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Corona

Diesseits von Gut und Böse

Corona-Krise als Geschenk?

1945 1960 1980 2000 2020

Ferdinand Kaineder freute sich in der Vorwoche an dieser Stelle über die Chancen durch die Pandemie. Ist Antikapitalismus tatsächlich Christenpflicht? Eine Replik von Christian Schacherreiter.

1945 1960 1980 2000 2020

Ferdinand Kaineder freute sich in der Vorwoche an dieser Stelle über die Chancen durch die Pandemie. Ist Antikapitalismus tatsächlich Christenpflicht? Eine Replik von Christian Schacherreiter.

„Die laufende Geld-Ökonomie – kombiniert mit dem Wachstums-Paradigma – steht gerade an der Wand“, jubelt Ferdinand Kaineder, und er ermutigt uns, diese Gunst des Augenblicks beherzt zu nützen. „Gebt der Krise Raum, damit sie Wirkung entfalten kann.“ Mögen andere mutlos sein in diesen Tagen, in Sorge um den Arbeitsplatz, die Überlebenschancen der Firma, die Belastung der öffentlichen Haushalte! Einen gefestigten Wachstums- und Kapitalismuskritiker ficht das nicht an. Im Gegenteil, er sieht die vom Coronavirus verursachte Krise nicht als Problem, sondern als historische Chance. Oder gar als Geschenk des Himmels?

Ferdinand Kaineders Umwertung der Katastrophe zum Glücksfall folgt der dialektischen Standardformel aller Revolutionserzählungen: Die Todesstunde des schlechten Alten ist gleichzeitig die Geburtsstunde des Neuen, das angeblich viel besser sein wird. Stirb und werde! Aber warum ist diese Welt, in der wir heute leben, eigentlich so schlecht? „Heute ­eilen zu viele Menschen diesem Zug zu, der Geld, Gewinn, Eigennutz – biblisch Mammon – in die Auslage stellt.“ Warum sie in diese falsche Richtung unterwegs sind, ist allerdings rätselhaft, denn im selben Artikel lesen wir, dass sich die Menschen „als soziale Lebewesen“ ohnedies nach einer ganz anderen Art des Wirtschaftens sehnen, nach einer „ökologischen und solidarischen Ökonomie“.

Schöne, bessere Welt

Wie diese neue, alternative Ökonomie, nach der sich angeblich viele Menschen sehnen, konkret funktionieren könnte, lässt Ferdinand Kaineder offen, aber sein Hinweis auf die Leit­figur Niko Paech deutet die Richtung an. Die Vision des deutschen Postwachstumsökonomen Paech für eine bessere Welt sieht nämlich so aus: 75 Prozent der Flughäfen werden geschlossen, 50 Prozent der Autobahnen gesperrt. Die Menschen haben weniger Dinge für sich, sondern als Gemeinbesitz, zum Beispiel Rasen-mäher, Fahrrad und Waschmaschine. Neue Häuser werden nur mehr gebaut, wenn es gar nicht anders geht. Da viel weniger konsumiert und produziert wird, sinkt die Arbeitszeit auf 20 Wochenstunden. So haben die Menschen genug Zeit, ihre kaputten Dinge selbst zu reparieren und eigenes Gemüse anzubauen. Schöne neue Welt? Mag sein.

„Die laufende Geld-Ökonomie – kombiniert mit dem Wachstums-Paradigma – steht gerade an der Wand“, jubelt Ferdinand Kaineder, und er ermutigt uns, diese Gunst des Augenblicks beherzt zu nützen. „Gebt der Krise Raum, damit sie Wirkung entfalten kann.“ Mögen andere mutlos sein in diesen Tagen, in Sorge um den Arbeitsplatz, die Überlebenschancen der Firma, die Belastung der öffentlichen Haushalte! Einen gefestigten Wachstums- und Kapitalismuskritiker ficht das nicht an. Im Gegenteil, er sieht die vom Coronavirus verursachte Krise nicht als Problem, sondern als historische Chance. Oder gar als Geschenk des Himmels?

Ferdinand Kaineders Umwertung der Katastrophe zum Glücksfall folgt der dialektischen Standardformel aller Revolutionserzählungen: Die Todesstunde des schlechten Alten ist gleichzeitig die Geburtsstunde des Neuen, das angeblich viel besser sein wird. Stirb und werde! Aber warum ist diese Welt, in der wir heute leben, eigentlich so schlecht? „Heute ­eilen zu viele Menschen diesem Zug zu, der Geld, Gewinn, Eigennutz – biblisch Mammon – in die Auslage stellt.“ Warum sie in diese falsche Richtung unterwegs sind, ist allerdings rätselhaft, denn im selben Artikel lesen wir, dass sich die Menschen „als soziale Lebewesen“ ohnedies nach einer ganz anderen Art des Wirtschaftens sehnen, nach einer „ökologischen und solidarischen Ökonomie“.

