir nicht zu ertragen vermöchten, ohne dabei verrückt zu werden. Nun, dar­auf ließe sich trocken erwidern: Man muss ja nicht gleich metaphysisch werden.

Welche Konsequenz haben Publikationen

Trotzdem ist die Frage keineswegs abwegig, wozu wir noch mehr an Wahrheit, Offenlegung, Transparenz brauchen. Ich weiß, viele sind der Meinung, die Wahrheit sei jederzeit jedermann zumutbar. Man will im Namen der Demokratie gegen die Einsicht der Bertolt-Brecht’schen Devise angehen: „Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkel sieht man nicht.“ Ich hingegen, der ich schon einige Jahrzehnte auf meinem Philosophenbuckel habe, teile diese Meinung nur bedingt: Zu viel Wahrheit, Offenlegung und Transparenz können auf lange Sicht die Demokratie gefährden.

Der Rechnungshof bekrittelt seit Langem die Praxis politischer Parteien, weil sie sich sträuben, ihre finanziellen Interna vollends offenzulegen, sondern im Gegenteil davor zurückschrecken, entsprechend rigorose Gesetze zu beschließen; und der Rechnungshof hat zweifellos einen äußerst heiklen Punkt getroffen. Die Transparenz der Parteienwirtschaft muss eines der Grundanliegen jedes demokratischen Staates sein, der seine gesetzgebenden Organe vor dem Beeinflussungswillen außerparlamentarischer Kräfte schützen will, ob es sich dabei um Milliardäre oder Generäle handelt.