Schöne, bessere Welt

Wie diese neue, alternative Ökonomie, nach der sich angeblich viele Menschen sehnen, konkret funktionieren könnte, lässt Ferdinand Kaineder offen, aber sein Hinweis auf die Leit­figur Niko Paech deutet die Richtung an. Die Vision des deutschen Postwachstumsökonomen Paech für eine bessere Welt sieht nämlich so aus: 75 Prozent der Flughäfen werden geschlossen, 50 Prozent der Autobahnen gesperrt. Die Menschen haben weniger Dinge für sich, sondern als Gemeinbesitz, zum Beispiel Rasen-mäher, Fahrrad und Waschmaschine. Neue Häuser werden nur mehr gebaut, wenn es gar nicht anders geht. Da viel weniger konsumiert und produziert wird, sinkt die Arbeitszeit auf 20 Wochenstunden. So haben die Menschen genug Zeit, ihre kaputten Dinge selbst zu reparieren und eigenes Gemüse anzubauen. Schöne neue Welt? Mag sein.

Kapitalismus kann zwar töten, er kann aber auch materielle Werte schaffen wie kein anderes Wirtschaftssystem.

Man kann für diese alternative Lebensform Sympathien haben, sie allein oder mit anderen ausprobieren, auch für sie werben und ihr mit Gleichgesinnten eine parlamentarische Stimme sichern. Problematisch finde ich es aber, diese Existenzvariante zur einzig tauglichen Zukunftsökonomie zu erklären und dafür en passant gleich einmal die gesamte Kirche zu instrumentalisieren. Niko Paech, so vertraut uns Ferdinand Kaineder an, habe ihm schon vor Jahren einmal mitgegeben, er wünsche sich aus dem kirchlichen Eck viel mehr Widerstand gegen „Zuvielisation“ und „Bequemokratie“.

Das mag Paechs Wunsch sein und Kaineders­ Wille, meine sind es allerdings nicht. Ich will zwar auch, dass ökologische Fehlentwicklun­gen und soziale Schräglagen korrigiert werden, aber nicht so, wie Paech sich das vorstellt. Leute wie er unterschätzen völlig die unerwünschten wirtschaftlichen und sozialen Neben­wirkungen einer radikalen Wachstumsbremse. Ich bin davon überzeugt, dass mehr existenzielle Sicherheit und Freiheit für möglichst viele Menschen auch in Zukunft nur dann möglich sind, wenn eine klug regulierte Marktwirtschaft international erfolgreich floriert.

Rundumschläge gegen „den Kapitalismus“, zu denen auch Papst Franziskus gerne ausholt, halte ich für falsch, zumindest für viel zu undifferenziert. Kapitalismus kann zwar töten, er kann aber auch materielle Werte schaffen wie kein anderes Wirtschaftssystem und dadurch Leben ermöglichen. Ausgerechnet aus dem ideologischen Lager der Postwachstumsökonomie kommen oft auch ziemlich unbescheidene Forderungen nach mehr Sozialstaat. Wie der Staat seine Spendierhosen füllen soll, wenn der materielle Reichtum der Gesellschaft insgesamt sinkt, hat man mir aber noch nie überzeugend erklären können. Global betrachtet brauchen gerade die ärmeren Länder zur Verbesserung ihrer Lage nicht nur soziale Standards, sondern unternehmerische Eigeninitiative, Investitionskapital, Rechtssicherheit und faire Handelsbeziehungen. Soziale Standards bleiben nämlich, wenn sie keine finanzielle Basis haben, Wunschbriefe ans Christkind.

Melange von Politik und Religion

Obwohl ich andere wirtschaftspolitische Strategiepräferenzen habe als Ferdinand Kaineder, gehören wir beide zur katholischen Kirche. Daher stört es mich, dass er „alle Religionen“, vor allem aber die katholische, auf sein gesellschaftskritisches Programm verpflichten will. Geradezu vermessen finde ich es, dafür eine Art Alleinvertretungsanspruch auf die göttliche „Spiritualität der Liebe“ zu erheben. „Vor allem von den Bischöfen“ erwartet Kaineder ­Widerstand gegen die kapitalistische „Megamaschine“. Und von den Regierenden erwartet er ein „neues Zuhören“, wenn diese Bischöfe ­einer wiedererstandenen Befreiungstheologie das Wort erheben. Was soll das heißen? Bischöfe als wachstumskritische Regierungsflüsterer? Solche Melangen aus Politik und Religion sollte man gerade in Österreich mit Vorsicht brauen.

Wirklich dreist finde ich es, dass Ferdinand Kaineder seinen eher risikoarmen Widerstand mit Franz Jägerstätters Widerstand gegen das NS-Regime in einen Topf wirft. Und letztlich überrascht es mich nicht, dass dieser Antikapitalismus aus dem Geiste göttlicher Spiritualität in eine Drohgebärde mündet: „Ich bin überzeugt, dass wir scheitern, wenn wir uns diesem spirituellen Raum – für uns Christinnen und Christen ‚Gott‘ – nicht öffnen.“ Entweder ihr tut, was ich will, oder ihr seid verloren! Mit dieser autoritären Prophetenpose kommt Ferdinand Kaineder seiner Leitfigur Niko Paech sehr nahe. Paech sagte einmal in einem Interview etwas Ähnliches: „Wenn ihr das Glück nicht wollt, dann geht in Gottes Namen unter!“

Der Autor ist Literaturkritiker und Autor. Jüngst erschienen: „Im Heizhaus der sozialen Wärme“ (Otto Müller Verlag).